Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 35 (16.10.1885)
- Date
- 1885-10-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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der litburgische Gesangsunterricht für die Hebung und Stärkung des religiösen Gefühles, und gewiss ist die Kindesieele biefür am empfänglichsten. Wenn das jüdische Kind von frübcster Jugend auf an die schönen unv erhabenen Klänge des synagogalen GesauLes gewähnt wird, wird es mit Lust und Liebe und mit wahrer Andacht ' den Weg zum Gotteshaus betreten und gßwiss auch in Zukunft dort Erbauung suchen und sind'en. Zur Erörterung der Fragen, worauf sich nun der lilbiirgische Gesangsunterricht in der Schule zu beschränken habe, in welcher Weife derselbe zu eriheilen fei, sind nach unserer Ansicht in erster Neide die Cautoren berufen, und wir richten darum an unsere College!! und Mitarbeiter die Aufforderung, ihre Ansichten darüber in diesen Blättern kund zu geben. Jeder möge sich die große Bedeutung dieser Frage für das Judentbum und in zweiter Linie auck für den Cantorenstand vor Äugen Hallen und mit jenem Ernste an dieselbe herantrete»!, der der heiligen Sache würdig ist. den Feiertagen. Das ilt es also nicht, was wir meinen, aber der Cantor benütze die Mußezeit, die ihm seine anderen Berussausübungen lassen, zur tüchtigen Einübung des Cborcs, hie und da, wenn auch an Winlersabbaten dürfte auch eine neue Gesangspiece von 1 einem Streben, dem Vortrage Abwechslung zu verleihen, zeigen und ihm Hiedurch in den Äugen der Genreindeglieder ein größeres Ansehen verleihen. Aber noch ein Anderes und;war. wesentliches Moment gibt es. das den Cantorenstand ungemein verbessern würde, und das ist die Eintracht, daS einträchtige, zielbewusste Vorgehen. Dem Schreiber dieser Zeilen liegt es fernes dem geehrten Cantorenstande, dem er nicht angebört, irgendwie Nathschläge ertheilen :1! wollen; aber einem wahren, warmen Freunde desselben, und dieses Zeugnis wird ihm der geehrte Leserkreis dieses gescheu en Blattes wohl nicht versagen — sei es gestattet, auf die trau, ige Zerfabrenheir und Zersplitterung hinzuweisen, die leider in manchen Kreisen der verehrlichen Corporation Platz gegriffen. Von viel berufeneren Federn wurde ans die größtmögliche Unterstütznng dieses Blattes, ans die Verbreitung des Cantorenvereines hingewiesen und wahrlich liegt es ja im Interesse der Herren selber, ja im Interesse ihrer Familien. ״ Von S. Atarynrit, Oberlehrer in Austerlitz. ' II. ' Der Cantor beherrscht vermöge seines gesanglichen Berufes ein wenes, unendliches Reich. Wenn kein geistiger Beruf hienieden einen Stillstand zulälst, da letzterer bekanntlich mit dem Rückschritte gleichbedeutend ist; wenn jede Pflichterfüllung, soll sie nicht zur Taglöhnerarbeit herbsinkeu, von einer böheren Idee gewissermaßen idealisirt sein muß, io ist dies gewiss in erster Linie bei dem Cantorenbernse der Fall. Hier gibt es keine eigentliche Ruhe, welche es gestatten würde, die Hände dcu Winter über in den Schoß zu legen und wie die geflederten Lenzverkündcr, erst mit unserem Frühlingsfeste gleichsam mit dem Thangebeie aus monatelanger Lethargie zu erwachen und ein gesangliches Lebenszeichen von sich zu geben. Nicht, dass ich sagen wollte, der Cantor sei bestrebt, fortwährend den von den ,Feiertagen" her verwöbnten Zuhörern einen Pikanten Ohrenschmaus zum Beiten zu geben. Nein, unsere Gotteshäuser sind keine Scbanstätlen virtuoser