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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-01-08 · Heft 1 (8.1.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 1 (8.1.1886)
Date
1886-01-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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- 3 — Hause — sitzen. Die Bedürfniße der Familie wachsen, das Einkommen vermindert sich, der Oalstü tritt iu's Haus und mir ibm — der Krieg. Nun wird die Orthodoxie des Vaters in's Gebet genommen, für das Unglück der Familie verantwortlich gemacht. Ein Krieg aller gegen alle beginnr. die ©ebne wer־ lassen nun nothgedrnngen das Hans, was sie aber zurncklassen, ist — die Orrhodoxic. Mir fehlr jede« Talenc zum Romanschreiben, ich glaube aber, ein wenig nach der Natur zeichnen zu können. Wer das Leben und die heutigen Verhältuiße kennt, der möge mir widersprechen, wenn ich also behaupte, nur wer reich ist, kann beute im orthodoxen Sinne jüdisch leben. Einst war es ein Leichtes, echt jüdisch zu leben. Das Ghetto, das anspruchslose Leben, das vom Welthandel abgeschlossene Land der Mangel an Eomniunicalionsn.ittc!, der Bildungsgrad des Volkes, Alles wirkte zusammen. Heule ist aus dem Ghertojuden ein moderner Mensch geworden. Existenzverhältniße, sociales Leben, B.ildung und Wissenschaft sehen ihm verändert entgegen, die Gegensätze treten sehr scharf hervor, ein gewaltiges Ringen sindet überall stall, und wer unterliegt— das ist die Orthodoxie. Ich glaube klar gezeigt zu haben, dass die Orthodoxie mit Naturnoihwendigkeit den Zeit- und Erwerbsverhältnißen erliegen muss. Mit dem Schwinden der Orthodoxie aus den jüdischen Familien und Gemeinden fallen alle jene Momente, welche eine Andacht zuerst künstlich und später natürlich erzeugten. Die moderne Familie, der Naturmensch bleibt zurück und die religiöicu Gefühle verlangen nach Befriedigung, sie sehnen sich nach dent Gebete, nach der wahrhaften Andacht, die nicht von außen hineln,!ondern von innen heraus sich entwickeln muss. Dieses Verlangen lässt sich durch unverstandene Wörter und Sätze nicht > stillen, es reagirt gegen eine solche Fälschung — und etwas anderes ist es nicht, wenn Jemand gedankenlos Unverstandenes hersagt und es beten nennt — es lässt den Lstiäur unbeachtet, wendet dem Gotleshause, von dessen Thun und Lassen es nichts versteht, und daher auch nicht angeregt oder erbaut sein kann, den Rücken. Die Leere in unseren Gotteshäusern sinder eine ganz natürliche Erklärung. Fremd fühlt sich schon heute der größte Theil der jüdischen Bevölkerung in größeren Städten im -jüdischen Gotleshause und wäre nicht Gesang und Predigt, so gäbe es gar nichts Anregendes mehr zur Belebung des religiösen Sinnes. Die hebräische Sprache und tbeilweise auch der Inhalt der Gebetstücke verschließen dem heutigen Juden den Weg zu Gott. Die Noch lehrt wohl beten, allein erstlich ist die Noch kein normaler Zustand, das durch die Noth erpresste Gebet besteht ferner in Naturlauten, in der Muttersprache ausgestoßen, ist nicht sinnlos und zeigt, wie ein echtes Geber zu sein hat. Der Mensch soll nicht erst auf die Noth warten, seine religiösen Gefühle sollen stets wach erhalten, also stets Nahrung finden. Wir brauchen Gebete, die Jedermann v e r st e h t. Es geht nicht an, von Jedem zu fordern, eine tobte Sprache zu verstehen, damit er seinem Gotte danken kann. Wir. brauchen f ü r'6 Volk Gebete in d e r M u t t e rspräche. Nun muss ein Hauptangriff parirt werden. Man sieht ganz gut ein, dass das unverstandene Gebet für den heutigen modernen ^zuden ganz werthlos ist. Man macht aber die jüdischen Schulen für den Uebelstand verantwortlich. Aufgabe derselben, so sagt man, wäre es, dafür zu sorgen, dass die Jugend die Gebete übersetzen und verstehen lern!; dann kann