Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 42 (11.12.1885)
- Date
- 1885-12-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Orthodoxen und die aller Herren Länder senden oft schon im 4. Lebensjahre das Kind in's Ckeder, dorr beginnt sofort das Aleph. dann das Beth u. s. f. Nach einigen Wochen kann das Kind ״zusammensagen". Nun wird fleißig geübt, die Ettern wie. der Bede lassen sich oft Alopb zeigen und ,.znianimeniagen^, das Liddur wird tüchtig bearbeitet und in einem Jnhre betet das Kind ausgezeichnet. Jitzchakl bekommt nun eineu kleinen Aaliß, gebt mit dem ״Taten" täglich in Schul, lässt dort seine seine. Stimme zur Freude seines Erzeugers recht oft und laut hären, sagt bame madlikin, singt s’miros und offenbart alle Talente, dereinst ein schöner Balb08 zu werden. Mit 6 Jabren besucht er nun die Schule, denn er soll zum mindestens dave- U6U, leienen und schreiben können; und erkundigt mau sich später beim Schullehrer nach Jitzchakl, den der Rebe einen ״feinen Kopf" genannt hat, so erhält man eine echt hebräische Antwort: Jitzchakl ist und bleibt ein Chamer, er ist an's Denken nicht gewöhnt, oberflächlich, vermag nicht zu eomvinireu; er leiert mechanisch, statt denkend zu leien, das Rechnen ist ihm verhasst, sein Geist ist müde und schläfrig. UebrigenS ist er ruhig und folgsam, willig wie der Jude im Goluß. , ״Nichtorlhodoxe" Kinder besuchen, wenn möglich, einen Kindergarten und, wo ein solcher nicht vorhanden ist, im sechsten Lebensjahre die Schule. Hier gelten einige Axiome: Entwickeln, der Geisteskräfte, vom Bekannten zum Unbekannten, dem kindlichen Geiste anpassen, Unklares hell beleuchten, das Warum stets und immer zur Geltung bringen, das rein Mechanische nach Möglichkeit geistig zu beleben, Gefühle rein menschlich auftreten lassen u. s. w. Der Mensch fühlt sich in seiner Beschränktheit, Hai ein Verlangen, dem Allmächtigen sein Leid zu ktageu, seine Wünsche vorzuiragen, seine Hoffnungen auszusprechen — vor Gott sein Herz auszuschünen. Für's Schulkind heißt also beten: mit Gott unterreden. Das naive Morgen-, Abend- oder Tischgebet entspricht vollkommen jdem kindlichen Geiste und Gemülhe, und deshalb erscheint auch der gläubige Gesichtsausdruck, die fromm gefalteten Hände als wahrhaft kindliche Frömmigkeir. Diese den religiösen Gefühlen des Kindes angepasSten Sprüche und Gebete sollten nun, je mehr das Kind sich entwickelt, erweitert und vervielfältigt werden-. Gedanke und Sprachausdruck müssen, der fortschreitenden Bildung des KindeS ensprechend, sich heben und der Schlussstein wäre ein Gebetbuch ähnlich den T’chi־ noth für Frauen. (Fortsetzung folgt.) Die römischen Kaller in ihrem Verhältniße zu Juden und Christen. (nach den Quellen dargestellt.) V o n D r. A. W e l ß. VI. . HI. Von den Flaviern bis zu Lonstantin dem Großen. Trotz aller dieser so bezeichnenden, von ihm selbst erzählten Thatsachen, lässt Josephus den Titus zu wiederholtenmalen die Hände zusammenschlagend betheuern, dass er an all' diesem Unheil, das die Juden betreffe, keine Schuld trage (Joseph. ibid. V, 12, 4; VI, 3, 5). Ohne die in Galiläa und Peräa Umgekommenen betrug die Zahl der während der Belagerung theils durch daß Schwert, ' theilv durch Hunger und Pest Gefallenen über eine Million. Nur 97000 Menschen wurden als Sclaven nach Hispanicn geführt (J086pb. ibid. VI, 9, 2). Die schönsten und kräftigsten Jünglinge wurden für die Thiergefechte, das beliebtest- Schauspiel der damalizen röiuischeu Welt, Vorbehalten, oder mussten den Triumpbzug des Titus verherrlichen. Wehrlos- Greise, Fraueu und Kinder wurden von den zügellosen Soldaten in Massen