Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 35 (16.10.1885)
- Date
- 1885-10-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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־5 — standen haben. So lautet das Sprichwort: ,וישמע את קול 4אלהים מתהלך בגן לרוח היום .Sie hörten die Stimme Gottes wandelnd im Garten, als der Wind am Tage herrschte4 (1. M. 3, 8.). daraus erkannten sie setzt die Gottesstimme; auch das Rauschen des Stromes im Paradiese machte sie darauf aufmerksam. Merket liebe Kinder, aus diese Gottesstimme in der Natur, und ihr werdet ihn hören, anbeten und lieben. Und nock eine dritte Stimme, worauf die Schrift aufmerksam macht, cs ist III. Die S t i m m e der zeugenden T h a t. Gefühle und Gesinnungen kann man verbergen, gesprochene Worte verdrehen und ableugnen; die That aber, die man ausgeübt, stellt sich sicher und bestimmt dar, ist kenntlich und genau gezeichnet. Und selbst ein ungebildeter Verstand weiß cs, ob sie in das Gebiet der Tugend oder des Lasters gehört. Die That ist also eine zeugende Stimme, die laut spricht fü r oder g egen einen Menschen. Als Kajin seinen Bruder Abel getödtet, da versuchte er es zu leugnen. Als Gott ihn fragte: ,Wo ist dein Bruder Abel?' antwortete er dreist: ,Ich weiß es nicht, ,השמד אחי אנכיי', bin ich denn der Hörer meines^Brnders?* Aber Gott antwortete ihm: ,קול דמי אחיך :צעקים אלי מן האדמה*, ,Die Stimme des Blutes deines Bruders ichreit zu mir von der Erde' (1. M. 4, 10.) Das ist d i e zeugende That. die sich nicht wegleugnen lässt. Wäre Abel eines natürlichen Todes gestorben, woher käme das vergossene Blut, das ist eine Thatsache, die sich nickt widersprechen läist. Das Blm schreit zu mir mir lauter Stimme, sprach Gott, und so ist cs mir jeder bösen That. Das sind die drei Slimm.'N, die Beachtung und Bcberzignng verdienen, die Stimme des Gewissens, die Stimme Gottes in der Natur, und die Stimme der zeugenden That. Ich schließe mit den Worten des Propheten in der heutigen Haphtorah: ,Ich, der Ewige, berief dich Israel, zum Heile, setze dich ein zum Zeugen des Bundes für alle Völker, um zu öffnen die Augen der Blinden, und die Ohren der Tauben* (Jes. 42). W . . . r. Das gelobte Mud. Nachfolgend veröffentlichen wir Skizzen über die wichtigsten Orte Syriens und Paläftina'S, die wir aus Nummer 35 des ,Ausland4 entnehmen. S i d on, welches auf der Landseite mit einer Mauer umschlossen ist, liegt auf einem Hügelvorsprung, das Castell der Stadt wenn auch zerfallen, stolz ins Meer hinaus. Unter der Masse ihrer unansehnlichen Häuser finden sich auch einige von stattlichem Ansehen. Eines dieser befferen Häuser ist der Wohnsitz eines amerikanischen Missionärs, ein anderes das des amerikanischen Consularagenteu. Die Hanptzierde der Stadt sind die sie umgebenden Baumgärten, in welchen, wie in Jaffa, die Orangenbäume vorherrschen. Sie sind vermöge der Wasserleitungen von den Bergbächen her reichlich mit Wasser versorgt. Wegen dieser Wasserfülle ist überall, wohin das Auge sieht frisches Grün; die schönsten Arazisn und Tamarisken reichen bis an den Fuß des Gebirges. Die Bevölkerung der Stadt, aus Moslimeu, Juden, unirten und nicht unirten Griechen, sowie aus Maroniten bestehend, ist seit etlichen Jahren in stetigem Wachsthum begriffen, sie überschreitet bereits die Zahl 12.000. