Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 39 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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«Statt bei Florus Oiedjt zu ftubeii, werben die Abgesandten der Juden von ihm gestraft. Eine neue Herausforderung war das Begehren des Florus an die auf das Aenßsrste erregten Juden, ibm aus dem heiligen Schatze 17 Talente zu schicken, zum Bedarse des Kaisers (ibid.~6). Dies machte das Maß voll. Das Volk lief zusammen. Laute Fluche und Schmähungen gegen Florus wurden ausgestoßen. Einige wagten ihn sogar zu ver. spotten. Florus ließ bei seinem Erscheinen in Jerusalem die Schuldigen zur Ziechenschaft ziehen und einen Theil der Stadt plündern, wobei 6000 Meitschen umkamen (ibid. 8—9). Vergeblich waren die sußfälligeu Bitten der Fürstin Bereuike. Sie entging ^selbst mit Mühe der Lebensgefavr. Am andern Tage j gebot Florus, das Volk solle die heranziehenden Truppen bcgrüßen. Das Volk weigerie sich. Die Priester und Leviten beschworen dasselbe mit inständigen Bitten, sich zu fügen. .Diese Bemühung verfehlte auch ihre Wirkung nicht, das Volk zog den Truppen entgegen (ibid. 15, 1—4). Die Krieger aber, von Florus angewiesen, erwiderten die Begrüßung des Volkes nicht. Darüber lautester Unwille. Eine willkommene Handhabe für Florus, gegen das Volk eiuzuichreilen. Viele fallen, viele werden im Getümmel erdrückt oder zertreten. Die Flucht des Volkes dauert jedoch nicht lange. Auf dem Tempelberge angelangt, sammeln sich die Muthigen zur äußersten Gegenwehr, so dass Florus den Angriff nicht wagt und von Jerusalem abzieht (ibid. 5 und 6). Sofort wurden die üblichen Opfer für den Kaiser eingestellt, die Steuern verweigert, trotz der ernsten Warnungen des Agrippa und der Friedenspartei (ibid. 16, 1—5), und so begann jener furchtbare Krieg, der seinesgleichen׳ nicht , hat, weder in Bezug auf die von den Nömern geübte Grausamkeit, noch in Bezug auf den Heldenmuth und die verzweifelte Selbstvernichtung der Juden. Der Führer der Juden war der aus priesterlicher Familie stammende Eleasar Sohn Ananja. Cestius Gallus erlitt Niederlage auf Niederlage (ibid. 19, 5—8). Der Sieg steigert das Selbstvertrauen der Juden, und es wird die Vertheidignng des ganzen Landes regelrecht organisirt (ibid. 20, 3). Jofephuß Flavius, der Berichterstatter dieses Krieges, wird zum Feldherru in Galilaea gemacht. Nach den Niederlagen des Gallus (Joseph. bell. jud. III, 1, 1; Tacit. hist. V, 10) hatte sich Nero aus Furcht vor einer weiteren Ausbreitung des Aufstandes bestimmt gefunden, seinen besten Feldherru, Flavius Vespast'anus zur Niederwerfung desselben zu berufen, dessen Erfolge trotz unbestrittener Tapferkeit und Feldherrntalrntes dennoch ohne den Verrath des Josephus und ohne die inneren Zerwürfniße unter den Parteien nicht möglich gewesen wären. Diesen Krieg in seinen Details zu schildern, ist nicht Aufgabe dieser Abhandlung. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Meff. (Ein beschwindelter Gevatter.) Die ״Neue Jüdische Pester Zeitung" bringt folgendes Kuriosum. Vor wenigen Tagen ist beim Dudapester königl. Gerichtshof in Strafsachen folgende Anzeige eingelaufen: »Löblicher königlich. Gerichtshof! Ich! Endesunterzeichneter wurde vor etwa vier Wochen vou dem jüdischen Handelsagenten Je K. ersucht, bei seinem neugeborenen Söhnchen die ,Gevatterstelle" anzunehmen. Ich kam diesem Wunsche willigst nach und bestellte, wie dies nach altem Brauche Pflicht des Gevatters ist, das übliche Mahl sür 30 Personen, a Person zu 2 Gulden. Ais ich au dem mir bezeichneien Tage bei