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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-12-19 · Heft 43 (19.12.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 43 (19.12.1885)
Date
1885-12-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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recht? und links, denn es heißt: .׳״אל דעות יי Gott des Wissens, der Ewige; ferner: ,Wer die Wissenschaft geringschätzt. verschmäht, ist des Erbarmens nickt werrh, denn es beißt: "כי לא ׳עם בינות הוא על כן לא ירחמנו עשהו" .Weil das Volk unvernünftig ist. darum, erbarmt sich dessen sein Schöpfer nicht' (Leraoli. 33.). Daraus ist doch deutlick genug zu ersehen, wie hock die Wifsensckafi im Jndenrbume geschätzt wird, dass sie von der Religion durchaus nickt verdrängt, vielmehr gefördert wird. Aber noch cclatanter und interessanter ist folgende Begebeuheit, die uns im Talmud erzählt wird und den unzweideu- Ligen Beweis liefert, dass das Judenthum Mysterien aus. dem Wege gebt, und religiöse GebeimniSthuerei verschmäht. sondern der fre i en Fo r s ck u n g stets buldigt. .Es bat sick im Lehrhausb zwischen N. Elieser und vielen anderen Gelehrten ein Streit entwickelt über einen gewissen Gegenstand, ob derselbe als rein oder unrein erklärt werde. R. Elieser erklärte ihn für rein, die übrigen Weisen widersprachen. Beide Parteien führen ihre Beweise an. Zur Erhärtung, dass die Halacha nach R. Elieser sein soll, geschahen auf sein Geheiß wunderbare Erscheinungen; doch die Weisen sind nickt zu bewegen, dem N. Elieser beizustimmen. Endlich vernimmt man ein .י,׳בת קול eine Stimme von Oben, die Halacha ist, wie N. Elieser behauptet. Dock die Weisen riefen: ,,לא בשמים היא die Thora ist nicht im Himmel' sie ist uns zur freien Forschung überliefert worden, und in dieser Thora heißt es: ׳אחרי רבים להם1ת״ Die Majorität gibt den Ausschlag'. Nach diesem Vorfälle, so wird uns weiter erzählt, begegnete N. Natan dem Profeten Elia und fragt ihn, was Gott in dieser Stunde gethan hat. Darauf antwortete er, Gott sprach: נצחוני בני׳ נצחוני בני Besiegt baden mich meine Kinder, sie haben mich verherrlicht!' (8. Mezia, 59.) Unsere gelehrten Feinde, denen die geistige Auffassung des Talmuds abgebt, in diese Lehrmethode nicht einzudringen ver״ mögen, nehmen diese Stelle wörtlich als eine sich zugetragene Begebenbeit an, ziehen sie in's Lächerliche und gebrauchen sie als Beleg, den Irrsinn des Talmuds zu dokumentiren. Während Typen ans dem Milchen Ghettoleden. Von Simon Diamant- Oberlehrer, Austerlitz. (Alle Rechte Vorbehalten.) V. Da klopfte es an der Thüre und herein trat ein wohlbeleibter Mann von kleiner Gestalt mit einem behäbigen Bäuchlein. Es war der langjährige Nachbar Reb Zekef. ,Gnt Jomtof, Reb Naftole', rief er, wohlgelaunt wie immer, ,gut Jomtof, Frau Lea', und ließ sich an den vollbesetzten Tische nieder, auf welchem die Sprisen noch fast unberührt standen. Auf seinem runden Gesichte ruhte eine wahre Festesfreude, doch mit einem, weun auch stüchtigen Blicke, übersah er die Situation und er mochte bald merken, dass er, der bei den lieben Nachbarsl'euten stets ein gern gesehener Gast war, heute aber keinen günstigen Moment für seinen Besuch gewählt batte. Doch ehe wir in unserer Erzählung weiterschreiten, wollen wir vmi mit der Persönlichkeit des eben Eingetretenen ein wenig vertraut machen. Reb -Jekef war eine jener Ghettofiguren, wie sie eben nur die damalige Zeit Hervorbringen׳ konnte, und die henke noch hie und da sporadisch Vorkommen. Er war, ohne es selbst zu wissen, ein Epikuräer der feinsten Sorte. Eine wohlbesetzte Tafel ging ihm über Alles und versetzte den guten, jovialen Mann, der von Mutter Natur aus schon mit einem heileren