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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-12-19 · Heft 43 (19.12.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 43 (19.12.1885)
Date
1885-12-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — Wahn, ja eine hyperorthodoxe Schwärmerei ist es, das deutsche Lied, das deutsche Gebet aus der Synagoge auszuschließen. ,So rafft von jeder eitlen Bürde, Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geisteswürde Und iritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern ist er eigen, Ihm darf nichts Irdisches sich nah'n, Und jede and're Mach: muss schweigen. Und kein Verbängnis fällt ibn an; Es schwinden jedes Kummers Falten, So lang des Liedes Zauber walten.'' (Schiller.) Solches Empfinden gebört aber auch dazu, um würdige, heilige Klänge für das Haus Gottes zu schaffen, und groß ist die Freude für den begeisterten Gotlesdiener. so er Tempellieber entdeckt, welche in musikalischer Form und ethischer Auffassung Meistern angereiht werden können. Diese Wahrnehmung machte ich bei den 8״ebire Heehal“ von D. Rubin in Prag. Dieselben sind in 4 Bänden in prachtvoller Ausstattung erschienen und in vielen Gemeinden des In- und Auslandes mit Beifall aufgenommen worden. Der rste Theil enthält vorzügliche Chor- und Sologesänge, Necitative im traditionellen G e i st e bearbeitet, die wirklich erbauend aus den Zuhörer wirken. Die Cböre sind melodiös und fließend und werden schnell das Heimatsrecht erlangen. Die Compositioneu der Keduscha in mehreren Nummern mir vorzüglicher Orgelbegleitung sind besonders hervorzuheben. Der zweite Band bietet ausgewählte, allhebräische, liturgische Kleinodien mit deutscher Uebersetzung. Diese Gesänge werden selbst den indifferentesten Glaubensgenoffen für den alten Väterglauben gewinnen, denn es sind Klänge, die au eine große Vergangenheit erinnern, die das Wart nicht zu schildern vermag. Nicht minder werthvoll ist der dritte Band, der den heiligen Psalter erklingen lässt, dem sich noch andere ehrwürdige Stücke aus der Liturgie an reihen. Meisterhaft bearbeitet sind: Ez chajim, W’nislaeh, Psalm 100, Jechadeschelm. Die Jomim Eoroim-Ge sänge, resp. ein Theil derselben, bilden den 4. Band., der mit Jaaleh beginnt. Die Composition ist würdig dem Tage und dem Texte entsprechend. Innig und weihevoll ist die Einleitung für den Cantor in G־-dur, und der flehende Zstimmige E-moll-Satz bringt eine andächtige, rührende Wirkung hervor. Von dem eigentlichen Unesane Tokef ist das Terzett in A-mol ״Eines“ seelenvoll durchcomponirt und wird aller Orten zur Andacht stimmen. Eine willkürliche Behandlung musste leider das ״Borucli atto“ erdulden. So schön auch das Larghetto zum Vortrage gebracht werden kann, so ersetzt diese sorgfältig gearbeitete Nummer dennoch nicht das liebliche חזנות. Wohl findet man bekannte Motive, die Herrn Rubin begeisterten, aber bei seiner außerordentlichen Begabung ״Chasonoth“ fünft* gerecht zu bearbeiten, durfte er der feststehenden Form und der Umwandelbarkeit des Eloke Awrohom kein neues Gepräge aufdrängen. Wie mit Absicht schließt das Werk mit En Komocho in E-dnr, für Solo und Chor, derart versöhnend, dass man trotz des unberechtigten Eingriffes in obiger Nummer gern das Werk zur Hand nimmt, um mit den Zuwelen die Krone der Andacht zu schmücken. Möge mein unparteiischer Hinweis genügen, den lieben Amtsbrüdern ein Werk zu empfehlen, das der Mühe lohnt, fludirt zu werden. Herr D. Rubin jedoch wolle auf diesem Gebiete weiter arbeiten — und möge nicht nur einen idealen, sondern auch klingenden Erfolg für seine Arbeit