Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 39 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische iT Pränumerstions-Preis Kür AereinsmItgNedrr: Ganzjährig ... fl. 5 — Halbjährig - - - st- 2.SV Vierteljährig . - fl. l-LL Monatlich - - - fl- —5*״ Kür Zttchlmitgtteder: Ganzjährrg ... st. 6— Halbjährig - . . fl- 3.— Viertel!ährig - - fl. 1-50 Monatlich ... fl. —•50 Kür das Ausland: Ganzjährig . . . fl. 7.— 18׳ Mark oder.6 Rubel. O!• «: M II die Gesummt-Inierkssra indischer Gautüreu. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor AcrAob HAcruev. r |RetlHciton Administration wie». II., Novaragnffe 27. ׳: Inserate werde» billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Nr. 39 Wien. 17. November 1885. 5. Jahrgang. Gesangs-Miefe Dass es möglich sei, die Bildung der Stimmen allgemein auszubreiten, davon glaube ich mich überzeugt. Es ist wahrlich nur eine Vernachlässigung der schönsten Gabe, wenn man so oft sagen hört: ich habe keine Stimme. Hat nicht die gütige Natur jedem Wesen eine Stimme zum Reden geschenkt? Singt nicht! jedes freie Kind auf der Straße, wenn es frohen Mutbes ist? Und wo wäre denn der bestimmte Zeitraum, wo, nach den Gesetzen dieser gütigen Natur, so viele Menschen ihre Stimmen einbüßen müssten, um sie nie wieder zu erhalten, wie man, nach dem seltenen Gebrauch der Stimme beim Gesang zu urtheilen׳ verleitet werden könnte? Wenn man ein Kind seit seinen ersten Jahren ganz von dem Gebrauch seiner Füße abhalten wollte, so würde eS vermuthlich einst eben so richtig sagen, ich habe keine Füße! wie dies manche Modedame, deren Füße durch die Füße ihrer Pferde erfetzet werden, stillschweigend einzuzestehen scheint, und die Türken eS auf ihren Polstern beweisen, wenn sie den ohne besonders! Zweck herumwandelnden Europäer für krank oder thöricht ansehen- Warum sollte ein gutes, reines Organ nicht sowohl in Deutschland jedes Menschen angeborne Mitgift sein, wie dies der Fall bei den Italienern ist? Freihlich genießt diese Nation einige Vortheile, deren wir uns noch nicht erfreuen. Andere, deren wir uns wohl nie erfreuen werden, »wie die Sprache der Italiener, welche schon ganz natürlich zum guten Gesang einladet. Ihre vieliältigen Vokale bilden einen Wohllaut, den wir, bei unparteiischer Prüfung, umsonst in der deutschen Sprache suchen, die wohl kräftig, aber auch weit rauher und herber durch sich selbst ist, es auch noch weit mehr zu sein scheint, weil sie noch nicht so sehr durcharbeitet ist, dass man aus ihrem großen Reich׳ thumc die Wohllaute leicht von den Uebellauten abzusondern *) Aus dem gediegenen, jedoch weniger bekannter Werke Jö riefe über den G e s ang" von Nina d'A u big ny von Engelbrunner einer bereits verstorbenen hervorragenden Sängerin und Musikschriftstellerin, veröffentlichen wir mit Obensteheudem auszugsweise einige höchst intereffante und lehrreiche Capitel, deren Lectüre unseren Lesern gewiss recht willkommen sein wird. wüßte. Die deutsche Sprache könnte wenigstens keine nachtheilige Wirkung auf die Bildung der Kehlen zum guten Gesang haben, wenn die Dichter es sich angelegen sein ließen, die Sprache in Rücksicht auf den Gesang zu bearbeiten, und den Tonsetzern Texte zu.liefern, in denen jene unharmonische Härten von Silben und Buchstabe» sorfältig -vermieden würden, welche jetzt so oft ן das zarte Ohr eines au den Wohllaut der italienischen Sprache gewöhnten Zuhörers peinigen. Dieses Unternehmen würde bei dem anerkannten Reichthume der deutschen Sprache, wo man nicht selten für die nämliche Bedeutung zwei und mehrere Be« Nennungen ftndet, von denen die eine weit wohlklingender als die andere ist, gewiss keine der undankbaren sein. Nur ein nachdenkender Sänger kann bestimmen, wie weit schwerer er gute Töne auf die Wörter: Eifersucht, Nebenbuhler, Suchen, Rufen, Machen, Mädchen, Geschwister rc.» als auf gelosia, rivale, cercare, chiamare, faxe, figlia, fratelli rc., zu singen im Stande ist, und wie sehr die Kehle bei den Wendungen und Quetschungen der ch-8 und 8ch-s ermüdet. Es kommt aber nur! daraus an, diese Hinderuiße auszuspüren, um ihnen auS dem Wege zu gehen; und wenn uns, bei der Umgehung dieser natürlichen Nachtheile unserer Sprache, für den schönen Gesang noch viel zu thun übrig bleibt, so muss es uns doch freuen, dass dieses Feld seine Bebauer reichlich zu lohnen verspricht, und dass, wenn unsere Muttersprache nicht die allererste der Welt ist, um den guten Gesang zu befördern, sie doch gar manche ausgezeichnete V^rtheile vor der französischen, englischen und holländischen Sprache hat, die besonders bei einer fleißigen Bearbeitung erst hervortreten dürsten. Die Sprachen der verschiedenen Nationen haben allerdings einen merklichen Einfluss auf ihre Anlagen zum natürlich schönen Gesang durch die frühe Bildung der Kehle; allein dieser ist eS nicht allein, der bei uns ein schönes Organ zur seltenen Erschei« nung in den höhern, Mittlern und niedern Ständ n macht. Außer dem Vortherl der Sprache, der dem Italiener zn Theil ward, sind es noch andere Momente, die ihn in der Vokalmusik zum Tonherrn der Welt gemacht. Wenn der römisch-katholische Gottesdienst, und seine Häupter insbesondere, manche Sünden gegen den heiligen Geist deS Men-