von gedankenlos und unverstanden nicht mehr die Rede sein. Solche Phrasen zeigen eben von Oberflächlichkeit und Unkenntnis der wahren Sachlage. Erstlich ist es mit dem gewöhnlichen Gebetbuche allein nicht abgethan, die diversen Festtage haben ja ihre Naostsoriin, deren Inhalt wobl auch verstanden werden soll. Oder muss man nicht die unbedingte Forderung erheben : Alles, was Jemand zu Gott spricht, soll er zunächst selbst verstehen? Soll der jüdische Handwerker oder der jüdische Soldat, der Bosch haschonoh und Jom Kipur den Tempel besucht, nicht in der Lage sein, dem Gottesdienste mir Verständnis zu folgen? 9!an denke man sich diese Stoffmenge und dazu die Bibel, deren Inhalt im Urtexte die Jugend doch auch übersetzen und verstehen muss, um den Wochenabschnitt zu versteben, und nun frage man sich, ob Schulkinder im Alter von 6—12 Jahren eine solche Quantität bewältigen können. Im Gymnasium sind Jünglinge im Alter von 10 bis 20 Jahren durch volle 8 Jahre, und nun summire man den gelammten Lehrstoff aus dem Lateinischen (ebenfalls ^eiue todte Sprache analog dem Hebräischen) und man wird einen Begriff erhalten über das, was möglich und unmöglich ist. Sicher ist, dass, wer die Nachsorim übersetzt und versteht, ein Hebraist sein muss, der hebräischen Sprache in Wort und Schrift mächtig. Und kann dieses von Jedermann verlangt werden? Und doch muss Jeder jedes Gebet ״ verstehen! Also, ist ein solcher Zustand auf die Dauer haltbar? Die hebräische Sprache ist das einigende Band, das sämmtliche Juden aller Staaten und Zonen umschlingt, und darum müssen die Gebete in hebräischer Sprache verbleiben. So hört man oft vernünftige, conservative Leute einwenden. Dieser Einwand macht auf mich denselben Eindruck wie die Aeußrnug: Die Nischchsrachs müssen bleiben, obwohl sie die unschuldige Ursache vieler Ungebührlichkeiten im Golteshause sind, weil die Gemeinde-Institute durch dieselben Revenüen haben. Die Aufrecht- I erhaltung des einigenden Bandes ist gewiss eine recht schöne Sache, aber in erster Linie soll vorgesorgt werden, dass das Volk andächtig beten kann. Dieses einigende Band ist ja schließlick auch des Volkes wegen da und nicht umgekehrt, llebrigens ist es ja nicht nöthig. die hebräische Sprache vollständig aus der Synagoge zu bannen. Sie verbleibe für den Cantor, für den Rabbiner und in beschränktem Maße auch f ü r's Volk. Die hebräische Sprache kann in der Synagoge denselben Raum einnehmen, den etwa die lateinische in der Kirche beansprucht. Wir können sogar noch um einen Schritt weiter gehen: Die jüdische Schule soll es übernehmen, für das gründliche Verständnis sämmtlicher hebräischer Stellen der neuformulirten Gebete zu sorgen. Ich bin zu Ende. Wer einen triftigen Einwand vor-ubringen hat, möge mich belehren, und wer Luft-zum Prügeln hat, dem gebe Gott Kraft dazu. Nur täusche sich Niemand. Abgründe werden nicht dadurch verschüttet, dass man in heiliger Scheu dieselben im weiten Bogen umgeht, und Wunden heilen nicht, wenn man sie einfach ignocirt. Im Gegentheile, die Abgründe müssen, nöthigenfalls mit Opfern, gründlich gestopft und Wunden mit Eisen gebrannt werden. Die mißlichen ErwerbSverhältniße, der Antisemitismus und das N i ch t b e t e n dazu ebnen den Weg aus dem Judenthume. Moses Mendelssohn. Am vierten Jänner sind es hundert Jahre geworden, seit Moses Mendlssohn sein der Erforschung der Wahrheit und der Bethärigung des Guten gewidmetes Leben beendigt. Wie eine wohlbekannte, vom Sonnenlicht bestrahlte Fahne, hoch aufgevflanzt auf Bergeshöhen, weit hinein in die Gauen und Lande blickt, wie sie freundlich Tausende grüßt und von Abertausenden wieder gegrüßt wird, so glänzt der Name Moses Mendelssohn in der Geschichte des deutschen Volkes.

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