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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-01-08 · Heft 1 (8.1.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 1 (8.1.1886)
Date
1886-01-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Zu einer Zeit, da der Materialismus Alles überwucherte, wo der Eigennutz den Ton augab. da selbst in der Kunst der Realismus als höchster Genius waltete und ihm alles Ideale geopfert wurde, da das Auge gierig nach Siun-slust weithin ausspähte, rrat Mendelssohn, der Vorläufer jener herrlichen Blüthentage deutschen Geisteslebens, als wackerer Kämpfer für Recht und Wahrheit auf. Wie der, erglüht für alles Schöne, Edle und Erhabene, begeisterte er auch seinen Freund und Gesinnungsgenossen Lessing zu seinem ,Nathan", Lessen geistiger Urheber er war und in dessen Zügen der weise Mendelssohn sich abspiegelt. Was die Natur an Mendelssohn an äußerlichen Vorzügen Schönheitsformen und männlicher Idealität vernachlässigt, das hat sie ihm reichlich wieder an geistigen Gütern ersetzt. Sein klarer, scharfer Verstand, sein Mnth und seine Unerschrockenheit, wo es galt, für die Wissenschaft einzutreten, verließen ihn auch jeneu Personen gegenüber nicht, wo selbst dem gottbegnadetsten Denker das Wort auf den Lippen erstirbt. Folgende Episode aus seinem Leben, die geschichtlich verbürgt ist, und welche die erste Sprosse auf der Stufenleiter seiner Ruhmeshöhe bildete, dürste zur Genüge seine Offenheit und Wahrheitsliebe, selbst gekrönten Häuptern gegenüber, kennzeichnen. - Als mau Friedrich dem Großen hinterbrachte. dass der Anonymus, der eine solche herbe Kritik gegen seine philosophischen Lchriften losgelaffen, Moses Mendelssohn sei, gerieth er in heftigen Zorn und gab den Befehl, Lass er vor ihm in Sanssouci zu erscheineu und sich über seine Kritik zu rechtfertigen habe. Dieser Befehl wurde Mendelssohn an einem Freitag spät Abends zngestellt, welcher lautete, dass er Sonnabend um elf Uhr Vormittags zum König beschiedeu fei. Mendelssohn, der, streng religiös war und selbst die geringste Ceremonie in dem Glauben seiner Väter skrupulös beobachtete, befragte den damaligen Rabbiner Fränkel in Berlin, ob er den Sabbath entweihen dürfe. Der Rabbiner sagte ihm, dass er es sogar thun müffe, wenn der König es befiehlt. Früh Morgens um sechs Uhr fuhr Mendelssohn auf einem einfachen Leiterwagen nach Potsdam und langte daselbst kur; vor elf Uhr an und wurde sofort in den Audienzsaal geleitet. Friedrich der Große sah zum erstenmal dieses kleine 1111׳ ansehnliche, mit einem Höcker behaftete Männchen. Wohl hatte er öfter schon von Voltaire, Marquis d'Argent und Leffing Schönes und Rühmliches über ihn gehört; jedoch gesehen halte er ihn nie. Friedrich der Große herrschte ihn mit den Worten an: ,Hat der Jude es gewagt, mich so scharf zu kritisiren?' Mendelssohn verneigte, sich in Demuth und entschuldigte seine Unart mit der, Bemerkung: »Majestät, wer Bücher schreibt, schiebt öffentlich Kegel, und wer öffentlich Kegel schiebt, sei er König oder Bauer, muss sich gefallen lassen, wenn der Kegeljunge ihm lagt, dass er nicht Kegel zu schieben verstehe.' Der gewaltige Schlachtenheld hat erfahren, dass man Ideen nicht mit Kartätschen bekämpft, sondern nur mit anderen mächtigeren Zdeei!. Friedrich der Große verschluckte die bittere Pille, die ihm der Kegeljunge gereicht, und — schob weiter Kegel. Seit jenem Tage, wo diese denkwürdigen Worte zwischen beiden Größen gewechselt wurden, datine Mendelssohn's Ber ümtheit. Er, der bisher nur Schutzjude gewesen war. erhielt das Bürgerrecht der Stadt Berlin und die Aufnahme in die Academie der Wissenschaften. W. T. Vereinsnachrichten. VII. Ausweis י der Sammlungen zu Gunsten des österr.