Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 38 (9.11.1885)
- Date
- 1885-11-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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geführte Nachahmung des Motivs die Stelle in wirklich mufter* haft-fachmännischer Weife behandelt und die Beantwortung bei den Worten welohemi waschomajim durch die aufjubelnde, unvorbereitet anftretende 0 und O-dur-Harmonie farbenprächtig bewerkstelligt wird. Ein nicht zu verkennender Ton des Mitleids zieht bei den Worten azabebem kesef wesohow durch die sowohl in der Stimmführung wie in der Modulation trefflich dargestellte Es-dur-Harmonie, während die charakteristischen, abgerissen׳ kurzen Musikpbrascu bei den darauffolgenden Auszählungen pe loliem welo jedaberu, enajim loliem welo jiru; osnajim loliem welo jischmou etc.; wie von Meisterhand mit ehernem Griffel in Stein gegraben erscheinen, so Plastisch heben sich die cinzelneu Schilderungen von einander und alle insgesammt von ihrem Hintcraruude ab. Noch einmal, 11. zw. bei der Stelle jisroel b e’tach badouoj, kehrt die vorerwähnte O-dur-Harmonie wieder, jetzt jcdocb, um mit Hellen, weitschallenden Tönen die Vertrauensfeligkcit Israels zu verkünden, während die bei den Weintraubschen Compositionen unvermeidliche Fuge, deren Motiv hier vom Bass und Alt beim 1. und 3. Einsätze auf der 5. Stufe eingeleitet und in allerdings absonderlicher Weise vom Tenor und Sopran beim zweiten und vierten Einsätze mit der S e c u n d e beantwortet wird, die Nummer dennoch in wirkungsvoller Weise abfcblicßt. Gleich Günstiges muss auch von den drei folgenden Nummern ד* זכרנו in Es Nr. 119, מה אשיב in D־dur Nr. 120 und הללויה *Seite 163 berichtet werden; überall ist die volle Hingabe an den zu behandelnden Stoff und die sorgfältigste, eingehendste Bearbeitung desselben zu bemerken, und mit wahrer Befriedigung können wir es constatiren, dass an vielen Stellen dieser Cdornummern, namentlich des מה אשיב, zweckentsprechende Anklänge an die polnische Gesangsweise recht interessante Wirkungen erzielen und den Gesängen ein ausschließlich synagogales Gepräge verleihen. Wir müssen es uns versagen, alle Chorcompositionen des vorliegenden Buches einer eingehenden Besprechung zu un- Lerziehen, indem einerseits die allzuzroße Arbeit mit dem etwa zu erzielenden Nutzen nicht auf gleicher Stufe stünde, und wir andererseits nickt in der Lage wären, etwas Neues vorzüfübren, sondern stets dieselben Anschauungen kundgeben müssten. Denn alle Chorcompositionen Weintraubs tragen dieselbe Signatur in mehr oder weniger günstigem Sinne an sich. Der Autor erscheint als tüchtiger Musiker, der sein Wißen und Kennen selbst bei der unscheinbarsten Veranlassung in verschwenderischer Weise verwertbet. Die Weintraub'schen Compositionen sind übersättigt von Fugen und Fugbetten, Imitationen und kübnen, blen׳ denden Modulationen, und selbst bei Compositionen rein synagogalen Charakters und ausschließlich synagogaler Verwerthung, wie z. B. bei ויאתיו Nr. 161, kann der Componist es sich nicht versagen, seine contrapunktische Küustlerschaft zu zeizeu; auch gegen den reinen Satz ist nichts einzuwenden, derselbe erscheint tadellos und zeigt von tiefen, ernsten Studien, und die Declarnation des hebräischen Wortes ist eine streng sprackrichtige, kurz Alles erscheint in möglichst vollendeter Form vor uns. Und dennoch — wir müssen es leider aussprechen — fehlt diesen Kunstschöpsungen der belebende Hauch der Wärme, die Gefühlsinnigkeit, die einem Tongemälde, dessen alleinige Wirkung dem Gesüblsleben 'gilt, iunewohneu muss. Es scheint ein ungelöstes Näthsel zu bleiben, wie cs kam, dass es Weintraub, dem Sohne eines weltberühmten Chasan, dem hervorragenden Cantor, dem tüchtigen Musiker, dem gediegenen Hebraisten und dem auch sonst intelligenten und strebsamen