Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 38 (9.11.1885)
- Date
- 1885-11-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Flaccum II, 523 Mang.) stachelte zuerst feindliche Schriftsteller dann die Volkßmasse gegen die Inden auf, die Nachgiebigkeit des Flaccus, veranlasst durch die Furcht vor Caligula, ermunterte dieselbe zum Aufruhr. Flaccus tritt daun activ in die Bewegung ein, entzieht den Juden das seit Plolomaeus I. unangefochtene Bürgerrecht (ibiä 525), lässt Kaiserbilder in ihren Synagogen aufstellen, gibt ihre Häuser der Plünderung preis und wirst ihre Häupter in den Kerker, ja er lässt sie sogar öffentlich geißeln (ibiä. 528 bis 534, Eutropius VI). Doch seine Liebedieneret schlitzt ihn vor Caligula nicht. Er wird abgesetzt und getödtet (ibiä.). Der Streit um das Bürgerrecht wird vor Caius gebracht. An der Spitze der jüdischen Gesandtschaft steht Philou, an der Spitze der heidnischen Apion (Joseph. Ant. XVIII, 8, 1). Die jüdischen Abgesandten bemerkten sogleich bei ihrem Erscheinen ans den Mienen und dem Betragen des Caius, dass sie nicht zu einem Richter, sondern zu einem Ankläger gekommen seien (Philo, leg. ad Cajum 597 Mang). Alles, was vorging, Waren Handlungen eines erbitterten Tyrannen (ibiä.). Er er' widerte ihren ehrfurchtsvollen Gruß so gnädig und Menschenfreundlich, dass sie in Ansehung der Sache alle Hoffnung ansgaben und für ihr Leben fürchteten (ibiä.). Gegen den nie aus- . gesprochenen Namen der Gottheit, offenbar Jehova, stieß er unsagbare Lästerungen aus (ibiä. I.). Er fübrte sie von einem Landgute zum anderen, sich nur gewisse Momente um sie bekümmernd, sie als unfreiwillige Schauspieler dem lauten Spotte ihrer Gegner, der auch von seinem Schrecken nicht gezügelt wurde, preißgebend (ibiä. ff.). Die an die Abgesandten gerichteten Fragen waren voll bitteren Hohnes und sollten sie in den Augen der Anwesenden herabsetzen (ibiä.). Der Alabarch Alexander, das Oberhaupt der Juden in Egypten, wurde in Folge dieser Audienz eingekerkert. Mehr aber als alle bisher berichteten Acte der persönlichen Tyrannei beweist das zeitgenössische Schriftlhum, in welchem Verhältniße die heidnische Welt der damaligen Zeit zu den Juden gestanden. Die religiösen Gebräuche der Juden, welche die Heiden nicht verstanden, g .ben ihnen Anlass zum Spotte und zur ,Weine nicht, warum denn weinen am Jomtos? O/ murmermelte er — ,ein Meschumed, — o Gott, was habe ich verbrochen, dass du mich so hart gestraft, dass mein graues Haupt mit Schande in die Grube fahren wird — Lealeben, weine nichtUnd der gebeugte alte Mann sank geknickt und gebrochen auf die Bank und sich das spärliche weiße Haupthaar zerraufend, an seine Brust schlagend, rief er: ,O Gott, was babe ich gelhan, dass du mich so hart gezüchtigt! Habe ich je mit Wiffen und Willen eine Sünde begangen, nur eines deiner Gebote übertreten, habe ich nicht alle Fasttage gehalten, den Armen Maisir gegeben — habe ich-o Schande und Schmach über mich! ehe hätte er sollen* *-- ,Schilt nicht,' rief Lea, ,schilt nicht, er ist genug geschölten./ ,Nein, mein Lealeben, ich werde nicht schelten, aber, o Schande — Schande über diese in Ebren grau gewordenen Haare! ein Porsche Jisroel, ein Meschumed, mein Fleisch und Blut — mein, mein — Weine nicht Lea, heute ist Jomtof — es bricht mir das Herz — und der alte Mann neigte sein Haupt auf den mit schneeigen Lacken bedeckten Tisch -- und von drüben blickte das liebliche.Jünglingsantlitz zu den Eltern hernieder. (Fortsetzung folgt.) . _ ■'* Schmähung, so die Circumcision, die Enthaltung von mancherlei Speisen, ihre Absonderung durch Ausschluss von Mischehen, der Sabbatb und die Feste. (Tacitus Instor. V, 4, 5; Joseph, contra