erzielen. Gesangs-Briefe. (Fortsetzung.) ,Die Erlernung und Unterhaltung der Musik sei zu kostspielig und zu zeiterfordernd, um ihren spätern Genuss im Allgemeinen als ein Beförderungsmittel zur häuslichen Glückseligkeit ansehen zu können; darum sähe man so oft, dass Frauenzimmer, die im unverheirateten Stande selbst diese Kunst mit Auszeichnung und Beifall übten, sie als Hausfrauen, wo gehäuftere Geschäft diese Art der Unterhaltung verbieten, sie liegen ließen' — dies ist die dritte Einwendung. Uber bier geht!s, wie es so oft in der Welt zu gehen pflegt, wenn man den Thal l achen andere als die (wahren Ursachen unterlegt, und die meisten Menschen sie dann als erwiesen auf Treue und Glauben annrhmen, indem sie hoffen, ihre Vorgänger werden die Wahrheit gehörig geprüft haben. Man erwäge nur, wie es gewöhnlich bei der Einimpfung von Kunstfertigkeiten zugebt, wie sie gelehrt und gelernt werden! ob nicht diese erwähnte Vernachlässigung auf dem Fuße nachfolgen muss? Die Eltern thun ihr Mögliches; sie schaffen einen Musikmeister an und besolden ibn, damit er wöchentlich ein paarmal die Stunde neben dem Instrumente der Schülerin zubringe und den Unterricht ertheile. Ob der Meister aber einer der Bessern sei, können sie nicht selbst beurtheilen, und lassen es auf gut Glück ankommen, da man in dem Wahne siebt, als sei es unnöthige Verschwendung, der Anfängerin den besten, und daher den tbeuersten Meister zu geben, ohne zu ahnen, dass von diesem ersten Unterricht, von den Anfangsgründen die künftigen Fortschritte abhängen. Aller Anfang scheint den Schülern etwas trocken, zumal wenn der Meister von der gewöhnlichen Art ist, wo sie selten Rücksicht auf den zu unterhaltenden Verstand nehmen, und nur alles mechanisch zwingen wollen. Ein solcher Unterricht belangweilt den Meister so sehr, als den Schüler, und so sind beide zufrieden, so schnell als möglich über die Anfangsgründe hinweg zu schlüpfen, ohne zu bedenken, dass dadurch die künftige Zeit verschwendet und die Mühe verloren wird. Welchen Ekel bringt nicht oft die hundertfältige Wiederholung eines Spiels oder Singstücks für die Musik bei dem Schüler hervor, wenn sich der wenig nachdenkende Musikmeister keiner andern Mittel zu bedienen weiß, des Schülers Fortschritte.zu bewirken, und die Aufmerksamkeit, die angeborne Flüchtigkeit junger Personen, durch die Mannigfaltigkeit seines Unterrichts, wo bald die Finger, bald das Ohr, bald das Auge, mit diesen allen aber stets der Verstand in reger Thätigkeit erhalten werden, zu fesseln versteht! — Die Freude der Schülerin, wenn der Musikmeister weg bleibt, beweist, wie wenig sie. durch ihn die Tonkunst liebgewinnen konnte. Zn diesem Verhältnis zur Kunst, die erlernet werden sollte, verstreichen die Jahre; das Mädchen wächst Heran; Lehrer und Eltern sind zufrieden, wenn die Schülerin gleich einem Papagei der Gesellschaft ein Halbdutzend in das Ohr fallende Stücke vortrillern oder spielen kann.׳ Das junge Frauenzimmer wird Gattin; neue Zerstreuungen, Geschäfte, Unpässlichfeiten, halten sie Wochen, vielleicht gar mehrere Monate vom Instrument entfernt. Dem Meister gab man, so bald es auf gute Weise geschehen konnte, den Abschied; jedoch ist die Liebe zur Musik noch nicht ganz erloschen. Es kommen Augenblicke, wo man eine erholende Beschäftigung wünscht; da öffnet die auf solche Weise 'gezogene Virtuosin das vernachlässigte Instrument, um die sonst gespielten Stücke wieder zu versuchen. Allein nun fehlt es am Tacte; die Schlüssel sind vergessen; das Gedächtnis hilft nur stellenweise in die alten Uebungen; von Ton-

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