Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 44 (30.12.1885)
- Date
- 1885-12-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — scheu Geschichte nach Anhaltspunkten für unsere Arbeit und wir sehen uns veranlasst, eine spätere Epoche aufzusuchen, und zwar die des alten Griechenthums; hier finden wir in der That schon ertzrebigeren Stoff für unser Vorhaben. Abgesehen davon, dass die zu jener Zeit Ln Griechenland übliche Zusammenstellung der Töne unserem Ohre in-der Totalwirkung nicht ganz fremd klingt, finden wir auch eine Skala, deren Intervalle v ollständig nufererem noch beute üblichen ־ מלן אבות©teiger entspricht, und zwar die äolische. Nach einem Berichte des Heraclides Ponticus bei Athen war die äolische Tonart mit der Skala all c d e f g a bereits zu Terpanders Zeiten (gegen 800 v. Ehr.) schon bekannt. Wer kann und darf es nun wagen, das Alter dieser Siugweisen zu bezweifeln, wenn ibr Tongesüge, d. h. die charakteristische Zusammenstellung der Skala, als im grauen Älterchume bekannt nachgewiesen erscheint? — Eine zweite Skalaähnlichkeit mit unserem Steiger ist in der griechischen Musikgeschichte nicht nachweisbar. Wir durchblättern die Musikgeschichte späterer Zeiten und anderer Völker, in deren Mitte oder Nähe die Juden lebten, allein wir finden theils trübe Quellen, theils für unsere Zwecke nutzloses Material, bis das Studium der altperfischen Musikgeschichte wieder höchst bemerkenswerthe Belege für unsere Arbeit bietet. Aus der vormohamedanischen Epoche ist weder ein schriftlicher noch anderweitiger Anhaltspunkt für die Gattung der damaligen Musik nachweisbar, sondern dieselbe verpflanzte sich, gleich wie bei den Juden, als sogenannte Traditionsmusik auf die Nachwelt. Von einer mohamedanischen Musiktheorie ist überhaupt erst bei Chalil (gest. 786) die Nede. Schon zur Zeit Chalil's, oder vielleicht von ihm ausgestellt, gab cs eine arabisch-persische Tonart, deren Skala von der 3.—L und 6.-7. Stufe einen Halbton hatte, während die anderen Stufen nach den heutigen Systemen Ganztöne auswiesen; jedoch erst Abdul Kadir brachte die arabisch-persischen Singweisen insofern in ein System, indem er 12 Skalen mit dem mannigfachsten Zntervallengefüge aufstellte. Unter dielen 12 Skalen nun befinden sich 2, welche vollständig mit den beiden von uns aufgestellten Sleizerskalen übereinstimmen, u. z. die Skala Usehak mit den Tönen C D—E F Gr A—B C als unserem יי מלך" und die Skala Newa mit den Tönen 0 I)—Es F Gr—As B C als der aeolischen Tonart oder unserem אבות jD"Steiger volkkommen entsprechend. Somit wäre zweifellos nachgewiesen, dass die Singweise des יי מלך- und אבות jD'Steiger allerdings uralt, aber keineswegs jüdischen Ursprungs sei; oder wären wir zu der Annahme berechtigt, die angeführten Völker hätten die Singweiseu den Juden entlehnt? Nachweisbar ist weder das eine wie das andere, j wenngleich bei der bekannten strengen Abgeschlossenheit der damaligen Juden von den anderen Völkern an ein Entlehnen seitens der Juden nur schwer gedacht werden kann. Soviel jedoch muss als klar erwiesen hingestellt werden, dass diese beiden Steiger unmöglich in die KategoriedeS sogenannten ,Polnisch Singen" eingereiht werden können, dass vielmehr, angesichts dieser u n a n t a st - b a r e n T h a.tl a ch e n, das Schein gebilde des ,Pol. nischSingens' vollständig verblasst und verschwinden muss. Die Benennung ״Polnisch Singen'^ mag daher rühren, dass die nach Polen eingcwanderten spanischen und anderen jüdischen Flüchtlinge die mitgebrachte Singweise als heiliges Erbgut