Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 39 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3452999-3453038--1547-3455700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
3 — Wäre es nicht die tiefste Vereinigung, sängen wir. was sie gesungcn? Vielleicht fühlten wir, was sie gefühlt haben!' — Wir, die so glücklich sind, Gebete unserer Vorfahren nicht von tausend, ja von mehr al» zweitausend Jahren, und Gesänge vielleicht ebenso alt zu besitzen, sollten wir nicht stolz auf diesen Besitz sein? Wer wird nicht, der ein Gefühl für altjüdischen Gesang hat, tief ergriffen beim Hören eines ותערב עליך oder eines ונתנה תוקף, der nach der alten Weise gesungen wird? Wenn wir nun Ehrfurcht gegen das ,Alter" zeigen sollen, so dürfen wir es doch nicht unbedingt thun, denn vielfach, bis zur Unkenntlichkeit, sind die alten Gesänge verunstaltet worden, wir müssen vielmehr bestrebt sein, den Kern von der Hülse unterscheiden zu können und letztere als unbrauchbar wegwerfen. Zch will auch keine Hymne singen der von Manchem in die Unendlichkeit und in Schneckenlinien gezogenen Coloratur, noch viel weniger halte ich's für eine erhebende Erscheinung, wenn unsere allen Lehrer — Achtung der Ausnahme die Hand unter das Kinn legten, um, wie es scheint, die Töne gewaltsam hervorzuheben. Es sei, wie gesagt, nur der Kern der alten Gesangsweife.n gemeint, der cultivirt zu werden verdient. Darum, ן ist es sehr erfreulich, dass, die Auserwählten unseres Standes, indem sie den^Synagogen-Gesang einer Verbesserung unterzogen, die Reformation nicht aus der ,Fremde' importirt haben, sondern mii Beibehaltung des alten Stoffes demselben nur einen zeita! »׳ätzen Zuschnitt verliehen. Wir haben es nicht nöthig, von einer Oper oder gar Volkslied Melodien zu entlehnen, denn an diesen mangelt es uns nicht. Halten wir fest an dem Herkömmlichen, das durch Alter geheiligt ist, und ahmen wir nicht mit Vorliebe fremden Cultus nach, wenn wir aus der Quelle selbst schöpfen können; dann wird der Gottesdienst ein echt jüdischer sein, und sowohl der Religiösität als auch dem Kunstsinne wird Rechnung getragen werden. Bachya und Juda Halevi. Zwei Persönlichkeiten, deren Namen wie eine angenehme Erinnerung aus der Jugendzeit in unserem Gedächtniße nach- * klingt, sind die überschrifllich benannten Verfasser der herzgewinnenden Werke הובות הלבבות und ׳ספר הכוזרי welche gewöhnlich früher am Sabbath den Gemeindemitgliedern und am Wochentage den Talmudjüngern vorgetragen wurden. Diese Bücher werden neben einander genannt und nacheinander gelesen, obwohl sie bei näherer Betrachtung ihres In- Haltes eine gewaltige gedankliche Kluft trennt, und das eine als Gegensatz des anderen erscheint. Allerdings sind Uebereinstimmungen ihrer Anschauungen unvermeidlich, insofern beide dieselbe Religion zum Ausgangspunkte ihrer Forschungen machen. Und die Religion war ja im Mittelalter die Basis aller Wissenschaften, besonders aber der Ethik, so dass Tugendhaftigfeit und Frömmigkeit identische Begriffe wurden. Und während die Moralphilosophen des Alterthums vom" herrschenden Volksglauben gänzlich absehen, ja oft im Widerspruche mit demselben sich befinden, geht die Scholastik mit der Theologie Hand in Hand und stellt die Religiosität als Bedingung sür die Moralität hin. So sehr auch unsere Autoren die Anschauungen ihrer Zeitgenossen theilen und ihre Ethik auf jüdisch-religiöser Grundläge construiren, sind sie doch weit entfernt davon, die Sittlichfeit oder Seligkeit eines Menschen von der ausschließlich en Aus- Übung irgend einer Glaubensform oder gar bestimmten Neligionssatzung abhängig zu machen. Bachya gibt in der Einleitung als Quelle seines Buches auch die Sittensprüche und lobenswertben Bräuche der Frommen und Weisen aller Nationen an und soll er nacb der Meinung Banmgarten's (Einleitung zum Chob. Haleb.) im 8. Theile Cap. 3, auf das Neue Testament verweilen, obwohl die betrefsenden Stellen auch im Talmud Vorkommen und unter הסרינו die jüdischen Frommen verstanden werden. Juda Halevi wieder citirt das Evangelium Matth, als Beleg für den Werth der Duldung (1, 113. 