Manne nicht gelang, seinen überaus schönen Tongebilden auch jenes geheimnisvolle Etwas einzuflößen, welches das Mcnschenherz ergreift und höher schlagen macht. Wir wollen es versuchen, nach den aus dem musikalischen Nachlasse Weintraub's, wie auch aus den nach dem Studium der Weintraub'schen Individualität gewonnenen Eindrücken dieses Näthsel zu lösen und rechnen auf die Zustimmung wenigstens derjenigen Kräfte, die Gelegenheit hatten, die Weintraubschen Kunstbestrebungen zu belauschen und zu erfassen. Bevor wir jedoch an die eingehende Klärleguug des Weintraub'schen Künstlerwesens schreiten, müssen wir daraus hinweilen, dass wir es hier nicht mit einem nach einer Richtung abgeschlossenen und wirkenden Künstler, sondern mit einer Kunstbestrebung von doppeltem und geradezu entgegengesetztem Charakter zu thun haben, u. z. Weintraub als schaffender (Componist) und ausübender (Sänger) Künstler. Jeder dieser Kunstrichtungen wird aber wieder in zweifacher Weise gehuldigt, je nachdem die empfangenen Eindrücke oder die Individualität des Künstlers ihn auf diese oder jene Bahn drängen. Diele beiden Kunstrichtungen dürften am nachdrücklichsten durch den Vergleich mit den beiden Himmelslichtern, Sonne und Mond, veranschaulicht werden. Beide sind lichtspendende Sterne, dennoch ist es die Aufgabe der Sonne, durch Kraft des Glanzes sowohl wie der Wärme den lauten Tag zu erhellen und zu erwärmen, während der Mond nur durch milden Schimmer und zarten Glan; die flüstere Nacht zu erleuchten braucht; und dennoch liegt es beiden ob, durch Strahlen zu wirken. Sowohl der Componist wie der ausübende Küustler (Länger, Jnstrumentalift 2c.) kann entweder durch außergewöhnliche Kraftmittel, durch ernsthafte, feierliche Cbarakterisirung (seriös) — oder durch liebliche, zarte, empflndungsreiche Wirkung (lyrisch) Bedeutendes schaffen, wenn er sich seiner Richtung bewusst und in seiner Bestrebung auf derselben durch äußerliche Einflüße nicht beirrt wird. Der schaffende Künstler braucht, wie bereits erwähnt, nur seine Eigenart vollkommen zu erfassen, um sich der Kunst dienstbar zu machen. Ganz anders jedoch ist eS beim ausübenden Künstler, und nament-!ich beim Sänger. Neigt sich seine persönliche Begabung (starke׳ Stimme, große Figur rc.) zu Seriösem, so wird es ihm nur bei außergewöhnlich Hoher Künstlerschaft gelingen, aus lyrischem Gebiete etwas Erkleckliches zu leisten, und hat ibn die Natur mit einer zarten, edlen und schwachen. Stimme beschenkt, wie dürfte er cs wagen, jemals im Leben ein seriöses Gebilde vorzuführen ohne mit seiner Bestrebung Schiffbruch zu erleiden. Das mag die Lösung des oben angeführten Näthsels sein. Weintraub's Kunstrichtung neigte entschieden zum Seriösen; er hatte es iheils von seinem großen Vater ererbt, theils durch ernste Musikstudien errungen, allein seine von Natur aus zarte und schwächliche Stimme gestattete ihm keine Kraftleistung, und so oft er den Gedankeuflug mit mächtigen Adlersflttigen unter« nahm, musste er es erfahren, dass er nur den schwachen Flügelschlag einer Taube besitze, der ihm ein Emporschwingen zu bedeutender Höhe nicht gestattet. Das ist der Grund für den in den Weintraub'schen Composiiioneu sich maüifestirenden Zwiespalt, und aus diesem ewigen Kampfe zwischen uneingeschränktem Wollen und schwachem Können ging jenes Zwitterding von Composition hervor, welches bei der größten Anerkennung der Tüchtigkeit, der Emsigkeit, ja sogar der Gelehrsamleit nicht erwärmt, sondern wie ein von Meisterband in Stein gemeißeltes Frauenbild bei der Betrachtung der Formen und Linien unsere Bewunderung erregt, bei der Berührung jedoch sich eisig kalt ansühlt und uns in's Bewußtsein zurückruft, dass das Kunstwerk, welches soeben unser Auge entzückte, die Kraft nicht besitzt, auch unser Herz zu erwärmen. (Fortsetzung folgt.)