Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 39 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 12 — scheu, seine Vernunft, seit langen Jahrhuuderken aus dem Gewissen tragen, so muss man ihnen doch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie nicht gleich unvortbeilhaft für die Künste waren. Malerei und Musik würden vielleicht nie das in Italien geworden sein, was sie längst waren, wenn der Thron des Papstes nicht so ununterbrochen und unverrückt im Welschland gestanden hätte. Ich glaube, unsere heutigen Psychologen würden den Mann auch für keinen Stümper in der großen Wissenschaft, des Menscheu Seele zu durchschauen, halten, der zuerst auf den Einfall gerieth, das Gefühl der Gläubigen durch den Zauber des Gesanges zu leiten und zu diesem Zweck an den heiligen Orten der Kasteiung und des Betens eine geistigsinnliche Erholung zu privileziren, die vielleicht oft die Schwärmerei erhöhte und zu cxcentrischen Thaten verleitete, aber gewiss auch wohlthätig auf die zur reinen Andacht und Frömmigkeit gestimmten Gemüther wirkte. Wer weiß, ob nicht der sanftlönende Akkord mehr Theil au manchem guten Entschlüße, an mancher menschenfreundlichen Handlung hatte, als das tägliche Beiwohnen ihrer Messen, oder die oft unverständliche Litanei ihrer Prediger. Ich finde viel Nichtiges in der Bemerkung: es gäbe gewisse Akkorde in der Musik, die den Menschen unwillkürlich an seine Sünden, andere, die ihn bestimmt an seine Leiden und Freuden erinnerten. Es war Pflicht für das italienische Volk, fast täglich in die Tempel Gottes, die bei ihm zugleich die Tempel der Tonkunst waren, zu gehen, wo von Kindheit an sein Qor unwillkürlich gebildet wurde: und wie leicht stimmt die Kehle da an, wo sie von einem richtigen Gehör und einer wohllautenden Sprache geleitet wird. Die gebildeten Stände, sowie die niedere Volksklasse genossen die nämlichen Vortheile, den *trefflichsten Ausführungen musikalischer Messen beizuwohnen und die unzähligen Heiligen aus allerlei Weisen zu besingen. Wie konnte es da and-.rs sei:׳, als dass ein allgemeiner Geschmack für Gesang bei dieser Nation verbreitet wurde? Bei dieser Gelegenheit sei auch bemerkt, das», Italien nicht gleich berühmt für Znstrnmentalmusik ist, wenn auch Cremona und Neapel herrliche Vio-!inen und Guitarren liefern. Wenig Jnstrumsntalisten von großem Ruhme sind als solche dort gebildet worden, und eben so wenige reifen einzig dort hin, um sich zu vervollkommnen: e - sei denn dass ihr Zweck sich bis zur Co mpofiliön ausdehnte. Das Menscheninstrument, das wohfeilste und schönste unter allen, von der Querpfeife bis zur Harmonika, die zwar einen schönen Ton, aber dabei auch eine ermüdende Einförmigkeit hat, ist das einzige, dessen Bildung die Italiener ihren großen Ruhm verdanken. Was war daher natürlicher, als dass man bei ihnen ansing, diese Kunst zu veredeln? Die guten Priester wären ja keine Priester gewesen, wenn sie sich mit der Mittelmäßigkeit begnügt hätten, da sie in andern Fächern so manche Beweise gaben, die Kunst in hohem Grabe zu besitzen, sich das zu verschaffen, was zur Erhöhung ihres Wohlbesindens beiträgt l Es wurden also Singschulen angelegt, C o n s e r v a t o r r e n oder klöfterliche Versammlungen, in denen schöne Stimmen beiderlei Geschlechts und der eigentliche musikalische Geist genährt und entwickelt wurden, von denen bald herrliche Sänger und große Tonietzer ausgingen; denn das Bedürfnis trefflicher Compositionen und ein dahin führendes Studium waren zu nah mit der räufigen Aufführung musikalischer Messen und Oratorien verwandt, um nicht hier ihre Pstanzschule zu finden. Dass cs nun s hier Singmcister gab, die