Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 43 (19.12.1885)
- Date
- 1885-12-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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- 3 — arten ist man sich wenig bewusst, und der Lehrmeister, welcher sie׳ sonst, wie der Souffleur die schlechten Schauspieler, begeisterte, ist abgeschafft. An Kraft, neue Musikalien zu studiren. gebricht es ganz. Man macht noch einige schwache Versuche; doch die gewähren wenig Freude, und die Geduld ist am Ende. Da lasst man denn die Musik ganz liegen, und gtaubr die Rechtfertigung für verschwendete Zeit und verschwendeter; Geld zu fördern, wenn man den unschuldigen Haushalt und seine Geschäfte zum Deckm uitel voriger Indolenz von Seiten der Schülerin und des Meisters nimmt. Aber dieser ist es wahrlich nicht, dem unsere Schwestern , in Apoll das schwere Opfer brin- . gen. Sie sammelten keine gründliche Kenntniße zur rechlen Zeit | ein; da mussten ihre Fortschritte wohl gehemmt werdend Hätten sie einmal den Muth gefasst, die Noten, die verschiedenen Schlüssel, sTon- und Tactarlen, die Fingersetzung und Eiutheilung der' Noten zu begreifen, so hätte sie eine kurze Entfernung vom Instrument und von dem Meister unmöglich ganz von den Freuden der Musik getrennt; mit leichte: Mühe und wenig Zeitaufwand wäre alles bald wieder einzuholeu gewesen. Ich hörte eines Tages Jemanden lebhaft sagen: ,die schlechten Meistern jeder Art sollte man wie die tollen Hunde todt schlagenl. Die Aeußerung war etwas kräftig, aber wahr bleibt es indessen, dass diese Art von Pfuschern der guten Sache unendlichen Schaden bringen, und ganze Geschlechter für die Miiniu, welche sie so handwerksmäßig treiben, in den Grund hinein verderben. Eltern, die den lebhaften Wunsch hegen, ihren Kinde i rrdie Vorzüge eines erfreulichen Umgangs mit den Musen zu verschaffen, die zu eignem Leidwesen aber selbst keine ihrer Eingeweihten sind, können diesen Klippen nur durch Zufall entgehen; ja nicht selten findet man fürstliche Kinder, auf deren Erziehung mau Wunder glaubt eine besondere Sorgfalt verwendet zu haben, durch eine unberathene Wahl der Lehrmeister auf immer für eine oder die andere Kunst unempfänglich gemacht. Einen schlechten Schneider oder Schuster verabschiedet man leichi, weil jeder beurtheilen kann, wo es ihm fehlt, um gut zu sein, auch sorgt seine Innung vor der Aufnahme, für den Beweis des Meisterstücks. Aber bei dem Tanz-, Zeichen-, Klavier- und Singmeister erfahren die meisten Menschen nur durch ihre Firma, was sie zu können vorgeben. . Ihr Werth wird nicht sowohl durch die Kenner, als durch die Protection, die sie sich durch irgend eine angesehene Person zu verschaffen wissen, oder durch die wenige Concurrenz ihres Bleichens an dem Orte, wo sie sich niederlassen, bestimmt; und dann sollte es uns noch zweifelhaft bleiben, warum die Schüler so geringe Fortschritte in der Kunst machen? (Fortsetzung folgt.) Erläuterung einer Stelle im Ahawa- Gebete. Die Bedeutung des Wörtchens ,׳פלד welches in den Psalmen als Tonzeichen figurirt, ist noch in der Jetztzeit, wo die Forschung im Allgemeinen im Stadium der Blüthe sich befindet, in tiefes Dunkel gehüllt. Dieses Wörtchen findet sich häufig in den Psalmen (55, 20. 57, 4j und in den Propheten Chabakuk Kap. 3. Vers 13, und steht gewöhnlich am Ende eines Verses oder Versgliedes. Gesenius citirt die Meinung Raschi's, dass!