Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 35 (16.10.1885)
- Date
- 1885-10-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— -L Lheistischen Gottesidee unterlag. . ' ES wird nun im Folgenden an die Darstellung dieses Verhältnißes gegangen werden, wobei dem Verfasser im Hinblick aus die Beschränktheit des Raumes versagt ist, aus eine ansführkichere Erörterung der vorzubringenden Daten einzugehen. Die drei Stimmen. Jv Die Stimme des. Gewissen s. Die ersten Menschen sind zu einem Kinde zu vergleichen, bei dem noch kein rechtes Bewußtsein vorhanden ist. Ein solches Kind genießt in seiner Art die Freuden des Lebens, obne zu bedenken oder zu wissen, dass die Eltern seine eigentlichen Wohlthäter sind; eben so wenig weiß es zu unterscheiden zwischen Recht und Unrecht, cs ist eine unbewußte Unschuld." Bis nach Zähren Las Bewußtsein erst erwacht, da kommt auch das Gewissen, diese innere Stimme im Menschen zur Geltung. Wird sich das Kind dann eines Fehlers, eines Vergehens bewusst, so ist der innere Frieden getrübt, die heitere Rübe gewichen; es wird von Scham erfüllt, und das Alles verursachte das wabre Gewissen, der strenge, unbestechliche Richter im Menschen. Eine innere S t imm e, die nickt gehört wird und dock, wie der Schall eines Donners erschüttert. So erging es Ad >n!, dem ersten Menschen, der Anfangs sammt seiner Eva in unbewußter Unschuld lebte, sich im Paradiese des Lebens so reckt kindlich freute, bis sie beide von der verbotenen Frucht, vom Baume der Erkenntnis' des Guten und des Böl'en gegessen. Jetzt erst erwachte in ihnen das Bewußtsein, und damit das Gewissen, } sie schämten sich, vor wem? vor - sich selbst, eine innere Unruhe bemächtigte sich ihrer, die frühere Heiterkeit war geschwunden.! sie fühlten sich schuldig. Vor wem? Vor sich selbst. Wer bat sie angeklagt? Ihr Gewissen, eine innere Stimme rief ihnen laut zu, dass sie gefehlt, ein Unrecht begangen haben. Merke, liebe Schuljugend, auf diese Gewissensstimme, und ihr werdet auch im Gebekmen kein Unrecht begehet!. Mit dem Erwachen des Bewußtseins erkannten aber die ersten Menschen zugleich, dass ein höheres unsichtbares Wesen ist, Gott der Schöpfer, dem sie aÜ' das Gute zu verdanken haben, und dessen Gebot sie übertreten. Sie erwachten aus ihrem früheren unbewußten Zustände und hörtendessen Stimme, das ist H. D i e G o t t e s st i m m e, Sehen kann man Gott nicht כי לא יראני האדם ח־ןי mich kann kein Mensch sehen, so lang er am Leben ist",!heilte Gott schon dem Moses' mit (2. Pi. 33, 20.); aber der vernünftige, mit Bewußtsein begabte Mer! 0, kann ibn hören, so er nur ans seine Stimme merkt. Der Psalmdichtcr hat über die Gottesstimme einen herrlichen Gesang uns hinterlassen (Pf. 29); ,Bringet dem Ewigen ihr Söhne der Großen, bringet dem Ewigen Ehre und Triilmpfh.* קול יי על חכים Die Stimme Gottes rauscht in den Gewässern, die Stimme Gottes ist gewaltig, majestätisch. Die Stimme Gottes gibt sich im Rollen des Donners, im׳Toben des Windes kund, sie erschüttert Wüsten, entblättert Wälder.' So gibt sich die Stimme Gottes dem, ausmerkiamen Beobachter in der ganzen Natur kund. Nur solchen, von denen der Profet sagt: ,Sie baden Augen und leben iticiy sie baden Obren und bören nicht', merken ans solche Stimmen nicht. So erging es auch den ersten Menschen, bevor sie zur Erkenntnis gelangten. Als sie aber vom Baume der Erkennlnis die Frucht genossen hatten, da gingen ihnen-nickt nur die Augen