nicht allein in sich selbst schöne Stini- | men mit gutem Vortrage vereinigten, sondern die auch unzähligen Menschen gründlichen Unterricht ertheile::, welche sich bald in! ihrem eigenen Lande und in ganz Europa ausbreileten, lässt ' sich leicht begreifen.' Hierzu noch der Umstand, dass das schöne Klima, der heitere Himmel Italiens einen Frohsinn in dem Einwohner weckt, der schon zu der Zeit der Römer als chqrakteristisch von dem Volke bezeichnet wurde, wenn man seine Hauptbedürfniße in die beiden Worte: Brod und'Cireüsspiele! fasste, und ihm die mancherlei Bedrückungen ertragen half, unter denen das Volk seufzte. Der Italiener singt seine Stanzen beim Ruder der Gondel, er singt vor und nach der Arbeit und fühlte sich froh, als ob er glücklich sei. (Fortsetzung folgt.) "׳ Der traditionelle Synagogen-Gejang. Von Anton Kohn, Cantvr in Kula. Das Vorbeteramt ist mit der Synagoge eng verbunden und erfreut sich somit eines sehr hohen Alters; beide sind ein »Erbtheil der Versammlung Jakobs' ans längst vergangener, und doch in lebhafter Erinnerung stehender Zeit, beiden gebührt . das Verdienst, das nach״ allen Richtungen der Windrose zerstreute Volk der Juden gewissermaßen zusammengehalten zu haben. Hiezu!rat noch ein dritter Umstand, und dies ist: das hebräis ch e Gebetbuch. והחוט המשלש לא במהרה ינתק der dreifache Faden reißt nicht so bald. Die Synagoge war und ist noch das Baud, womit die losen Theile des Ganzen aneinandergefügt werden. Da aber dieselbe ohne den Vorbeter nicht denkbar ist, so muss, wenn von ersterer gesprochen wird, auch an den Letzteren gedacht werden. Was nun das hebräische Gebetbuch anbelangt, so bedarf es keiner weitläufigen Erörterung, um nachzuweisen, dass ihm die Ausrechterhaltnng des Judaismus zum großen Theile zugeschrieben werden kann. Unser«: Altvordern erkannten׳ dies, und darum versahen sie uns für alle Verhäktniße des Lebens mit Gebetformeln, die größtentheils für die Gemeinde bestimmt waren und die Erhaltung der hebräischen Sprache bezwecken sollen. Die Art und Weise des Vortrages der Gebete wurde wahrscheinlich dem Vorbeler anheiingestellt, und׳ so irren wir nicht, wenn wir hierin den -Ursprung der verschiedenen Gesangsweisen suchen, wiewohl eine gemeinschaftliche Quelle derselben nicht zu verkennen ist. Die Entwickelung aller Bestrebungen der Menschheit vollzieht sich langsam und naturgemäß vom Unrollkommnen zum Vollkommueu, ebenso müssen wir uns den Synagogen-Gesang als stufenweise'sich entwickelnd denken. Zn uralter Zeit mögen die Gebete oder deren Anfang- und Schlussverse vom Vorbeter laut recilirt worden sein, die verschiedenen Gefühle als da sind: die der Freude, des Dankes, des Schmerzes rc., erzeugten auch verschicdenartige Töne im Vortrage, die nach der Individualität des Vorbeters znm AuSdrncke gebracht-wurden.-So wie aber in der Natur kein Stillstand stattsindet, vieUnebr alles seiner Vervollkommnung entgegenstrebt, so gelangten auch unsere Gesänge auf eine immer höhere Stufe der Entwickelung. Es ist wirklich staunenswerth, wie diese Gesangswelsen vom Vater ans den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht, von Ost nach West, von Süd nach Nord vererbt wurden, und die ehrwürdigen Melodien, die Zeugen unerschütterlichen Gottesver- Nauens, sind ^cs werih, nicht nur in unserem Gedächtniße zu leben, sondern auch für die entfernteste Zukunft ansbewahrl zu werden. Ich habe in emer ungarischen Lilteralurgeschichte gelesen, dass der Verfasser, die Culrnr der alten Magyaren besprechend, wehmürhig ansrusl: ,Was gäben wir nicht für ein Lied, welches vor tansend Jahren von den Lippen unserer Vorfayren klang!;-,TT •rjir*'; .wm; "HAAG