Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 40 (25.11.1885)
- Date
- 1885-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische r Pränumerations-Preis | Kür Sereinsmilglicder: Ganzjährig ... ft. 5.— Halbjährig ... st- 2.50 Vierteljährig . . ft. 1-25 Monatlich ... fl. —•45 Kür zlichtmitglieder: Ganzjährig ... st. 6.— Halbjährig . . ft. 3.— Vierteljährig . . fl. 1-50 Monatlich . . ־. 'fl". —•50 ^kür das Krisrand: Ganzjährig ... fl. 7.- 12 Mark oder 6 Rubel. Nr. 40 Organ für M feamtnt-liiterrsspn iiiiiisrtirr Cniitureu. Erscheint jeden achten Jag. Begründer: Dbercantor Icrk.06 ferner. f & ״L *''י» -- r W-eiu 25. November 1885. 3F5 ctlnclio u AdnrinisLrariorr W i eu. II., Novaragasse 27. - Inserat« werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht rerournirt. 5. Jahrgang. U!l!er ״Entwickelung des Synagogen- Gelanges". Von Obercantor I. Singer in Wien. XLIII. Wir schreiten nun zur Besprechung des letzten, für uns des wichtigsten Theiles des Weintraub'^ch§n Synagogengesangs- Werkes, n. ztv. der rein lilhurgischen 'Mksange. Die Durchsicht dieses Theiles des vorliegenden Buches gewährt ein erböhtes und vielseitiges Interesse. H. Weintraub, als einer der bervorragendsten Fachgenossen, musste selbstverständlich die litburgischtraditionellen Gesänge als den Kernpunkt seiner componistischen Thätigkeit betrachten, und so finden wir auch das Material beinahe des ganzen Synagagenjahres*) mit einer Genauigkeit verzeichnet, der wir unsere Anerkennung nicht versagen dürfen. Es war eine ernste, traurige Zeit, jene Umwandlungsperiode des jüdischen Synagogengesanges, da man allenthalben die heiligen, von den Vätern ererbten Weisen als etwas Veraltetes, Ueberkommenes bei Seite schaffte und, um nur zeitgemäß zu erscheinen, zu den seltsamsten, modernen Hilfsmitteln griff, ob dieselben dem Zwecke entsprachen oder auch nicht. Darum gebührt jenen Fachgenossen, die mitten des anbrausenden, vernichtenden Sturmes unerschüttert und zweifellos die Heiligkeit der Tradition wahrten, der Dankeszoll derer, die eine Knnstbestrebnng vom Standpunkte der geschichtlichen Entwickelung erfassen und verfolgen. Auch H. Weintraub muss nach einer Richtung diesen verdienstvollen Männern angereiht werden; denn von 184 in seinen Werken enthaltenen Nummern gehören 118 Pieren dem traditionellen Gesänge an, und diese überwiegend größere Anzahl altsynagogaler Weisen bestätigt uns die Hinneigung Weintraubs zum alten Cliasoims. Nachdem wir nun die Ersprießlichkeit der bezeichneten Weintraub'schen Bestrebung in quantitativer Beziehung genügend festgcstellt, erübrigt es uns nur noch, auch den künstlerischen Werth dieser Nummern zu constatiren, zu welchem Behufe eine kleine Vorausschickung nötbig erscheint. Fühlt sich jemand be- *) Wir vermissen hiebei ungern die verschiedenen Melodien der jüdischen Fasttage und hauptsächlich das חזנות von יום כפור קטן. rufen, oder wird einem Künstler die hohe Aufgabe;uertheilt, ein Kunstwerk des Alterthums der Nachwelt zu überliefern, so ist es seine allererste Pflicht, daran zu denken, dass die überlieferte Form für die Kunstbestrebung künftiger Geschlechter maß׳ gebend sein wird; er hat demnach kein Recht, an dem Kunstobjecte irgend welche willkürliche Veränderungen vorzuuehmen, j sondern er muß selbst dort, wo der Zahn der Zeit oder andere ungünstige Verhällniße irgend eine Verstümmelung veranlassten, nach Möglichkeit trachten, den Schaden im G e i st e d e s d e m K u n st w e r k e innewohnenden Stiles auszubessern: 1' jede diesbezügliche Willkür hat eine Versündigung gegen die I Kunstform im Gefolge. Allerdings setzt eine nur einigermaßen formgerechte Restaurirung eines verstümmelten oder verwahrlosten Kunstwerkes das künstlerische Können eines Meisters voraus, der die Kuustform des zu vermittelnden Objectes und dessen Wesenheit voll und ganz zu erfassen im Stande ist. Die wesentlichen Merkmale des jüdisch-traditionellen Gesauges bilden nun in erster Reihe zwei Momente, welche, außer; Acht gelassen, ganz bestimmt eine Schädigung herbeiführen u. zw. 1. die genaue, ja ängstliche Beachtung gewisser Tonstufen, bezüglich ihrer Folge und öfterer Wiederkehr, und 2. die Beibe- Haltung der diese Gesänge characterisirenden Coloratnren. Die. treue Wiedergabe der Melodien selbst erachten wir als selbstverstündlich und zum Theile aus den beiden angeführten Voraussetzuugen resultirend. Was die unter 1 angeführte, characteristische Jntervallenfolge betrifft, befürchten wir nicht, bemerkenswerthen Gegenansichten zu begegnen; ganz anders wird es bei den unter 2 angeführten Verzierungen der Fall sein. Die diesbezüglichen reformatorischen Bestrebungen älterer und auch moderner sögegenannter maßgebender Fachgenossen sind uns leider genügend bekannt, trotzdem stehen wir nicht an, diese Bestrebungen entweder als Verwirrungen oder als eine aus technischem Unvermögen stammende Zwaugsmaßregel hinzustellen. Verfügt jemand, sei es aus Naturanlage oder als Folge emsiger Studien, über jene Geschmeidigkeit des Stimmorganes, welche ihn zur künstlerischen Ausführung jener characteristischeu Coloratureu eignet, und er umgeht dieselben aus purer Aengstlichkeit einem eiwaigen Machtspruche oder in gedankenloser Nachahmung irgend einem