Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1886)
- Date
- 1886-01-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 2 — Articnlation, und mir die leichte Articnlation lässt die Werkzeuge der Stimme von der Zunge bis zum feinsten Fäserchen der Glottis unbeschadet in der natürlichen Lage. Wird aber ein, oder gar mebr als ein Theil gediückt, verzogen, getrieben: so entstehen dadurch Misverhältniße in dem organischen Theil der Stimme; der Ton bekommt keinen freien Gang, er wird aufgehalten, getheill, in die Schlupfwinkel des Halses und der Nase vertrieben und gequetscht. Die Buchstaben, die Sylbe, das Wort, welche oft in einer Sprache Vorkommen und von dem Ausländer nur mit Ansrrengung richtig gegeben werden, gehören nicht zur Beförderung des guten Gesanges- und verändern die richtigen Verhältniße der Kehle. Ich besinne mich zwar nie, diesen Maßstab als Beweis für den Satz gefunden zu haben; aber er leitet auf so manche Bemerkung, die verbreitet, Nutzen stiften könnte, dass ich mich nicht enthalten konnte, ibn hier mitzutbcilcn. Man wird mir vielleicht entgegnen, nach diesem Maßstabe würde ein Franzos, der durch die Leichtigkeit seiner Nationalsprache zur Erlernung fast jeder andern schwereren Sprache untüchtig gemacht wird, die seinige als die einzig schickliche für den guten Gesang ansehen; sie würde auch in der Thal, wegen mancher Tbeile, einer anderen Sprache vorzuziehen sein, wenn ihre Nasal- und st ummen Sylbea nicht wären, die der Ausländer - schwerfällig auszusprecheu pflegt, und die des Landsmanns Kehle verderben. Der Franzos spricht aber die italienische Sprache ziemlich gut, so wie eS fast keine Nation gibt, die dazu unfäbig wäre; ja er spricht sie meist eleganter als der Deutsche, und von unserer Sprache diejenigen Theil-.׳, welche wirklich leicht und darum zur Bcförderung eines schönen Gesanges dienen. Nur die zischenden Gaumeusylben, die sch-s und ch-s in der Mitte unserer Wörter, die den Säuger verzweifeln lassen, der es weiß, dass ts seine Pflicht ist, gute Töne mit deutlich articulirten Worten zu vereinigen, diese kann der Ausländer nicht leicht aussprcchen, und diese müssten die Dichter in ihren Arbeiten iür den Tonsetzer vermeiden. (Fortsetzung folgt.) Unser Vereinsorgan. Eine Rückschau. Ein Lustrum ist's nun, dass uns ein Blatt zugeflogen kam, unverhofft zwar, doch längst erdacht und ersehnt, welches uns anmuthete, wie das Oelblatt im Munde der Taube Noa's und uns gleichsam zu verkünden schien, dass von nun ab auch uns das Wasser nicht mehr über den Kopf reichen, das Chaos verschwinden und unser Fuß künftig trocken und sicher -dahinschreiten werde. Es war das erste Blatt der ,österreichischungarischen Cantoren-Zeitung*. Wer von uns begrüßte das Erscheinen dieses Blattes nicht freudig, wem war es nicht herzlich willkommen? Wer fühlte sich nicht gehoben in dem Bewußtsein, dass er fortan auch ein Glied jenes einigenden Bandes bilde, dessen wir alle so bedürftig waren, um unsere moralische, intellectuelle Zusammengehörigkeit zu doeumentiren? Welche Jubelhymnen ertönten da von allen Richtungen der Windrose her, wie gehätschelt und liebkost wurde dieses Lieblingskiud, zu dem jeder insbesondere Gevatter stehen wollte. Und mir vollem Rechte. Sind wir doch durch die Canloren- Zeitung und ihr Gefolge, den Cantoren-Verein. etwas geworden. Aus