gemordet (ibid. VI, 9). Doch gebietet es die Ger echtigkeit auch der Tbarsache zu erwähnen, dass Titus dem Begebren der Antiocheuser, die Inden vertreiben und ihuen das Bürgerrecht entziehen zu dürfen, uicht willfahrte unter dem Hinweise, dass sie biusort kein Vaterland mehr besagen (ibid VlI, 5, 2). Gegen den adiabenischen Köniz Jzates, der in Jerusalem gefangen ward, wie gegen dessen Hans, das dem jüdischen Aufstände seine ganze Kraft gewidmet, verfuhr TituS milde. Der Führer des Aufstandes, Simon bar Gioras, wurde nach dem Triumphe euthallptet, Johannes starb im Kerker (ibid VII, 6, 4). Den Siegernamen Judaicns weigerte sich Titus anznnehmen, wohl um den Juden eine weitere Schmach zuzufügen (Bio Cass. LXVI, 7). Die Ländereien der Juden wurden ürrfaufr, und jeder Ueberlebcndc musste sein väterliches Erbe neuerdings kaufen. Das Didrachmon, das sie für den Tempel jährlich gespendet, mussten sie nun als eine Steuer für den'Jupiter Capiwlinus entrichten, unter welchem heidnischen Titel sie ihnen desto verhajster werden musste. Diese Steuer hieß fortan fiscus judaicus (Bio C. ibid.). Der letzte jüdische Fürst Agrippa wurde für den Verlust seines Fürstenthums entschädigt, indem er zum Prälor erhoben wurde. Berenice, die vormalige Gönnerin ihres Volkes, die manche gute Eigenschaft von ihrem Vater, Agrippa J., ererbt hatte, lebte jetzt in der Hoffnung, Gemalin des Kaisers zu werden, und in der That wurde diese Hoffnung sehr gegen den Willen des Tilns nur durch den angeblichen Einspruch des Senates vereitelt (Bio Cass. ibid. 15, Sueton. Titus 7). Josephns ward für seine guten Dienste belohnt. Er bekam ansgedehnte Ländereien in Judäa, ferner durste er im kaiserlichen Palaste wohnen, wo er aus des Kaisers Kosten seinen Unterhalt fand; endlich durfte er sich den Familiennamen des Kaisers beilegen (,Joseph, vita 76, 77). Im Hinblick auf alle diese hier berichteten Umstände ist es begreiflich, dass ihn die alten jüdischen Quellen als ״Rascha“, Frevler, bezeichnen und ihn sogar der Vermessenheit beschuldigen, er sei, als der Tempel schon in Flammen stand, an der Seite einer Buhlerin in die Stätte des Allerheiligsten gedrungen (bab. Talm. Gittin. 56 b). Während Suetonius (Titus 10) und Bio Cass. (LXVI, 26) berichten, er habe an seinem Lebensende erklärt, nur eine einzige That seines Lebens bereuen zu müssen, sich aber über diese nicht weiter ausgesprochen, erzählt die genannte Stelle des Talmud, er habe seine Frevel an dem jüdischen Volke bereut. 3. Domitianus. Wenn wir im Eingänge dieser Abhandlung das Verhalten der römischen Kaiser gegen Juden und Christen als den jeweiligen Ausdruck der Gesinnung der ganzen heidnischen Welt oder als ein Symptom des Kampfes bezeichnet haben, in welchem das dahinsterbende Heidenthnm gegen den mit voller, Lebenskraft um sich greifenden Monotheismus sich befand, so ist leicht zu erkennen, dass dieser Kaiser, wenn auch unbewußt, schon aus der Offensive in die Defensive zurückgedrängi wurde. Dafür sprechen alle Umstände, welche aus der Negierung des Domitian berichtet werden. Die Maßregeln, die er ergriff, waren ibm von der Furcht eingegeben. Hegesipp. bei Euseb. (H. Eccl. III, 19 nach Nie. H. E. III. 10) und Tertull. (Apol. 5) berichten, dass Domitian einen Befehl erlassen habe, alle Abkömmlinge des HaujeS David zu tödten. Durch die (damals so zahlreichen) Delatoren seien die Betreffenden, Enkel des Apostels Judas, vor den Kaiser gebracht worden. Dieser befragte sie über ihr Handwerk und über ib1־en Besitz. Sie sagten ihm, dass sie zusammen nicht mebr als 9000 Denare, und zwar nicht in barem Gelde, sondern in 39 Morgen