auf, sondern auch die Obren wurden ihnen geöffnet. Auf einmal hörten sie die Gottcsstrmme im Garten, die sie bisber nicht beachtet, nicht ver- Type» aus dem Mischen Ghettvlelieu! Bo« Simon Diiimant, Obcilihrcr, Amterlitz.! (Alle Rechte Vorbehalten.) I. Wer kennt nicht jene engen, krummen, winkeligen Gassen des früberen Zudenghettos mit ihren eng aneinander gereihten, raumbcschränkten Häusern und dnmpsigen Wohnungen, in welchen eine überfüllte, znsammengedränzte Bevölkerung ibrcm geschäftigen, bieneuanigen Treiben nachging und abgeschlossen von der übrigen Außenwelt und ihrem Verkehre aus sich selbst angewiesen war! Wobl siehst Du, srenndlichcr Leser und noch freundlichere Leserin, heute noch in unseren alten Gemeinden diese verschlungenen Gassen und Gässchen mit ihren giebeligen Häusern, aber Du gewahrst nicht mehr den eigemhümkich specifisch jüdischen Geist, der da drinnen waltete und demselben ein gar eigen׳- thümliches Gepräge verlieh. O. könnten sie sprechen, diese stmnmen, steinernen Zeugen einer längst entschwundenen, mehrhnndertjäbrigen Vergangenheit, sie würden Dir erzählen von unsägtichem Zammer und qualvollem Herzeleid,, von Versolgnngswahn, Noth und Drang, von nnaussprechlichem, nnsägbaren Unglücke, von thränenreicheu Stunden, in welchen unsere Altvorderen, beiligen Angedenkens, ihr bebauet nswertbcs Schicksal mit -still ergebener Resignation, mit standhafter Geduld und gläubigem, gotterfülltem Gemülhe trugen! O, könnten sie sprechen, diese stummen, steinernen Zeugen einer starren, unduldsamen Zeit, in welcher so oft der Schreckensruf einer fanatischen, glaubenswüthigen Menge in diese Stätte stillen Friedens ertönte und die armen Bewohner um ihres Glaubens willen in den Tod jagten und selbst die heiligsten Orte, die Wohnungen des Herrn, Die; ,guten Orte', wo die theuern Tobten schlummern, den ewigen Schlaf schlafen, vom enlflammten Fanatismus nickt verschont blieben. Aber sie könnten auch erzählen von stillem, häuslichem Glücke, von süßer Eintracht und Einigkeit, von einem selten innigen Zniammenlcben, um welches Israel von allen Völkern der Erde beneidet wurde. Za, wie der Vogel von dem herannah.-nden Sturme das bergende und schützende Nest anssncht; wie das zu Tode gehetzte Wild dem ibn verfolgenden Zäger zu״entrinnen sucht, um sich in das schützende Dickicht zu bergen: >o suchten und sandten unsere Väter Schutz und Ersatz in ihren tränten Familienhänfern, umweht und umfächelt vom süßen Hauche des Friedens, wie konnte cs auch anders sein? Draußen: Verfolgung, Gott, Hohn, Verachtung— drinnen: Eintracht, Friede, Freude und wenn -man es so nennen darf, auch Glück; draußen, um mit dem Dichter zu sprechen: »ein Hund mit hündischen Gedank n — und drinnen im häusli.yen Kreise, »ein Mensch mit menschlichen Gedanken'. Und welche eigenthümliche, markante Typen hatten diese einer längst entschwundenen Zeit angehöcenden Ghetto's anfzuweisen! Vom stolzen setbstbervuislen .kosest stsLostol', der gravitätisch durch die Gassen schreitend, sich in's Gemeindehaus, begibt, um über das Wohl und Wehe so manchen Gemeindemitgliedes, das sich gegen seine Herrlichkeit vergangen, zu entscheiden — bis zum Scknlklopfer herab, der mit den! Hammer in der Hand die Gläubigen ״in Schul" ruft; vom ehrwürdigen, weißbärtigen, talmudgelebrteu Rabbi, bis zum behäbigen ,Schames', der, etweder in der Synagoge am Betpulte, die Daumen an die beiden Backen legend, seine andächtig lauschenden Zuhörer