Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 35 (16.10.1885)
- Date
- 1885-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Stufe, die von der Gesammtcultur in einer gewissen Zeit erklommen wird, die Voraussetzung zu einer weiteren Entwickelung bildet. Zn diesem Lickte muß׳ auch die antike Welr der Griechen und Römer, ihr Verfall- und Untergang und der Sieg einer neuen,, heilsameren Weilordnnng angeseben werden. Denn wie bewunderungswürdig auch immer die Leistungen der Hellenen aus den weitverzweigten. Gebieten der Kunst und dcr Wissenschaft erscheinen, so lässt sich doch keineswegs verkennen, dass deren ganzes Ziel nur aus die Pflege des Schönen gerichtet war, und. dass bei ihrer Neigung zum ,heiteren Lebensgenuss Sittenreinbeil und Humanitär, wie sie selbst ursprünglich vor- Händen waren, nicht nur nicht gefördert worden, sondern allmälig abhanden gekommen sind. Es ist, um von den aus religiöjen Gründen vorkommenden Ausschweifungen zu schweigen, zur Genüge bekannt, dass die alten Hellenen wie auch die alten Römer das Recht des Individuums gegenüber dem Rechte des Staates nicht anerkannt haben, dass nach ihrer Staatsaufsassung der Einzelne blos um des Staates willen existire, und dass Individuen, die dem Staatsganzen nicht nützlich werden konnten, von dem Schutze der Gesetze eximirt waren, z. Bdie wegen physischer Mängel zum Wehrdienst Untauglichen ausgesetzt werden sollten oder durften. Die Landbauer und Gewerbetreibenden waren von den Kriegern durch unübersteigliche Sckrankrn getrennt, sie waren die stenerzahtenden Unterthanen deritlben, ihnen im Falle des Unvermögens mit Leib und Leben dien bar. Das eheliche, wie das Familienleben, war durch Gelctze. neuig.'geregelt, wodurch denn auch später die unnatürlichsten Verbindungen zulässig geworden sind und häufige Anwendung gefunden haben. Die Scheu vor der Heiligkeit des Eides und der Verträge spricht ihnen ihr Bewunderer Cicero vollends ab, wenn er (pro L. Flacco, IV, 9) sagt: lestimoniorum 1-611gionem et fidem nuuqaam ista natio colait. Zeller (der platonische Staat in seiner Bedeutung für die Folgezeit) sagt, dass der platonische Staat völlig aus dem Boden des Hellenismus und jener Zeit erwachsen und nicht als ein Spiel der Phantasie anzusehen sei. Die-Staatsausfassung des Alterthums, noch mehr aber das sittliche Leben des Einzelnen wie der Gesammtheit war jedoch stets nur line Consequenz ihrer Gotteßvorstellung, Es ergibt sich somit aus dem Angeführten, dass der hellenische Geist von oem monolheiftischen nothwendkg überwunden werden musste. Die erste Berührung dieser hellenischen Welt mir den Bekennern der reineren und edleren monotheistischen Lehre wurde durch die Siege Alexanders des Großen herbeigeführt. So groß aber anfänglich das gegenseitige Interesse gewesen sein mochte, so. musste diese Berührung dennocy in kurzer Zeit eine feindselige werden. So sehen wir denn zum erftenmale in der Weltgeschichte einen Kampf zur Unterdrückung einer Religion unter dem syrischen Könige Antiochus Epiphanes entbrennen, einen Kampf, bei dem die ganze weite Kluft zwischen dem hellenischen Heidenthum und dem jüdischen Monotheismus zur Erscheinung gelangt. Dabei zeigt es sich, dass alle heidnischen Völkerschaften der Umgebung ihrer Feindseligkeit -gegen die Juden zn gleicher Zeit Ausdruck geben- (Makkab. 5, 1 —5; 6—8; 20 —23; II Makkab. 