-ung. Laut oren-Vereines. In der Gemeinde Strakvuitz (Böbmen) sind durch das Vereinsmitglied, Herrn Obercanlor Emil Fränkel, folgende Beiträge gesammelt worden: . 5 fl. jährlicher Beitrag . 4 » einmalige Spende - 4 , » . 4 . - 1 . - 1 , . . 2 . Israel. Cuttusgemeivde Herr Zakob Fürlb .... Moritz Fürtb . . . , Joses Nitier v. Fürlh . , Josef Zucker . . . . » Leop. Gutfreuud . . . Carl Weil! . . . Typen aus dem südlichen Ghettolelien. Von Simon Iiamant- Oberlehrer, Austerlitz. (Alle Rechte Vorbehalten.)' VI. Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder in die Sukkah zurück. Wie bereits bemerkt, hatte der eintretende Neb Jekef die Traurigkeit seiner Nachbarn bemerkt und dazu gehörte wahrlich keine allzugroße Divinationsgabe, da in den Augen der beiden Allen noch Spuren vergossener Thränen zu bemerken waren. Gewiss wegen Jukewl, dachte Neb Jekef bei sich! Ack, mit den Kindern hat man so viel Herzleid! »Klane Kinder, Haue Leid, große Kinder, große Leid, verheiratete Kinder, große und klaue Leid!" und unwillkürlich dachte er an seinen Sohn, dem er den Verlust des noch lauge nicht verschmerzten Schaclirith zu verdanken hatte. Doch der gute Neb Jekef hatte sich es nun einmal vorgenommen, die trauernden Alten zu erheitern und wenigstens für den Moment ihren Schmerz durch seinen sprudelnden Humor zu verscheuchen. Hätte der gute Mann Götbe studirt, er würde mit dem Altmeister der deutschen Dichtkunst gerufen haben: »Die frohen Freunde laden dich, o komm' au nufere Brust! Und was du auch verloren hast, vertraure den Verlust!" Auch Reb Naftole hatte sich so weit ermannt und versuchte, seine liebe Lea ein wenig auszuheitern. ״Bedient Euch, Reb Jekef", sagte er, ihm eine Schüssel׳ mit Fischen hinschiebend: ״Isobajim" und er stieß mit dem Nachbar an. Letzterer ließ sich diese freundliche Aufforderung nicht wiederholen, machte einen tüchtigen Zug aus dem Glase und erwies auch dem Fischgerichte alle Ehre. ,,Meine Lea", sagte der Hausherr, um der Situation eine andere Wendung zu geben, ״meine Lea meint immer, der Succoth sei ibr der liebste Jomtof". ״Mboh!!!" replicirte Reb Jekef, .,mir ist der liebste Jomtof gerade Schewuoth." ״Behemele: Nosch Haschono kann man nicht essen, wann man will; Pessach nicht, was man will; Succoth nicht, wo man will -— Schwuoth jedoch kann ich essen, wann, was und wo ick will", und dies sagend, ließ er es sich, trotzdem er'bereits mit seiner Matel zu Hause gebührend, lechowed Jomtof, genachtmahlt hatte, wohl schmecken und that den Vorgesetzten Speisen tüchtigen Bescheid. ״Lechajim, Neb Naftole!^׳ ״ ,Aprepü, Neb Naftole, habt Ihr einen schönen Esrog aus Jomtof?" Nachdem der so Angesprochene die Vorzüge!etiieS Esrog auf welche man damals großes Gewicht legtemit allen möglichen Farben geschildert, unterbrach ihn der joviale Nachbar, indem er meinte: ״Glaubt mir, meine Lieben: »Auf dieser Welt haben dreierlei Gegenstände einen schlechten Chochew. — Ein Rcbbe ein Fuhrmann und ein Esrog!" Wie so, fragte Lea, die nun den Schnurren des gemüthlicheu Nachbars zuzuhören schien. 1 ״Wie so, werd ich Euch sagen: E Nebbe, wenn das Kind j beim Verhören gut kann, sagt man nicht, der Nebbe hat sich

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