Apiona II 13; entgegengesetzte Auffassung bet Diö Cass. XXXVII, 17). Ihrem Ingrimm und ihrer Abueiguug haben viele alexaudriniiche Schriftsteller Ausdruck gegeben, wie Mauetho (Egyptische Geschichte), Chaeremon. Lysimachus und Apion (Joseph, c. Apiona I, 26 bis 34, II, 2 ff.), ohne über die Wahrheit ihrer Beschuldigungen hinlängliche Beweise vorzubringen. Diese unerwiesenen Beschuldigungen sind dann von den römischen Geschichtsschreibern, selbst von Tacitus (a. a. O.), ohne Kritik aufgenominen worden. Aber auch die Juden unterließen es keineswegs, ihre Absonderung zu rechtfertigen, auf die herrschende Sitteulosigkeit wie auf den Wahn des Vielgötterthums und der Menschenvergötterung hinweisend, hingegen die rubmllchen Eigenschaften ihres Volkes und die Vorzüge ihrer Neligiort und Sitte in das rechte Licht zu stellen. Namentlich war es das III. Buch der sogenannten Sibyllinen, dessen jüdischeu*) Ursprung Badt (in seiner Hiss, de oraculis sibyllinis a Iudaeis compositis, Vratisl. 1869) und vor ihm Friedlieb (in seinem Oraenla sibyllina etc., Lips. 1852) zur Genüge nachgewiesen haben, welches die hellenischen Laster und Ansschweisungen in directer Ansprache an Hellas geißelte und ihnen das Bild des sittsamen und humanen Lebens des eigenen Volkes entgegenhielt. Sie tadeln, dass den Tobten vergebliche Opfer gebracht werden (mit deutlicher Anspielung auf die unter die Götter versetzten Kaiser). An Deutlichkeit in dieser Richtung unübertroffen bleibt jedenfalls daS unter die apokryphischen Bücher gezählte Buch der Weisheit Salomouis, in welchem die Entstehung dieser Kaiserverebrung als ein Ergebnis feiger Furcht oder Schmeichelei vor den Machthabern angesehen und mit allen Vernunftgrüuden dargethan wird, dass ein König, der ja von. anderen Menschen nach seiner Natur und seinem Wesen nicht verschieden fei, nicht auf göttliche Verehrung Allspruch haben könne (II, 1—12; VII, 1—6). Zahlreiche andere Schriften dienen dem gleichen polemischen Zwecke oder der Abwehr gegen Verunglimpfttttg, endlich der Erhöhung des Ansehens der jüdischeu Religion; so die Darstellung der Entstehung der griechischeu Uebersetzung der LXX in dem (erwiesenermaßen unechten) Briefe des Aristeas. Diese ausgedehnte littcrarische Bewegung/ die in die Zeit des Caligula fallt, ist ein schwer zu erschütternder Beweis, dass die Bestrebungen dieses Kaisers auf einen grundsätzlicheu Kampf gegen das monotheistische Priucip gerichtet waren. Mehr aber noch als die Juden scheinen die damals entstaudenen christlichen Gemeinden, welche in sehr kurzem Zeiträume den Heiden viel Terrain abgewonnen batten, zu diesem Kampfe den Anlass gegeben zu haben. Die rasche Ausbreitung der christlichen Lehre, die im Anfänge weder den Juden noch den Heiden als wesentlich verschieden von der jüdischen erkennbar war, zumal die Anhänger derselben es damals nicht verschmähten, Juden genannt zu werden*), musste den Anhängern der alten griechischen *) Von einem Unterschiede in den Anschauungen jüdischer und christlicher Sibyllinen kann in jener Zeit noch keine Rede sein. *) Suetonius (Tiberms 36) nennnt außer den Juden noch VSI similia sectantes-, ob er aber damit fälschlich die Christen gemeint habe, ist sehr fraglich, jedenfalls spricht er aus der Anschauung einer späteren Zeit. Wie wenig Unterscheidendes das Christenthum in feinen Anfängen hatte, geht daraus hervor, dass die jüdischen Geseylehrer mit den Anhängern des Christenthums über das Gesetz freundlich disputirten. Eine solche Disputation wird im Talmud babyl. (Labbat 11.6a f.) berichtet, woselbst auch der Ausspruch des Evangeliums dlattbas! (V, 17) citirr wird: Ich bin nicht gekommen das Gesetz aufzulosen, sondern zu erfüllen.