4, 22) hebt er mit rührender Offenheit die nachzuahmende Bescheidenheit der Apostel hervor, erkennt er die moralische, durch die Verbreitung der Thora die Messiaszeit vorbereitende Weltbedeutung des Christenthums an. Ueberhaupt urtheilt er unbefangen über das Gute und Annehmbare bei Andersglaubenden und Andersdenkenden, hat er ein offenes Auge für die Vorzüge und Verdienste jedes Stammes und Standes, jeder Nation und Religion. Trotz des schärfsten Tadels, den er gegen die Philosophie erhebt, und ihre Zweifel mit unfruchtbaren B lüthen vergleicht, spricht er den Philosophen, wie überhaupt jedem Sittenreinen, den Antheil am ewigen Leben j zu (1. 111). Schon durch den Umstand, dass er die Pflicht der sittlichen Veredlung (מצות עזבליות) aus der Vernunft herleitet, welche den Menschen von allen beseelten Wesen, mit denen er das Sinnliche gemeinschaftlich hat, auszeichnet, verleibt er der Ethik einen allgemeinen neutralen Charakter und nimmt ihr die Einseitigkeit, in welche sie die Scholastiker gebannt haben (!, 35). Allein dieser bei Beiden wahrzunehmende Zug der Toleranz, der an Werthschätzung gewinnt, wenn wir uns in die Zeit und das Land Bachya's und Juda Halevi's versetzen, ist auf eine kennzeichnende Erscheinung des jüdischen Schriftthums zurückzuführen, welche das Wahre, das Löbliche von wem immer, ob Heiden oder Apostaten, annehmen. Wo sie daher im Gedankenkreise der mosaischen und rabbinischen Lehren sich bewegen, dort begegnen sich ihre Anschauungen. Nur wo sie selbstständig ihre Ideen entwickeln, dort gehen ihre Ansichten auseinander. Die wesentlichen Differenzen zwischen Beiden sollen hier zusammengestellt werden. ' Die hauptsächlichste Meinungsverschiedenheit, ans welcher alle übrigen sich herleiten lassen, dreht sich um die allgemeine, schon die antike Ethik beschäftigende Frage, welche auch den Streitpunkt auf der Lydenfer Synode bildet, ob das Innere, die Gesinnung oder das Aeutzere, die Handlung den sittlichen Werth eines Menschen bestimmt. Fassen wir die unseren Gegenstand betreffenden Aussprüche Bachya's näher in's Auge (Ob. Bai. ed. Baumgarten 4, 4. 5, 5. 6. S. 79. 8, 3) ,Oft wiegt ein gutes Werk viele andere auf durch die dieses begleitende gute Gesinnung nämlich", dann finden wir, dass Bachya sich für die erste Ansicht ansspricht. So erachtet er schon den sündhaften, auch nicht zur That gewordenen Gedanken für strafbar, was nach dem Talmud nur ausnahmsweise beim Götzendienste der Fall ist. Auf David sich berufend, dem der gute Wille, den Tempel zu bauen, für die That angerechnet wurde, achtet er das Moment des Handelns, des praktischen Bethätigens viel zu gering, erklärt er eine mit Nebenabsicht vollführte, gute That, das Gebet eines außer Gott auch Menschen zu gefallen strebenden Cantors, z. B., für unwürdig, eine nicht um des Empfängers willen ausgeübte Wohlthat, des Dankes nicht werth. (Th. 3 Einl. 5, 5 6. 8, 3. 9). Nach Juda Halevi hingegen genügt nicht eine wohlgefällige Gesinnung, auf welche keine entsprechende Handlung folge; ebensowenig kann eine schlechte That durch die bei ihrer Vollführung gehetzte gute Absicht gut gemacht werden. Ja noch mehr deducirt