Productionen und gesanglicher Harlekinadcn, in welche der Zuhörer gelockt werden. soll, um ein Stündchen seints vielbeschäftigten Tagelebens ange uehm zu verträumen; die Cuitnssteuer ist kein'Entree, für welches der Träger derselben!ich wie in den guten alten Zeiten ein Gesangkpiecc oder einen schnörkelnden Triller anichaffen könne; ist ja jeder Jude ein geborener Kritiker, wie ihm eine tüchtige Portion .Gemeindepolitik" schon angeboren ist, so ist es auch mit der Kritik. Hievon wißen die Herren Prediger und Cautoren ein Liedchen zu singen, namentlich die Ersteren. Da ist die Vernehmung des Gotteswortes und dessen Erbauung oft das Letzte, wvran gedacht wird — vielmehr die Mimik, die Gestikulation, die Modulation des Organes, der Schwung des Tatars. die tadellose Hemdkrause und derlei Firlefanz mehr, io dass die Kanzel zu einer Schaubühne prosanirt wird; jede Duodezgemeinde will für ibr gutes Geld mindestens einen Demosthenes haben. Und ähnlich ergeht es dem Cantor»), ist er im Besitze einer Baritonstimme, so vermissen so Manche das so beliebte ,Kol. schreien" der alten Chasanimzett. und umgekehrt, erfreut sich der Cantor einer hohen Stimmlage, so heißt es gewöhnlich: Nichts, wie Geschrei, viel Geschrei und wenig Wolle". Nur vergisst der Balbos, dass er kein Rothschild ist und daher beim besten Willen auch kein Kunstmäcen sein könne. Der Lebrerstand ist gewiss ein schwerer Beruß aber was versüßt dem Lehrer seine Mühe und Plage, den Undank in Gehässigkeit, die oft sein ehrliches Streben begleiten? Das Bewusstein seine Angehörigen cinft!!ach sc in em Tode nicht ganz verlaßen zu wißen, ja der erhebende, tröstende Gedanke, dass mit dem Hintrirle des Falnilienvaters Weib und Kind doch nicht am Hnngertuche nagen werden— freilich kann man einwenden, bei dem Lebrerstand habe der S t a a t -die ׳Sache in die Hand genommen — nun die Herren Cautoren können selbst über'diese vitale Angelegenheit verfügen, indem sie en masse fcem Vereine beitreten und durch einen verhältnismäßig geringen monatlichen Beitrag ibr Alter und die Cristen; der Ihrigen sichern. Wir könnten dieses 8uj6t noch weiter ausfübren, doch da gelaugt die letzte Nummer der Cantoren-Zeitung in unsere Hände und bort, steht im erneu Artikel mehr, als ich sagen könnte oder möchte. / _:_ . ... in ihrem Verhältniße zu Juden und Lhristen. (nach den Quellen dargestellt.) V o u D r. A. Weiß. Es ist unstreitig die größte Errungenschaft der modernen Grschichtsforschnng, dass sic sich von dem Standpunkte der Ebronisten, von der kritiklosen Ausspürnng nackter und uuvers mittelter Tbatsachen zu der ungleich böheren Ausgabe emporgeschwungen hat, den inneren Zusammenhang der Ereigniße zu erkennen, Ursachen und Wirkungen derselben ins Auge zu faßen, uud jede Erscheinung in ihrem Werthe und ihrer Bedenrniiz für die Entwickelung der gesammten Menschheit zu beurtbeilen. Diese höhere Auslassung des Berufes der Geschichtsforschung bat denn auch einer neuen Wissenschaft die Grundlage gegeben, der Philosophie der Geschichte. Sie Hai zu der Erkenntnis geführt, dass die Geschichte im Leben der Völker bestimmten Gesetzen genau so unterworfen sind wie die Erscheinungen in der Natur. Sie hat gelehrt, dass das Menschengeschlecht, wenn auch nicht, gerade stetig und gleichmäßig, so doch unaufhaltsam an seiner geistigen und sittlichen Fortbildung thätig ist, und dass jede *) Wir machen darauf aufmerksam, dass wir nur den Provinzkantor im Auge haben.