Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 40 (25.11.1885)
- Date
- 1885-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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auch bei el melech godol batischbochos erfcbeint die Melodie dieser Skala entsprechend; allein von b׳er ab folgt eine ganze Kette von Jntervallstöruugen: ein aufgelöstes A statt Ais, ein C statt Ois und zum Schlüsse sogar statt Fis ein F. Durch diese Jntervallverscbiebuug wird selbstverständlich auch der Charakter des Steiger vollständig verwischt und kann in dieser Form als Musterbild für künstlerisch strebende Cantoratsjüngcr unmöglich empfohlen werden. Man wende uns nicht ein, dass derartig gearbeitete Rccitative das sogenannte ״Wohlsingen"*) (Meistergesang) involviren. Wir kennen das Wohlsingen und acceptiren dankbar diese holden Gaben einer übersprudelnden Phantasie, so lange dieselbe die Grenzen der Gesetzmäßigkeit und Zartheit nicht überschreitet, allein der Ausgeburt einer erhitzten Einbildungskraft, die in ihrer Zügellosigkeit die Schranken durchbricht und plan- und ziellos vorwärts stürmt, müssen wir unsere Anerkennung vorenthalteu. (Fortsetzung folgt.) Gesangs-Briefe. Froh sein, bürgt für gut sein, höre ich oft einen braven Mann sagen, und von einer gewisien Art des Frohsinnes mag mail es wobl, ohne sich zu betrügen, folgern können. Was macht nun aber froher, als ein zu seiner Zeit angestimmtes Lied? e.ns der andern Seite haben uns die Erfahrungen mancher Menschenkenner bewiesen, dass der Feind der Tonkunst selten ein menschenfreundliches, liebevolles Herz im Busen trägt. Wollten uns die Griechen und Fenelon nicht ebenfalls den wvhlrhätigen Einsiuss der Tonkunst und Poesie auf das menschliche Gemüth beweisen, als sie uns die Mythe des aus dem Olymp unter die Hirten des König Ädmets verbannten Apolls, und die Berweisung des jungen Telemach's in die Wüste von Oasi, erzählten, wo Beide einen so hohen Grad von Glück׳ seligkeit um sich her über die Menschen verbreiteten, dass sich selbst die Götter eifersüchtig fühlten und den Gott des Gesangs wieder in den Olymp, der ägyptische König aber den Telemach zum Lohne wieder zu sich berief? Dies sind doch wohl Winke, die alle Menschen, und beso n» ders alle Eltern, aufmnntern sollten, einige Mühe anzuwenden um die Liebe für die Tonkunst bei ihren Kindern zu unterstützen, welche sie fast alle von der Wiege an so deutlich an den Tag legen, und die bei ihnen erstickt wird, wenn sie durchaus keine Nahrung erhält. Man übersehe nur einmal alle die Vortheile, welche der״ Umgang Euterpens und Eratos, wenn sie sich wechselsweise unterstützen und durch das Organ der Stimme vernehmbar werden, dem Menschen, und besonders dem weiblichen Geschlechts, darbieten! Nicht etwa, als ob ich in der Meinung sei, dass die Männer weniger Annehmlichkeiten als Frauen und Mädchen bei dem Gesang finden müssten: nein, gewiß nicht. Mein Wunsch geht im Gegentheile dahin, dass mit der Verbreitung einer besseren Erziehung auch das Vorurtheil verschwinden möchte, welches dem Manne den Gebrauch der Stimme zum Singen, als eine weibische, höchstens für Jünglinge erlaubte Erholung, ansehen lässt, und ich hoffe, dass man die Knaben nie von dem Singunterricht ausschließen werde, den ich weiterhin vorzuschlagen habe. Die Stimmen der Knaben verlangen keine andere Leitung als die der Mädchen: warum sollte ihnen diese Wohlthat für ihr künftiges Leben entzogen werden? *) Die polnisch-deutsche Bezeichnung hiesür lautet: »Er singt take woil.