Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 40 (25.11.1885)
- Date
- 1885-11-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— *4■ — man das Wort piano sagte, der Finger nur ganz leise über die Saiten kneifen durfte. Die Folge der musikaliichen Umgebung dieses Kindes, das sehr oft den Proben der Coucerte beiwohnte und die verschiedenen Instrumente wie die Hansgerätbe kennen lernte, war, dass der Knabe im dritten Zabre oft seine kleinen Nachbarn mit lauter Stimme anführte, das bekannte Lied: Freut euch des Leben S, zu singen, und oft im größten Entzücken den ersten besten Stock ergriff, um irgend ein Znstrument damit vorzustellen, und zwar hielt er immer den Stock so, dass man sehr leicht erkennen konnte, ob es eine Flöte, eine Geige, oder ein Ba:s sein sollte. Man glaube nicht etwa, dass dieser Knabe eine besondere Erscheinung in der Kinderwell sei; seine Brüder und mehrere andere Kinder könnten beweisen, dass cs nur darauf ankvmmt, ihnen musikalische Menschen in die Nähe zu bringen, um die angeborne Liebe für die Tonkunst bei ihnen zu entwickeln. Ich lebte selten einige Zeit au einem Orte, wo meine Liebe für die Musik nicht wenigstens die Kinder und Mädchen der Nachbarschafk auf den Gedanken gebracht hätte, ihre Stimme auch einmal zu erproben, und munterte ich sie nun vollends im Vorübergehen durch ein Wort des Beifalls auf, so folgten gewiss nächstens Triller und andere Ornamente, die sic von mir mit dem Ohr davon getragen batten. Ueberbaupt lebe ich ganz des Glaubens, dass das beste Mittel für Eltern, die ihren Kindern Talente verschaffen wollen, darin besteh:, talentvolle Menschen um sie her zu versammeln. Keine Meister können das ersetzen, was der taglicke Umgang mit solchen Personen bewirkt; der heilige Musengeist stiegt ihnen nach, man weil's nickt, spricht er bei solchen Kindern, die diesen Vorzug genießen, von innen beraus, oder von außen hinein! Und hierin besteht ohne Zweitel der große Vortheil, den gebildete, talentvolle Eltern zunächst für ihre eigene Kinder haben. — Dock lassen Sie uns unsere Reise weiter fortsetzen. ׳— (Fortsetzung folgt.) Die römischen Kaller in ihrem Verhältniße zu Juden und Christen. (nach den Quellen dargestellt.) Von D r. A. Weiß. VI. HI. Port den Flaviern bis zu Konstantin dem Großen. 1. Veßpasianus. Sein erster Sieg über die Inden kostete der ganzen Bevölkerung von Gabara (statt Gadara, vgl. Graetz, Geschichte der Juden III, 413) und den umliegenden Ortschaften das Leben (Joseph. bell. jud. III, 7, 1). Nach der Einnahme von Jotapata ergab sich ihm Iosepbus (ibid. 8, 8) und wurde von ihm freundlich aufgenommen, weil, wie er sich rühmt, er ihm die Erlangung des Kaiserthrones angekündigt habe (ibid. 9). Einer der angesehensten Lehrer der Inden, Nabbr Jochanan den Sakkai. wird im Talmud babyl. (Gittin 56 b) als derjenige bezeichnet, der dem Veßpasianus diese Prophezeihung gegeben habe. Jedoch mag sich Iosepbus dies nickt ohne Berechligung zuschreiben, denn er erzäbll (bell. jud. VI, 5, 4), dass die Juden zum Kriege vornehmlich, durch eine zweideutige Weißsagung getrieben worden seien, welche in den heiligen Schriften enihalten sei. dabin gebend, dass um diese Zeit einer ans ihrem Laude die Weltherrschaft erlangen werde. Äebnliches berichtet Tacinis (bistor. V, 13) und Suelonin.s (Ve8pa8iam18 4). Wenn nun Iosepbus diese Wcisssagung, die sich entweder auf Jelaia X, 35 oder Genesis XLIX, 10, vielleicht auf Numeri XXIV, 16—19 bezogen haben kann, ans Vespasianus angewandt hat, so bat dieser Verräther