Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 41 (3.12.1885)
- Date
- 1885-12-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 — alsdann ihre meiste Geschmeidigkeit und Biegsamkeit. Durch das Einatbmen und Ausbaucheu der Luft werden die inneren Theile gestärkt; denn die Bewegung des inner» Menschen ist ibm so heilsam, als die der äußeren Glieder. Sie verhindert jedes Anwachsen der Lungenflügel, die innern Uebel der Engbrüstigkeit, der Schwäche der Brust und zerstört im Entstehen die Keime zur Auszehrung und zum frühen Tode. Hat man nicht Beweise, dass die frühe Gewöhnung, selbst derjenigen Dinge, die der Gesundheit bestimm! uachtheilig flnd, durch den allmähligen Gebrauch, von den ersten Tagen der Kind» heit au, ihr eine Stärkung werden? Was muss man also von dem Entgegensetzten erwarten? Man frage den gesunden Sänger, ob er ficb nicht durch den mäßigen Gesang besonders körperlich gestärkt fühlt, ob sich nicht, selbst wenn er erwachsen ist, täglich seine Brust scheint zu erweitern, wenn die Lunge den Luftstrahl aufzusaugen gelernt har, und die gewölbte Brust durch Uebung kräftig genug geworden ist, um ibn langsam mit den Tönen aushauchen zu können; ob er nicht einen besonders gesunden Appetit hat, den selten verzärtelte, sitzende Personen, deren innere Theile wenig Bewegung baden, kennen? Und dann ant- Worte man mir, ob dieses Wirkungen der Zerstörung oder -er innern Erhaltung sind? Es versteht sich, dass ich jedesmal von einer natürlichen Art zn singen rede, wo weder Kinder, noch ältere Personen jemals einen Ton an geben müssen, der der Natur ihres Organs zuwider ist, und ihnen eine, sei cS auch nur leise ansprechende, wehe Empflnduug verursachte. Hätten alle Sänger von jeher diese goldene Regel befolgt, so würde man mir nicht häuflge Beispiele aufzählen können, wo junge liebe Mädchen und Weiber ihre Brust durch den Gesang ,u Grunde gerichtet haben. Eine genauere Bestimmung dieser Sünde gegen die Gesundheit will ich später geben, da ich jetzt nur aus die Hauptvertheidigung bedacht bin. Sie ans die möglichste Weise zu unterstützen, muss ich noch die Bemerkung eines Arztes hinzufügen, der lange Zähre in Italien lebte und die Anzahl schwindsüchtiger und brustkranker Personen in diesem Lande weit geringer als in Deutschland fand. Er glaubte die Ursache dazu sowohl in dem Klima, als in der Gewohnheit, seit früher Kindheit die Kinder singen zu lassen, bestimmen zu können. Zch hoffe, dies Alles wird bald überzeugen, dass, weit entfernt einen Nachtheil für die zarte Gesundheit der Kinder durch den frühen Gesang befürchten zu müssen, man ihnen vielleicht in der Folge als Präservationskur, zur Erhaltung der Gesund, heit und ^des langen Lebens, von den Aerztcn wird anrathen sehen. Wer weiß, wie viele unserer schönen Geister, deren Schriften von ihrem Fleiße zeugen, durch die sitzende Lebensart, durch die Nothweudigkeit, täglich viele Stunden mit gedrückter Brust an ihrem Schreibtisch verweilen zu müssen, uns früher geraubt wurden, als dies nach dem übrigens gesunden Körperbau hätte geschehen können. Wer weiß, lebte und dichtete, zu unserer Freude, nicht noch mancher der früh Dabingeschiedenen, wenn sie von erster Kindheit an die Brust durch Gesang gestärkt hätren. Aber jetzt sind sie früh dahingegangen,s wo die Sänger und Nichtsänger, die Gelehrten und Nichtgelehrten, alle ein grüner Teppich deckt. (Fortsetzung folgt.) Ein offenes Wort an die Gemeinden Israels. Von W. Mntner- Cantor 11. Lehrer in Bunzlan. . Den Werth und die Bedeutung des jüdischen Cantors im CultuSamte näher zu beleuchten, halte ich nach den eingehenden wiflenschaftlichen Arbeiten, die eine berufene Feder in