10, 24—38; 12, 10—31). Es zeigt sich aber auch, dass alle Machtmittel, die den syrischen Herschern zu Gebote standen, nicht ausreichten, um die lautere und erhabene Idee, für welche das kleine Häuflein im Gefolg e der Makkabäer stritt, zu überwinden — ja, dass gerade durch das vergebliche Aufgebot solcher Machtmittel die Bedeutung und das Ansehen dieser kleinen Schaar in kaum glaublicher Weife gesteigert wnrde. Es ist sogar nicht zu weit gegangen, wenn man bebauptet, daß von diesem Kampfe an der rapide Niedergang des Hellenismus und der Aufschwung des Monotheismus datirt. Dock dieser Kampf ist nicht in einem kurzem Zeitraum zu entscheiden, und auch das unterliegende Hellenenthnm gewinnt zeitweilig an Boden. Viele Juden entuationalisiren sich und werden erbitterte Feinde ihres Volkes (II Makkab. 4, 8—9; Joseph. Flav. Antiqu. XII, 5, 1). Viele werden zum minbesten von der Cultür der Hellenen in einem solchen Grade beeinfiußt, dass sie die nicht auf der heiligen Schrift beruhenden sondern blos mündlich tradirten Gesetze, weil ihrem Verkehre mit Heiden hinderlich, abstreifen wollen (Saddueäer; vgl. Joseph. Antiqu. XIII, 10, 6). Indem sich die Uebrigen desto strenger und fester an das Gesetz hielten, entstehen die streitenden Parteien der Pharisäer, Sadducäer und Essaer. Die Juden erlernen die griechische Philosophie, und aus der Combination derselben mit den Lehren des Moses entsteht eine große Zähl von Seelen, die zwischen dem Heidenthum einerseits und dem Juden- und Cvristenthum andererseits in der Mitte steben (als Gnosliker, Balamiten, Kainite», Korachiten, Masbolhaer. Genisten, Meristen rc.). Aber alle diese anscheinend mächtigen Einflüße vermögen den sich vollziehenden Prozess des Verfalles und des Absterbens der griechischen Götterlebre nicht aufzuhalten. Zum erstenmale treten die in der griechischen Litteratur vielgewandten al-.-.randrinischen Inden mit dem Nüstzeuge der Philosophie und mit der zierlichen Beredsamkeit der griechischen Sprache gegen sie in Schranken — und erringen ungeahnte Erfolge. ' Die ptolemäischen Könige hegen lebhaftes Interesse für ihre heiligen Schriften und lassen sie in das Griechische übertragen. Um die Heils» Wahrheit des Monotheismus zur weiteren Ausbreitung zu bringen, und die Welt der Heiden für dieselbe zu gewinnen, tritt unter Abstreifung des mosaischen (mehr noch des rabbinischen) Gesetzes der Apostel Paulus in die Milte der Heiden. (Galaterbrief III, 5—25; Epistel St. Pauli an die Epheser II, 14, 15; III, 6, 1; Epistel ad Timotheum I, 7—10; Epistel ad Titum III. 9). Immer größer wird die Zahl der in Hellas und in Rom sich zum jüdischen und christlichen Bekenntniße heimlich oder öffentlich binneigeuden nicht selten hochgestellten Römer und Griechen. Als nun die Römer in den Thronstreit der hasmonäischen Brüder (Aristobul und Hyrkan) sich mischten, und diese Ein- Mischung zur Eroberung Jerusalems durch Pompeius führte, trat das weltbeherrschende Römerreich im Namen des gesammten Heidenthums auf den Plan. Aber dieses aur Schlachtfeldern siegreiche Nom war nicht mehr das patriarchalisch sittenstrenge Rom der Vorzeit. Es war vielmehr von dem Schicksale so vieler siegreichen Völker betroffen worden. Von Sieg zu Sieg schreitend, mit dem Reichthume der Völker beladen, hatte es sich dem Genuße seiner Siege überlassen und taumelte von der Ausschweifung zum sittlichen Verfall. Bald wich der unbeugsame Mannesstolz aus den Herzen der Männer und man beugte vor den Machthadern feinen Nacken. So neigte sich damals die römische Republik ihrem Ende zu. und an die Stelle des Volkswillens trat der Wille eines Tyrannen. Daher kommt es, dass die römische Kaiserzeit nichts Erhebliches aufzuweisen hat, was nicht von den Cäsaren ausgegangen ist, die Geschichte der Kaiser ist die Geschichte Roms, und in dem Verhalten d'ex römischen Kaiser zu Juden und Christen erblicken wir die verschiedenen Stadien des Kampfes, in welchem die alte Welt einer neuen Gestaltung der Weltverhältniße weichen mußte, in welchem das Heidenthum der mono-