פלד ein Notaricon von סב למעלה העזר Cautor redi sursum, oder von סמן לשנות הקול siZnnru mutandae vocis ist. Demgemäß wäre Selah ein Erinnerungszeichen oder, eine Verhaltungsmaßregel für den Cantor, wann er beim Necitiren eines Gebetstückes seine Stimme beben, oder senken soll. Zu dieser Ansicht aber bekennen sich nicht die Sprachforscher und Lexicographen. Abraham ben Esra ist der Meinung, dass Selah gleichbedeutend mit ,in Wahrheit oder Wirklichkeit' ist, welche aber von dem Lexicographen David Kimcbi vollständig widerlegt wird. Nun erlaube ich mir auf eine schwierige Srclle im Ahawa- Gebete aufmerksam zu machen. Dieselbe lauter: ״וקרבתנו לשמך הגדול סלה באמת« Hier ist das einzige Exempel, das ich vorfand, welches beweiset, dass Selah sich auch in der Mitte eineS Satzes befindet. Nach Abraham ben Esra. der 86Iah mit Beemes I identificirt, müssten wir uns in dieser Stelle mit dem Gedanken befreunden, dass hier wirklich das Wort B66m68 überflüssig sei, und der Copist die an der Randglosse sich befindende Interpretation des Selah aus Versehen in den Text interpolirt habe, wie ein ähnlicher Vorgang der Copisteu in unserer Literatur zur Genüge erhärtet. Alle Commentatoren der Gebete aber erklären das Beemes in der Ahawa durch die Thora »ע״י התורה* und die Frage bleibt daher wieder offen, wie kommt es denn, dass Selah hier in der Mitte des Satzes steht? Um diese dunkle Stelle zu erörtern, müssen wir die Ansicht unserer talmudischen Weisen zu Rathe ziehen, wie diese das Wort 86Iah auffasseu; diese sagen: »״כל מקום שנאמר נצח סלה ועד אין לו הפפק aus diesem Passus gehl hervor, dass 861ah identisch mit Nezach und Woed ist, also in der Bedeutung von .beständig immer, ewig' zu nehmen ist. Es gebührt auch den Tatmudisteu der Vorzug, dass diese in den Geist der hebräischen Sprache besser eindrangen, als alle Sprachforscher, weil sie dem Leben dieser Sprache näher standen; auch die מסדרי התפלה hatten ein tief inniges Verständnis für die hebräische Sprache und waren sich auch vollkommen der ursprünglichen Bedeutung jedes Wortes bewusst. Jede Eulogie wurde zumeist von ihnen in correcter hebräischer Sprache concipirt, wiewohl sie es andererseits nicht verschmähten, eine chaldäische Form in der Abfassung mancher Segenssprüche zu bevorzugen, wie die Formel der /“ברבת כדינים׳ אשר קדשנו בקדושתו של אהרן«" dies zur Genüge erhärtet. Nach obiger Auseinandersetzung wäre demnach erwähnter Passus fol״ geudermaßen zu übersetzen: Du hast uns deinem großen Namen immer d. h. für ewige Zeiten genähert. Beemes durch die Thora, indem du uns dieses Schatzes theilhaftig werden ließest. Butschowitz, den 1. December 1885. Rabbiner Dr. A. L ö w y. Religion und Wissenschaft. Glauben und Wissenschaft sind gar oft bei verschiedenen Glaubensbekennern in Streit gerathen und haben sich hartnäckig einander bekämpft. Die Wissenschat wurde sogar mit Bann belegt, die Aufklärung als für den Glauben schädlich hingestellt, und noch heute in unserem fortgeschrittenem Zeitalter gibt es eine gewisse Partei, welche die Schulbildung womöglichst einzufchränken bestrebt ist. Nicht so im Judenthum; da gehen Religion und Wissenschuft Hand in Hand, wie ein treues Geschwisterpaar. Innerhalb des Judenthums war die freie Forschung niemals gehemmt, die Religion scheute die Wissenschaft nicht. Das Judenthum betrachtete beide als von Gott gegeben, die Wissenschaft soll den Geist erhellen, die Religion das Herz veredeln, und beide sollen dem Menschen zur Vervollkommnung dienen. So lautet ein! Spruch unserer Weisen: גדולה דיעה שנתנה בי( שתי אותיות״“- | Groß ist die Wissenschaft, Gott steht ihr von zwei Seiten bei