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner ist, wie zu den alten Zeiten, der Handel. Die ersten Handelsleute der Stadt sind jetzt Grieche», unter welchen der Name Catafago obenan steht. Sidon nimmt übrigens gegenüber von Beirut, das sich zum Seehafen von Damascns emporgeschwungen hat, nur eine untergeordnete Stellung ein. Seine Hanptausfnhr ist durch einen äußerst gelungenen ,^V68ebvmru* oder einen brillauten ,Kidusch* auf's Höchste entzückte oder in anderer Sphäre seines vielgestal igen Proteusbernfes einem zum Tode gebrachten, gehörnten Vierfüßler das Urtheil sprach, oder an den Nüsttagen des Purim- und Neujahrsfestes beim ,Regel* bedächtig, die Häupter seiner lieben Balbatim zählte, und ganz glücklich war, wenn — kein tbeurcs Hanpt feblte. — Und diese eigenthümliche, in keinem Ghetto fehlende Sorte der ,Dorfgeber'.! Noch sehe ich ihn im Geiste, den gutmüthigen, anspruchslosen Vetter ,Michol'. wenn er am AuSgange des Sabbates, nach dem Verlöschen der Habdalab sich zn seinem mühevollen, entbehrungsreichen Wochengewerbe auschickre, daun Sonntag den wobl anderthalb Centner schweren Sack auf den Rücken nahm, die Thürpsoste küsste und die gute Muhme Breindl, die mau ihres stattlichen Embonpoinfcs und ihres Gewerbet׳ wegen, schlechthin die ,dicke Bäckin4 nannte, ihn eine kurze Strecke unter Gebetmur mel. und obligatem ,Jevvoreehecho* begleitete und es auch an dem stereotypen Wunsche ,kauf eine Mezieb', nicht mangeln ließ. Q, welch' eine mühevolle, entsagungsreiche Woche lag da vor dem armen Dorfgeher! Seine Nahrung im Dorfe bestand gewöhnlich in mitgenommenem Brote, Eiern und einem Glase Dünnbier und hatte er es, wie es beim Vetter Michol der Fall war, in der gastronomischen Kunst wen gebracht und war er ein besonderer Gonrmand, so hielt er nach vollbrachtem Tagewerke einen Schmaus von einer in Milch gekochten, in einem mit jüd. Zeichen versehenem Topfe zubereiteten Speise, und so ging es Jahr aus, Jahr ein — aber wenn die Woche zur Neige ging und. der Vetter von seinem Dorfgange heimkehrte, welche Freude gab es da, und welchen Jubel unter uns Kindern, wie sprangen wir voll Neugierde um ihn her, um zu sehen, was er aus dem Dorfe mitbringe, gerade als käme er direkt von der Leipziger Messe. Und merkwürdig — gewöhnlick, besonders zur Winterszeit, war der heimgebrachte Pack fast eben so schwer, als der, den er am Sonntag ans den gekrümmten Rücken fortgetragen batte! Wie ging dies nun zu? Dock, das Näthsel wurde bald gelöst. Da gab eS eine Menge Sacken, die nun ansgekraml wurden: Einige Dutzend Hasenbälge, ein Marder, ein Iltis, etwas Messing und Kupfer und, wenn es gut ging, auck eine goldene Haube, die etwa ein halbes Säknlnm früher das bräutliche Haupt irgend einer schmucken Bäuerin geziert haben mochte, kurz, es war eine Jahrmarktsbude en miniature. Aber auch au das Hans vergaß der gute Vetter nickt. Zur Sommerszeit brachte er auck aus der ,Rande* koschere Butter und Topfen mit. So gab es bei. seiner Heimkunft ein wahres Gaudium. Dock der eigentliche Tan; ging in der Negel am Freitag Früh los, denn da kamen die Händler, um die im Dorfe erbündelte Ware zu kaufen. Da gab es ein Handeln und Feilschen, ein Mäckeln, da» wir Kleinen gar nicht begreifen konnten. Oftmals gingen die Käufer anscheinend weg, kamen jedoch nach einigen Augenblicken schon zurück, belbeuerten bei ihrer ,Seelen Seligkeit* jso ׳ viel und nicht mehr geben zu können, da dies schon der höchste Preis sei, gaben dann immer etwas darauf, bis sich endlich der hartnäckige Vetter entschloß, die .,S'chore* los zu schlagen, wobei auch die Muhme Breindl ihr ausschlaggebsn- Votum einzulegeu pflegte (Fortsetzung folgt.)