diesen.Blättern veröffentlicht bat, für vollkommen überflüssig, zumal ja unsere Leistungen allseitig anerkannt werden, bange Zeit war der Cantor das Stiefkind in den Gemeinden, und noch beute ist nicht allgemein die Stellung errungen, die ibm gegebührt. Wenn sich auch einigermaßen unsere materielle Lage gegen früher gehoben hat, und die komischen Historien vergangener Jabre zur Legende geworden sind, so stehen trotzdem Leistung und Entschädigung noch lange nicht im richtigen Einklang zu einander- Es ist viel darüber gespöttelt worden, dass früher oft unberufene Personen das Amt eines Cantors versahen. Dies ist gewiss nicht zu verwundern, denn man könnte es wahrhaftig Niemandem, der etwas Ordentliches gelernt hat und in Folge dessen eine geachtete und halbwegs ernährende Stellung im Leben beanspruchte, verdenken, wenn er sich hütete, Cantor zu werden. Dieses Brot war denn doch gar zn kümmerlich, so gerade zwischen Samverden und Verhungern. Nun d i e Zeiten sind, wie gesagt, längst vorüber, und auch unsere socia<e Stellung ist eine geachtete geworden. -Aber auch an unser Wissen und Können sind vermehrte Ansprüche gestellt worden. Der Cantor muss sich eine ganz umfassende Bildung aneignen, will er seinem Amte, der Zeit und dem socialen Leben Rechnung tragen. ,Wir streiten nicht mehr über den W:rth der Bildung. Ohne Bildung beherrscht den Menschen Rohheit und Uncultur; er bringt nur solche Früchte hervor, wie der Hvlzapselstrauch im Vergleich mit dem durch Cultur veredelten Obslbanme. Wer daher im Allgemeinen den Werth der Bildung leugnet, den widerlegen wir nicht mehr, sondern wir lassen ihn stehen und gehen an ihm verächtlich vorüber. Was nützt der Versuch, Mohren weiß zu waschen.' Der zeitgemäße Cantor muss also viel mehr wissen als früher, aber die dementsprechende Vermehrung!eines Einkommens ist noch lange nicht eingetreten. Man hört so oft die Redensart: ,Der Cantor kann ruhig leben.' Ja wol, wenn er allein ist, aber bei zahlreicher Familie und ganz geringen Extravaganzen kann sehr bald Schmalhans Küchenmeister weiden. Wir geben gern zu, dass es auch an besser dotirten Cantorenstellen nicht mehr mangelt, aber dies sind Ausnahmen, im Allgemeinen ist es mit der Dotirung recht traurig bestellt. Solche Zustände sind sicher nicht erfreulich, in gewissem Sinne sogar beschämend, und sie erheischen deshalb auch gebieterisch eine gründliche Reform. Eine genügende, standesgemäße (nicht brillante) Anstellung der Cantoren ist eine Ehrenpflicht nicht nur der Großgemeinden — nein, aller Gemeinden, die einen Cultus erhalten wollen und Ansprüche auf einen zeitgemäßen Cantor machen. Mehrmals schon ist ein Anlauf genommen worden, die Dotirung derart zu stellen, dass eine Familie von derselben leben kann, aber bis heute sind wir noch nicht dorthin gekommen. Zur Besoldung des Cantors fehlt es immer noch an Geld. Unter solchen Verhältnißen ist es umsomehr die Ausgabe aller Gemeinden Israels, in allen Landen den Unternehmungen der Canroren geneigt zu sein; sie mögen ihre Blicke auf das große Ganze richten, Stiftungen in's Leben rufen und Vereine, welche für das Wohl unseres Standes wirken, mit freigebigen Händeneinem Ziele entgegensühren, welches die Zukunft des Einzelnen einigermaßen sichert. ,Auf, Haus Jakobs! Lasst uns wandeln im Lichte Gottes! Trete ein für die große Sacke —׳ für den Cantoreu-Verein, der für die Zukunft deiner ,Gottesdien er' sorgt, für eine würdige Gesammtheit mögest du würdig Vorsorge treffen, damit zur Zeit der Noth eine Bruderhand in die Andere gelegt werde: Nt כל ישראל ערבים בזה. Das Capllal, welches hier angelegt wird, bleibt ein pp קימת für ewige Zeiten. Das walte Gott!'