ihrer Väter hochhielten und pflegten, und dass einzelne derselben vielleicht gar Künstler im Vortrage derselben waren, allein ein wissenschaftlicher Nachweis für die Berechtigung des Ausdruckes ist nichr zu erbringen, erscheint auch angesichts des hiltorischen Altersnachweises der beiden angeführten Steiger vollständig nutzlos. Somit bliebe uns der eine ישתבדז-©^{^, den wir als ausschließlich synagogales Eigenthum betrachten müssen, indem deffen Jntervallengefüge keiner der biß nun bekannten ältesten, alten oder modernen Skalen entspricht. Und in der That, die Tonfolge d i es e s, Steigers findet sich zumeist bei allen sogenannten, uralten Melodien. Man beachte die Sckluisphrase von והכהנים — die Basis der Melodie, wie der alte דק das Gebet אבינו מלכנו recitirte, das ganze חזנות von ׳מעריב לש״חד das Tongesüge׳ des לחור וחור für "ר״ה und ebenso bei ת״ שבת — ובכן תן פחדך; kurz bei den meisten sogenannten ״uralten Melodien" finden wir Anklänge vom ישתבח-©^^. Auch Comp »nisten der Gegenwart, wenn sie im jüdischen Geiste schreiben wollen, thun dies zumeist, wenn auch unbewusst, aber trotzdem künstlerisch-feinfühlig, innerhalb des Tongefüges des ־ישתבח©^^«•*), so dass wir, da auch die charakteristische Tonfolge dieser Skalen mit keiner der bis jetzt bekannten Tonarten übereinstimmt, zu dem berechtigten Schlnste gelangen, dass dieSkalen des ישתבח-© teiger mit den T ö n e n C -Des F Gr Gr—As B C allein d i e Skala der a l t s y n a g o g a l e n M u s i k b i l d e, und dass alle Tonphrasen oder Tonwendnngen, welche dieser Skala nicht entsprechen, als unberechtigte Verunglimpfung der Kunstform betrachtet werden müssen. (Fortsetzung folgt.) pro llomo. Diese Nummer beschließt den fünften Jahrgang der öfterreichisch-ungarischen Cantoren-Zeitung, und mit freudige Genugthuung können wir auf das abgelaufene Quinquennium zurückblinen, denn innerhalb dieses kurzen Zeitraumes hat sich durch die Gründung der Cantoren-Zeitung eine große und heilsame Veränderung in dem Kreise unserer Standesgenossen vollzogen. Die Cantoren Oesterreich-Ungarns, die bis dahin ohne jeden Schutz, ohne ein einigendes Band, Jeder für sich abgeschlossen, lebten, hüben sich zu gemeinsamer Thätigkeit zusammengefunden und erstarkt durch das Bewusstsein der Solidarität, trotz mannigfacher Schwierigkeiten, trotz zahlreicher Anfeindungen eine großartige Institution, den österreichisch-ungarischen Cantoren-Verein, in's Leben gerufen. Hervorragende Fachgenossen, denen das Wohl ihrer Collegen am Herzen lag, haben in diesen Blättern die wichtigsten Standesfragen eingehend erörtert und j aus dem reichen Schatze ihres vielseitigen Wissens und ihrer langjährigen Erfahrungen Belehrung und Aufklärung in die Kreise ihrer Collegen getragen. Ein reges, geistiges Leben entwickelte sich in nie geahnter Größe auf dem Boden der Cantoren- Zeitung, und so mancher Widersacher des Cantorenstandes, dem es schon fast zur Gewohnheit geworden war, von Zeit zu Zeit sein Mütchen an unseren Collegen zu kühlen, steckte, betroffen und bestürzt über den dem Cantorenthum so plötzlich erständenen Vertheidiger, das Schwert in die Scheide. Man sollte doch glauben, dass solche Erfolge, die zum guten Theile der Cantoren-Zeitung zugeschrieben werden können, unter den Cantoren selbst gebührende Anerkennung und eifrige Unterstützung finden müssen. Leider können wir dies nickt bebauptcn.. Nickt dass wir etwa über Mangel att Interesse für das Fachblatt klagen könnten. Jedermann lässt sich nach wir *) Siehe Rubinstein, Makkabäer-Chor «Schlaget die Pauke".