* Ich beschränke mich indesien jetzt nur für das weibliche Geschlecht zu reden, weil ich mich nicht entsinne, dass jemand die Mübe übernommen habe, den Punkt des Gesanges als eingreifend in die physische und moralische Erziebung für das weibliche Geschlecht zu bebandeln. ,Wenn ibr wünscht eine Idee allgemein unterstützt zu sehen, oder etwas einzusübren. das früher noch keinen Eingang fand, so sucht nur das weibliche Geschlecht dafür einzunehmen!״ sagte einst der gute N o u s s e a u. Wie weit sicherer mu!s der Weg sein, wenn der behandelte Punkt in das Fach des Erziehungs- Wesens greift! Ich dürfte nur zu dem Meißner'schen .Lob der Musik* verweisen, das ein treues Gemälde aller ihrer Wirkungen auf das menschliche Gemüth lieferr, und gleich seine Beweise durch Schusters angenehme Composition mit sich sührt; allein es macht mir Vergnügen, selbst eine Observationsreise unter musikalischem Gesichtspunkte durch das Leben zu machen und die Sache weniger dichterisch anzusehen. Könnten wir unser Gedächnis über die ersten Tage unteres Erdenlebens zu Nathe ziehen, so würde gewiss jeder von uns gestehen, dass der süße Ton eiuer uns in Schlaf singenden Wohlthäterin, nebst der wärmenden Nabrung, dis wir an ihrem Busen einsogen, die ersten genussreichen Empfindungen waren, die uns erwartelen; aber da wir dies nicht an uns selbst bemerken konnten, so bleiben uns noch täglich die Säuglinge zu ferneren Beobachtungen. Und welche aufmerksame Seele hat nicht tausendmal den Einfluss der sanfltönenden Stimme einer holden Mutrer auf ihren Liebling bemerkt? Ein gesundes und nicht durch Menschenverkünstelungen oder Medizin gequältes Kind kennt noch kein Leiden, und nach der Befriedigung seiner natürlichen Bedürfniße ersetzet ihm ein sanfter Gesang alle Medizin, die schlotternde Wiege und das Hin- und Herwanken seiner Wärterin; er wird ihm angenehmer Zeitvertreib, ja durch die Stimme gewinnen Menschen und Thiere zuerst ihre Wohlthäter lieb. Vom ersten Tage unsers Daseins an wird das Ohr an gute oder schlechte Töne gewöhnt. Je mehr es Gelegenheit findet, die bessern aufzufassen, desto empfänglicher wird das ganze Wesen für eine harmonische Stimmung. Die Ruhe der Töne verbreitet sich über das ganze Wesen und amalgamirt sich mit ihm; ja ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass diese ersten Eindrücke, diese harmonische Stimmung, einen entschiedenen Einfluß auf die fernern Anlagen des künftig zu entwickelnden Menschen behalten müssen. Vielleicht glaubt man nicht, dass das Ohr schon so srüh gebildet werden könnte, als dies doch der Fall ist. wenn man blos die äußeren Zeichen, die ein Kind später von der Neizbarkeit seines Gehörs gibt, als das erste Erwachen dieses Sinnes anzunehmen geneigt ist. Aber ich hatte Gelegenheit, Bemerkungen über diesen Punkt bei mehrern kleinen Kindern, besonders aber über einen kleinen Knaben anzustellen. Dieser Knabe war kaum ein halbes Jahr alt und konnte nur lallen, als man alles mit ihm durch ein mit der Guitarre begleitetes Lied anfangen konnte. Er zeigte oft mit seinen Händchen liebevoll nach mir hin, wenn ihn seine Wärterin vor meinem Zimmer vorbei trug und ich durch Zufall gerade heraustrat, denn er wusste, dass ich ihn dann nach seinen Lieblingsinstrumente hin trug. Kaum konnte er einige Silben aussprechen, so rief er an der Thür: tatare, latare (Guitarre), dann setzten wir uns oft mit dem Instrument auf den Fußboden, und jeder gab die Töne, wie er es konnte. Das Wort piano war eins der ersten Wörter, auf die das Kind aufmerksam wurde, weil ich es ihm jedesmal mit einer begleitenden Pantomine wiederholte, wenn er die Saiten der Guitarre zu hart angreifen wollte, und so merkte er bald, dass, wenn