Temperamente bedacht war, erst recht in sein eigentliches Element; da überflosL sein Mund von das Ganze dock nichts Anderes außdrücken will, als ״dass das Jndenlhum der fr e ie n F o r-s cku n g huldiget, und dass dieses leibst der Wille Gottes ist. Das ist so die Art und Weise der Rabbiner, ihr methodischer Lehrgang, wenn sie eine Idee zur Gcllung tringen wollen, so wird sie durch ein Sinnbild dargestellt und womöglichst durch einen Bibelspruch bekräftiget. Damit wollen wir auch ein Bild aus dem Profeten (86eharja 4) erläutern und dem Verständniße näher bringen. Ein Engel fragte den Profeten: ימח אתה, דואה Was siehst du? und der Profet antwortete: Ich sehe eine Nsrrora ganz von Gold, einen Oelbehälter darüber, sieben Lampen an sieben Röhren, ושנים זת״ם עליה und zwei Oelbäume daneben, einer rechts vom Oelbebälier und einer links von demselben. Und als der Profet fragte: Was bedeutet das, mein Herr? Da antwortete darauf der Engel: So lautet das Wort Gottes: לא בחיל ולא בכח בי אם ברוחי Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist (Sech. 4, 6). Wie durch diesen Ausspruch die Deutung des obigen Bildes gekennzeichnet wird, in welchem Zusammenhang überhaupt dieses Wort Gottes mit der prophetischen Erscheinung steht, darüber gibt uns obige Betrachtung Aufschluss. Die Nenora mit ihren Lichtern ist ein Sinnbild des menschlichen Geistes, nach den Worten des Spruchdichters: נר יי נשמת אדם ,Eine Leuchte Gottes ist die Seele des Menschen' (Spr. 20, 27). Die zwei Oelbäume an beiden Seiten der Nsnorä deuten einer auf N e-l i.'g i o 11, der andere auf die Wi sseit sch a f t, beide liefern der Seele Brennstoff zur Erleuchtung. Nur, fügt der Profet erläuternd sei hinzu, dürfen Heide nickt mißbraucht werden durch materielle Interessen. (בחיל oder בכה), sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige. Sowohl Religion als Wissenschaft müssten im Geiste Gottes, im Geiste der Wahrheit gelehrt und angewendet werden, dann ist auf ersprießlichen Erfolg zu hoffen. — . W ..... r allerlei Schnurren und pikanten Geschichtchen, dass die Zuhörer aus dem Lachen gar nicht herauskamen und überall hieß es: ,Reb Jekef kann hundert Personen und darüber unterhalten!' In Folge dieser Eigenschaft durfte er auch bei keiner Hochzeit, bei keiner Sude oder sonstigen fröhlichen Zusammenkünften fehlen. Ja, .bald hätte ich zu erwähnen vergessen, dass Freund Jekef auch ״Mohel“ war. Freilich meinten die bösen Zungen, und deren soll es in der Khille viele gegeben haben: Reb Jekef sei nur deshalb hlohsl geworden, um bei den unterschiedlichen Sudes sich gütlich zu thun; überhaupt soll er, einem on dit zufolge, einer flleischigen Sude stets der einer milchigen den Vorzug gegeben haben. Ja, ein Witzbold in der Khille meinte, Reb Jekef's Tusch' sei immer trefe; denn bei einer fleischigen Sude steckte er das ,Bedachts' in die weite, voluminöse Tasche wie bei einer milchigen, und da sich hierdurch die ״Breselech“ mengten, so sei dieser eigenthümliche Vorrathsbehälter immer trefe. Bei all' diesen verzeihlichen Schwächen war aber Reb Jekef gutmüthiger Natur, so was man in der gewöhnlichen Volkssprache ,einen guten Kerl' zu nennen Pflegt; besonders war er aber seinen Nachbarsleuten, deren Herzeleid ihm nahe ging, zugethan, und sein Leibsprüchlein war der Salomonische Spruch : ״Tow Schuchen korew“ ,beffer ein guter Nachbar in der Nähe, als ein Bruder in der Ferne.' Nur einmal in seinem Leben wurde dieser gute Mann gekränkt, und zwar sehr gekränkt, und das ging so zu: Reb Jekef war nämlich auch La! Tefille unb betete seit ,Menschengedenken' am heiligen Versöhnuugstage das Miucha. Unglücklicher Weise hatte ihn die

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