I. K. erschien, erblickte ich ein Wickelkind neben dem Bette der Wöchnerin im Arme einer Magd, ' Ich erkundigte mich, wann der rituelle Akt (die Beschneiduug) vor sich gehen werde, worauf mir zu meiner Ueberraschung entgegnet wurde, > dass der Beschneidungßakt .bereits vollzogen sei, da der H.rr Operateur (Mohel) Eile hatte und nicht länger warten wollte. Unter solchen Umständen blieb mir nichts anders übrig, als das aufgctragene Mahle fiir*welches ich 60 Gulden bezahlt hatte, mit den bereits versammlten Gästen zu verzehren. Einige Tage später erfuhr ich, dass bas neugeborene Kind des I. K. nicht einmal ein Söhnchen, sondern ein Mädchen sei! Leider fand ich diese Meldung durch eigenen Augeu'cheiu bestätigt. Da nach den Satzungen der jüdischen Religion bloß bei Kindern männlichen .Geschlechts, keinenfalls aber bei Mädchen, ein! ״Gevatter'' nöthig ist. so wurde das Mahl, welches auf 60 Gulden zu stehen kam, mir durch hinterlistige Vorstellung entlockt. Ich bitte daher, gegen den Agenten I. K. das Strafverfahren einzuleiten. L. S, Kaufmann in Budapest. Gegen den betreffenden Agenten ist auf diese Anzeige hin die Untersuchung wegen Betruges ungeordnet. Merlin. Durch eine Cabinetsordre vom 9. September 1885 sind der israelitische» Synagogen-Gemeinde »Adaß-Jisroel* die Rechte einer Synagogen-Gemeinde verliehen worden. Die Verordnung, die im .Reichsanzeiger" vom 30. October vetöffentlicht würde, lautet folgenderinaßen: Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen rc., verordnen auf Grund des § 8 des Gesetzes vom 28. Juli 1876, betreffend den Anstritt aus den jüdischen Synagogen-Gemeinden (Gesetz- Samml. S. 353), was folgt: Nachdem verschiedene, auf Grund des Gesetzes vom 28. Juli 1876 aus der jüdischen Syuagogeu-G.uteinde zu Berlin ausgetretene Juden sich -behufs dauernder Einrichtung, eines besonderen Gottesdunstes unttr dem Namen ״Israelitische Synagogen-Gemeinde (Adaß- Jisrvel) zu Berlin" vereinigt und ein Statut beschlossen haben, werden ,dieser Vereinigung auf Grund des Statuts die Rechte einer Syltagogen-Gemeinde beigelegt. Das Statut ist in der genehmigteu Fasjung durch das Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin zu veröffentlichen. Gegeben Bert 11, den 9. September 1885. (L. S.) Wilhelm. Für den Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten, v. Bötticher, v. Puttkamer. Friedberg. Wew-^orü. (Glaubensbekenntnis eines Reformtabbtners.) Die New-Jorker n. jüd. Zeitung erzählt, dass einer der größten Reformrabbiner an einer Synagoge von New-Jork, Namens Dr. Köhler, eine Broschüre herausgegeben hat, in welcher er öffentlich sein Glattbensbekenntnis ablegt. U. A. sagt er: 1. Seit 35 Jahren bin ich bestrebt, in diesem Lande das Joch der Thorah Mosis von dem Hals unserer Glaubensgenossen herunterzunehmen. 2. Bekenne ich öffentlich, dass ich nicht glaube an die Offenbatung Gottes auf dem Berge Sinai, sowie weder an die Auferstehuug, noch an die Ankunft ves Messias; auch glaube ich nicht, dass Gott die zehn Gebote aus die Tafeln geschrieben hat. Es sind dies Alles' nur kleinliche Sagen, sie sind aufgebaut ans der Dummheit der Menschen; ich glaube nicht an diesen Unsinn; ich glaube! auch nicht, dass Gott es wünscht, dass ich an diese Dinge glauben soll und glaube auch nicht, dass uns diese Dinge vom Himmel gegeben sind. ׳ 3. Alle jüdischen Gesetze, Gebräuche und Vorschriften waren nur berechnet sür die Zeit, in welcher das jüdische Volk war eine wilde Horde ohne Wissen. 4. Unwürdig wäre es für uns Juden Amerikas, zum alten ' Judeuthum uud seine Gesetze zurückznkehren. MSSSWj