seines Volkes auch die Meinung desselben gefälscht. Mir Recht sagt Stolberg (Geschichte der Religion Jesu Gbri8ti Bd. VII S. 9): ,,Befremdend und empörend ist es, dass Josephus dem Vespasianus mit dieser Auslegung der heiligen Weißsagungen, die ibm, dem gelehrten jüdischen Priester, so wohl bekannt waren, aus niedrige und ärgerliche Weise geschmeichelt habe." ZosephuS gesteht (Bell. jud. III. 8, 9) selbst zu, dass ihm Vespasianus anfänglich keinen Glauben geschenkt und seine Vor- Die Schlacht am Ruskabsch׳*) von Sacher-Masoch. An dem Ufer des Ruskabaches liegen ein ander gegenüber zwei ,Judeunester', wie man die kleinen, fast ausschließlich von Hebräern bewohnten Städtchen dieser Art, bei uns zu Hause nennt: Kurniki und Babniki. Der Ruskabach, welcher laut und fröhlich aus den Karpathen in die Ebene hinabhüpft und dabei seine grünen Wellen um farbige Steine, roüge Muscheln und blumige User spielen lä'st, wird hier mit einemmale still, verdrießlich und schmutzig gelb. Die wenigen Ehristen der Umgegend behaupten, weil die frommen Bewohner von Babniki. den Satzungen ihres Ritus gemäß, sich allzu häufig in seinem Wasser waschen, und dir orthodoxen Juden von Babniki, weil die Bewohner von Kurniki so gefährliche Neuerer und Ketzer seien. Die beiden kleinen Gemeinden lagen schon seit Jahren in ernstem, erbittertem Hader. Die Juden von Babniki standen in dem Gerüche, Eiferer zu sein, ja, man hielt sie vielfach für Chassiden, während in Kurniki die Aufklärung Eingang gefunden batte und den dortigen Juden der nicht unbegründete Vorwurf gemacht wurde, die Vorschriften der Talmudisten leicht zu nehmen. Zu diesen rituellen Zwistigkeiten kam noch, dass jede Gemeinde ihren Rabbi für größer, weiser und!! mächtiger hielt, letzteres in dem Lünne, dass er einen entscheidenderen Einfluss in den himmlischen Regionen, bei Gott, den Schaaren der. *) Aus der 5״ßr. allg. Ztg.- vom 22. November. I Engel, sowie in der Geifterwelt besitze. Ganz besonders war den! Frommen von Babniki unter den Bewohnern des Nachbarstädtchens die junge und hübsche Witwe AtlaS ein Gräuel. Sie war vor zehn Jahren als fünfzehnjähriges Mädchen an einen reichen Kaufmann in Lemberg verheiratet worden und vor fünf Jahren aus der Hauptstadt vollständig modernisirt oder, wie die Frommen vo» Babniki sagten, ן verdorben zurückgekommen. Sie hatte zehn Teufel im Leibe, wenigstens behauptete Rabbi Lömenstamm es, und der musste es wissen, da er Gewalt über die Dämonen batte, wie einst König Salomo. Sie nannte sich jetzt nicht mehr Rebekka, sondern Rosabella, sie ging in . ,christlichen' Kleidern einher, las Bücher, die nicht hebräisch waren, und was noch schlimmer war, diese Bücher verbreiteten sich in Knrniki wie die Pest. Man begann dort, Journale za halten, und es gab. sogar einen litterarischen Kreis, der sich an langen Winterabenden in dem Salon der dunk-läugigen Witwe versammelte, und in diesem Kreise wurde nicht etwa der Talmud gelesen, sondern Schiller's ״Maria Stuart" und Goethe's ״Egmont" mit vertheilten Rollen Um das Werk der Entartung zu krönen, . trug Frau Atlas auch kein kurzgeschnittenes Haar unter seidenem Scheitel, sondern paradirte vor aller Welt, wie eine polnische Gräfin, mit ihren langen, schwarzen, glänzenden Flechten. Dieses Beispiel wirkte mehr, als Voltaire und Lessing in Person es vermocht hätten. Frau Atlas sab mit ihrem, langen Haar wunderhübsch aus. und welche Frau will nicht gut ausseheu? So wurde die Sitte, das Haar wachsen zu lassen, bald allgemein-in Knrniki, während