Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 42 (11.12.1885)
- Date
- 1885-12-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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sondern viele andere, deren Gesetzgeber es unternahmen, wesentkich aus die Moralitär ihres Volkes zu w'rken, gebrauchten diese geheimen Triebräder, weil sie wmsten, dass Gesang die Leidenschaflcn besänsligt, die Heiligkeit des Temperaments zur.Seele»׳ energie concenlrirr, das unstete Gemüth ausgleicht, und nach und nach, wenn sein Einstuss als Volkssache betrachtet wird, den Charakter der Nation in ihren einzelnen Mitgliedern zu einer harmonischen Uebereiustimmung mit dem Ganzen bringt. Man lese, was Namsay einst von den Feueranbetern in seinen Travels of Cyrus sagt, als der junge Cyrus mir seiner geliebten Cassaudane eine Reise nach den fremden Völkern unternahm, um bei ihnen das zu beobachten, was ciustens dem seiuigen Nutzen bringen könnte: ,Als CyruS und Cassandane in dem Thase weiter gingen, wurden sie durch die Töne einer harmonischen Musik in einen nahegclegenen Hain gezogen. Hier entdeckten sie an einem klarcn Quell eine zahlreiche Versammlung von Männern verschiedenen Alters, und nicht fern davon eine Gesellschaft von Weibern und Mädchen, die dies Coneert anstimmten. Sie merkten bald! dass dies die Schule des Zoroaster sei und waren sebr verwundert, anstatt tiefsinniger, strenger, sanfterer Menschen ein angenehmes, freundliches Volk zu finden.' Diese Philosopben sahen die Musik als eine himmlische Gabe an, die geschaffen sei, die Leidenschaften zu besänftigen j darum war es ihnen Pflicht, jeden Tag mit solchen Concerten zu beginnen und zu. beendigen. Nachdem sie einen kleinen Tbeil des Morgens diesen Sing- Übungen gewidmet halten, führten sie ihre Schüler durch angcnehme Gänge nach dem geheiligten Berge. Sie beobachteten aus diesem Wege ein gänzliches Stillschweigen. Hier weihten sie den Göllern ihre Anbetung. Mehr durch die Stimme des Herzens, als der Lippen; durch Musik, angenehme Spaziergänge und ge-' dachte Gebete bereiteten sich die Philosophen zur Aufsuchung'׳ großer Wahrheiten vor und setzten ihre Seele in die. friedliche;; Ruhe, deren sie zu solchen Nachforschungen bedurften. Der übrige . Tag gehörte ihren Studien. Ihre einzige Mahlzeit nahmen sie. kurz vor Sonnenuntergang zu sich; sie bestand aus Brod und einem Theile dessen, was man den Göttern geopfert hatte. Das Tagewerk schloß dann wieder mit Concerten. Andere Menschen fangen die Erziehung ihrer Kinder nur erst mehrere Jahre nach ihrer Geburt an, die Feueranberer aber thun es schon vorher. Während ihre Gattinnen sie der süßen Hoffnung entgegenführen, Vatcrfreuden zu empsinden, tragen sie Sorge, diese Gattinnen in einem fortdauernden Zustande von Ruhe, in einer durch sanfte Harmonie und unschuldige Ergötzlichkelten hervorgebrachten Fröhlichkeit zu erhalten, damit das werdende Wesen nur angenehme Eindrücke bekommen möge. Nicht allein die Beweise ganzer Volker, sondern auch die davon abgeleitete, fest angenommene Meinung einzelner Mitglieder anderer Staaten reden laut für die Ueberzeugung, dass. Musik den Menschen besser machen müffe. Doch genug, ich werde keine ferneren Beweise in alten und neuern Büchern ausschlagen^ Dies Wenige, welches mir mein Gedächtniß aus dem Hausgebrauche einiger Schriften zuspielte, wird hoffentlich genügen. Auch würde gewiss alle Beredsamkeit der Welt Niemanden überzeugen, wenn es nicht laut iu seiner Seele, so wie einst bei den großen Männern des Alterthums, die die Gottheil und Unsterblichkeit durch sich selbst ahnten, erschallre: dass Musik und besonders einfacher Gesang ganz dazu geeignet sei, die Menschen moralisch bester und daher -— glücklicher zu machen. sFortsetzung folgt.) Die Gebete in der hebräischen Sprache, das Volk und die Religiosität. Von <L. Miesenfeld, O.berie hrer in Ung. -Brod. Im vorigen Jabre batte ich den Mnrh die Frage aufzuwerfen: ׳.Was trägt das Volk aus der heutigen. Thoralesung mit nach Hanse?' . Hieraus wurde von keiner..Seite eine Älitwort gegeben. Es hieß, die Tbora muss in herkömmlicher Weise gelesen werden, um dieselbe rein und unverfälscht den kommenden Generationen zu erhalten, unsere Satzungen dulden keine Reform in dieser Richtung u. s. w. Kurz, es. konnte ׳ nicht in Abrede gestellt werden, dass die Tboralesung weder zur Belehrung, noch zur Erbauung der . großen Menge des jüdischen Volkes auch nur das Mindeste beitrage, dass Herz und Gemüth des Volkes, das im Gotteshause die ergiebigste Nahrung finden sollte, den Urquell der Religion spruheln . hören,. ohne einen. Tropfen desselben zu verkostein: Im Vertrauen wurde von sehr, achtbarer Seite zugestanden. dass die angeregte Frage leider eine, brennende sei, dass man aber nicht Helsen könne. Mir hat die schlickte Anregung Püffe und Stöße eingetragen.. Meine Orthoboxen — der Herr hat sie mir gegeben, er möge sie mir nicht nehmen, , nur vcrmebre er sie nicht wie Sand am Meere — haben mich förmlich mit Acht und Bann belegt, und echr trefc; erscheint im Vergleiche mit mir ein bsobsobsr gomur. Die Zeit verrauscht, unsere Glaubensgenossen in den Großstädten treten einzeln und zu ganzen Familien häufiger denn je, ans der Gemeinschaft Israels, unsere Glaubensgenossen in..den Landgemeinden zablen Cultusüeuer und schimpfen über die Höhe derselben, oder zahlen auch nicht, schimpfen aber jedenfalls, weil dies zum guten Ton des echten Bai s’ehom gehört, die Damen führen die Toiletten in den Tempel spazieren, die Herren amüsiren sich in der landesüblichen Weise, Cultusvorsteher kommen und gehen, an die Stelle der Weißen treten die Rothen und nach l’ene kol jisroel beginnt wieder bereschith. Es bleibt alles beim Alten, weil Niemand da ist, der an die Stelle deS morschen Alten lebendiges Grün zu setzen sich getraut. Mit natürlichen, objeclivcn Blicken wage ich es daher, diesmal über Gebete, deren Einfluss ans die Jugend und das Volk, eine stille Betrachtung anzustellen. ,Die Kinder können nicht beten, wollen nicht beten, das Gebet ist ihnen förmlich ein. Dorn im Auge/ Solche Phrasen hört man bereits seit vielen Jahren in allen Judengemeinden, und natürlich sind die gottlosen Schulen und deren noch gottlosere Lehrer daran schuld. ,Im Cb6ä6r haben die Kinder beten gelernt und lernen dort noch heute beten.' Ja, warum können und wollen die. heutigen Kinder nicht beten? Kleine Kinder sprechen in besseren, von der modernen Cultnr schon etwas beleckten Häusern in der Regel sehr kindlich und andächtig ein Morgen-, Abend- oder Tischgebet und machen oft mit ihren frommgefalteten Händen einen wahrhaft rührenden Eindruck. Kaum sind sie^aber in die Schule getreten und haben das ״Beten" erlernt, beginnt auch schon die Unlust zu beten; dem Nichtwollen folgt auf dem Fuße das Nichtkönnen. Also ist doch klar bewiesen, dass die Schule das Beten vertreibt. Diese Klage ist in der That begründet. Die Kinder aus dem Cb6ä6r wollen und können darum beten, die Kinder aus j der Schule wollen und können darum nicht beten. Das Cb6ä6r präparirt den Juden, die Schule den Menschen. Was sür's! Cbeder beten heißt, erscheint der Schule ein mechanisches, gedankenloses Lesen fremder, unverstandener Wörrer. Meine 1