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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-11-25 · Heft 40 (25.11.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 40 (25.11.1885)
Date
1885-11-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — Vorbilde gegenüber, so dürfte in diesem Falle die Bezeichnung ,Verwirrung^ sicherlich nicht angefochten werden, indem dieses Vorgehen zur Genüge bekundet, dass dem Betreffenden die künstlerische Eignung mangelt, sich eine selbstständige Anschauung zu bilden. Oder aber, fehlt etwa diese Biegsamkeit der Stimme einer Person, welche zufällig eine gewisse Bedeutungshöbe errungen und welche, in der Befürchtung durch das Zugeständnis seines Unvermögens an der einmal errungenen Bedeutung zu rütteln, die eigene Unvollkommenheit auf das Piedestal des Vollendeten erhebt und soweit aus der Noth eine Tugend schafft; nun so muß man sicherlich auch unsere Anschauung, dass der Betreffende unter der Wucht einer Zwangslage handelte, gelten lassen. Wir können eS demnach zweifellos aussprechen, dass die beiden angeführten, psychischen Momente ,Verwirrung und Zwangslage" dem characteristiscben, vom Gegenstände unmöglich loszulösenden colorirten Gesänge der jüdischen Lithurgie tiefe, schwerheilbare Wunden geschlagen haben. Wir befinden 11116 hier auf einem Gebiete, welches aller, dinge einer eingehenden, ja erschöpfenden Auseinandersetzung würdig wäre; da wir dies jedoch an anderer Stelle zu thun gedenken, so kehren wir heute zum Gegenstände unserer Aufgabe zurück und betrachten die!raditionetlen Gesänge Weintraubs vom Gcsichispuukte des oben genau anfgestellren Systems. 1) Beachtung gewisser Intervalle. Wir,schlagen zur eingehenden Untersuchung dieses Vorkommnitzes Nr. 6 des Weintraub'schen Werkes auf 11. zw. מעריב של שכת. Betrachten wir die Tonfolge der die Freitag-Abend-Lilburgie charactcrinrenden׳ traditionellen Melodie LNVM) genau, so bemerken wir. dass die' selben zumeist aus leitereigenen Tönen mit hervorstechend oftmaligem Auftreten der reinen Quinte gebildet tft und letztere sters als Schlnßton der jeweiligen Phrase erscheint; ferner, dass die. wie wir voraussetzen, sar sam bekannte Melodie bei 61 6bai ^v'kajom ebenfalls mit der fünften Tonstnfe beginm, bis zur None forlschreitet, um im Abwärtsschreiteu die bemcrkenswcrthe kleine Septime zu berühren. Diese kleine Septime ist die einzige lciterfremde Tonstufe der Melodie, welche derselben hauptsächlich beim jemaligen Wiederkehr des Boruch das Nelief des Freitag-Abendlichen verleibt. Andere Merkmale sind selbst bei strengster Untersuchung nicht auffindbar. Wie macht es Wciutraub? — Der Freitagabend-Gottesdienst erscheint in C-dur behandelt; das Necitativ w’nismacb beginnt mit der Terz E, die vom Ohre herbeigesebnte reine Quinte ist vollständig außer Acht gelassen, zudem schließt die Tonphrase zumeist mit der Octave, hie und da auch mit der Terz. Doch die bekannte Melodie bei 61 cbai w’kajom erscheint auch Weintraub unabweisbar, und die Maßregel, die der Autor zur Beibe- Haltung derselben innerhalb der Anklänge seines ausgezeichneten, fremdartig klingenden Necitatirs gebraucht, erweist sich als Hauptverstoß gegen die traditionelle Form. Dort, beim alten Cbasonus. wird die Melodie von 61 cbai mit der Quinte _ bei C-dur demnach mit G — begonnen, zur halben Tonstufe Eis abwärts geschritten und mit der Berührung der Quinte und Sext zur None D auswärts geführt, um dann bei der Abwärtsbewegung die obligate kleine Septime L zu vermitteln. - Weintraub schließt jedoch bei a’donoy zewoos scb’mo die Melodie mit der Terz E; will er nun die notbwendige Aufwärtsbewegung zur None bewerkstelligen, so muß er selbstverständlich einen um eine Terz größeren Zntervallenkreiv benutzen, d. h. cr muß vo״ der Terz E bis jur None D aussteigen. Um nun dies zu bewert-!teüigen, lässt er die Abwärtsbewegung zur halben