dem tohuwabohu ist das Licht erstanden, das uns als Feuersäule durch die Nacht künftiger Geschicke geleiten sollte. Fünf Jahre voll Ringens und Kämpfens sind es, welche das Blatt mit der Jahreswende beschließt. Gestehen wir es, dass es sich voll und treu bewährt hat, dass es seine Mission ehrlich erfüllte, dass es noch heute jugendfrisch, unentwegt für unser Wohl murhig kämpft — doch leider auch um sein ferneres Dasein. Das Organ der Cantoren hat redlich gehalten, was ses versprochen. Haben wir aber das Gleiche gethan? Dies scheint aber nicht der Fall zu sein. Schmerzlich müssen uns die ewigen Mahnungen berühren, die Herren mögen doch ihre Pflicht erfüllen. Der Schreiber dieses ist als Familienvater wahrlich nicht frei von Sorgen, doch in dem Gedanken: ,ח1א יהיה לך ל2ח das Blatt ist uns ein Dolmetsch", versäumt er es nie, seine Gebühr pünktlich zu entrichten. Als heilige Pflicht sollte es jeder College betrachten, das Vereinsorgan materiell und geistig zu unterstützen כי היא חייך, nur durch dieses geben wir ein Lebenszeichen von uns. Und wahrlich, Niemand von uns ist so arm, dass er nicht den geringen Obolus täglich für sein eigenes Interesse aufsparen könnte. Darum erwachet aus Eurer Lethargie und schreibe! Euch nicht die Schuld zu, wenn der geehrte Begründer dieses Blattes sich früher oder später genöthigt sehen sollte, dasselbe aus Mangel an Theiluahme der ewigen Ruhe anheimzugeben. Pisek, am 31. Dezember 1885. Cantor M. Nojenfeld. Die Gebete in der hebräischen Sprache, das Volk und die Religiosität. Von L. Wiesenfeld, Oberlehrer in Ung.-Brod. (Schluss.) Es ist wahr, so höre ich, beim Geschäfte lässt sich schwer fromm sein; aber in anderen Lebensverhältnißen kann man doch jüdisch leben? Suchen wir also andere Existenzen auf, z. B. einen orthodoxen Landwirih, der seine selbstständige Wirthschaft hat, von Niemandem abhängl, . also nur sich, seinem Gotte und seiner Religion leben kann. Der könnte doch sein orthodoxes Judenthum behalten! Ja, wenn er reich ist, sonst nicht. Am Sabbalh und den Festtagen, ja schon Freitag Nachmittag müssen die Pferde in den Stall kommen und der Knecht hat Ferien. Sonntage und christliche Feiertage sind selbstverständlich für die Arbeit verloren. Nun treten oft sehr schwierige Verhältniße ein. Das Heu ist abgemäht, abgetrocknet, Regen steht in Aussicht. Ueberschwemmung möglicherweise; heute Sabbalh ist vielleicht! noch Zeit zum Einheimsen, bis Montag kann alles Heu, das ein großes Capital repräsentirt, verloren sein. Wie lauge wird denn die Orthodoxie diesen unbeugsamen Verhälknißen gegenüber starr bleiben? So lange der Neichthum anhält. Die Verarmung aber sprengt die Orthodoxie. Anfangs werden die bekannten Ausflüchte herhalten. Der Knecht schneidet sich am Sabbalh s e in en Häckerling, verwendet seine Pferde, der Herr braucht hievon nichts zu wissen u. dgl. Später kommen etwas grellere Gewaltthaten, z. B. im - Allgemeinen (klall) muss Sabbath gehalten werden, der Einzelne (prat) mag dreschen lassen. Kurz, bei der Landwirthschafr gehl's auch nicht. Die Tochter, ein hübsches Mädchen, gefällt dem jüdischen Ingenieur, aber eher hackt ihr der Vater ,den Kopf׳herabV bevor er sie dent 0ba86vesser gibt. Der Sohn fände in der Stadl eine sehr gnle Anstellung, aber er müsste am Sabbath im Comptoir sein. Also bleiben Töchter und Söhne hübsch zu