Tonstufe außer Acht und schreitet die ganze Tonstufe von E zu D abwärts, lässt abermals die Wiederkehr zum Ausgangstone E unbeachte! und schreitet zum F aufwärts, benützt zudem einen in der Ursprungßmclodie gar nicht vorhandenen Mittelton A, um erst auf diesem Umwege die obligate None D zu erreichen und dann allerdings die Abwärtsbewegung zur vermittelnden, kleinen Septime in correkter Weise auszuführen. - Diirch diese, wie uns dünkt, nun satttsam nachgewiesene Außerachtlassung unerlässlicher und Einfügung willkürlicher Tonstufen erhält die Melodie einen Todesstoß und wird im besten Falle zum Fragmente umgebildet. Dieselbe Verkrüppelung wiederholt sich selbstverständlich auch bei w’nismach, und ähnlichen Vorkommnißen begegnen wir allzumal. So nöthig wir es in Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes auch erachteten, mehrere der im Buche vorhandenen Willkürlichkeiten aufzuzählen und zu besprechen, so müssen wir uns dies dennoch versagen, weil wir hiebei die Geduld der geschätzten Leser zu sehr in Anspruch nehmen; allein die Klarlegung nur noch eines Falles erachten wir als unausweichlich und wir׳ bitten, derselben, als Vorausschickuug einer demnächst von uns zu liefernden, wichtigen Besprechung, die nöthige Beachtung nicht vorenthalten zu wollen. Wir meinen di-r unerklärliche Versündigung Weintranbs gegen die Tonstufen des Steiger. Bekanntlich har die heute gebräuchliche Dnrscala ihre halben Tonstufen von der 3. zur 4. und von der 7. zur 8. Stufe der jeweiligen Tonart: nehmen wir nun die E-durscala, so erbalten wir E, Fis, Gis, A, H, Cis, Dis, E. Der sogenannte Jisctitabaeb-Steiger ist allerdings auch in einer Durtonart aufgebaut, indem er eine große Terz besitzt, allein das Verhältnis der Halbtonstufen ist ein wesentlich anderes. Die Scala des Jiscbtabacb- Steiger hat von der 1. zur 2. Stufe einen halben Ton, von der 2. zur 3. Stufe 72 Töne, von der 3. zur 4. Stufe 72 Ton, von der 4. zur 5. Stufe 2/2 Töne, von der 5. zur 6. Stufe 72 Ton, von der 6. zur 7. Stufe 72 Töne und von der 7. zur 8. Stufe 72 Töne; bauen wir nun beispielsweise eine Skala des disebtabaob-Sleiger in E, so erhalten wir E, F, Gis, A, H C ,D, E. Wer diesen Steiger in mustergiltiger Weise singt, d. h. wer diese Jntervallrnsolze beim Singen genau beachtet und nur noch hie und da die Unlerseknnde D zu Hilfe nimmt, der kann, selbst bei nicht zu reger Phantasie, dennoch etwas Erklektiches zu Wege bringen, wird aber ganz bestimmt niemals gegen die Kunstform des Steigers verstoßen. Gehörte nun einer von uns in jüngeren Jahren der Neseborerim-Gilde unter Leitung eines tüchtigen stN an, allwo ihm Gelegenheit zum Abtauschen (Einschiebung eines Jnlermozzos) geboten wurde, und bat er hiebei keine Kenntnis von der Skaleneigenthümlichkeit des betreffenden Steiger, so wird und muss er schon nach Kurzem gegen den Steiger sündigen, wie wir es bei selbst nur oberslächlicher Beachtung bei unseren polnischen Collegen und Nescborerim ersehen können. DaS Vollkommenste in der Art müßte natürlich derjenige leisten, der ein guter Nesoborer war, d. h. eine rege Phantasie besitzt und ein denkender, musikalisch-tüchtiger Mann ist. Nun denn, H. Weintraub verfügte über diese Vorbedingungen und dennoch, betrachten wir einmal das von ihm niedergeschriebene disebtabaeb-Necitativ. Dasselbe i!t in der Fis Tonart gedacht (wir lassen uns hiebei von der Vorzeichnung zwei Kreuze und drei Austöser statt Gis, Dis und Ais, als ob cs in H gcdacbt wäre, durchaus nicht beirren); schon das iw 3. und 4. Takte zufällig erhöhte A beweist die Nichtigkeit unserer-Anschauung, und die ganze Melodie auf berocbos webodoos meato we־ ad 010m, borueh ato adonoj ist streng nach der von uns oben angeführten disebtabaeb-Dleigerskala in Fis gearbeitet. Diese Skala in Fis lautet nun Fis, G, Ais, H, Cis, D, E, Fis׳

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