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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-10-08 · Heft 34 (8.10.1885) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 34 (8.10.1885)
Date
1885-10-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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- 3 - mit thränenfeuchten Augen auf ihn zu und sagte: Ihr Reb Dowid sagt שיר השירים אשר לשלמה, ich aber sage תפלה לריר- Aus diesen Aeußerungen geht hervor, dass Dowidel Brod in Kaschtan den künstlerisch vollendeten Sänger achtete, während Dowidel von Kaschtan als Lyriker, als der Meister des Zarten, Edlen, als frommer gottbegnadeter Sendbote der Gemeinde ש*£ב hingestellt erscheint. Und so war es auch; Dowidel Brod's lyrische Anklänge sind weltberühmt geworden, und Kaschtan wie alle übrigen Abkömmlinge des großen Sängers sind als souveräne Herrscher im Reiche der jüdisch-cautoralen Sangeskunst bekannt. Der Herausgeber des Königsbcrzer Synagogengesangs- Werkes setzte auch seinem weltberühmten Vater dadurch ein bleibendes Denkmal, dass er dessen Gesangswelsen rhythmisirle und, wo nöthig, auch barmonisirte und in 56 Nummern seinem Werke als Anhang unter dem Titel ,שירי שלמר einverleibte. Dieses Vermächtnis Kaschtan's erscheint uns geradezu als Schatzkästlein altsynagvgalen Gesanges. Der Styl ist allerdings veraltet und für die moderne Synagoge unverwendbar, die Coloraturen ins« gesammt nicht nur sehr schwer ausführbar, sondern, wenn auch außgeführt, für" die heutigen Verhältniße nicht zweckdienlich, allein denjenigen von uns, der in seiner Fugend in dieser Gesangsathmosphäre gelebt und durch spätere, anderweitige Studien seinen Geschmack geläutert, daher auch Sinn für das Antike besitzt, stiemt aus diesen Ueberbleibseln einer längst verblassten Epoche rin unsäglicher Wohllaut und ein musikalischer Reiz entgegen, der ze.m weiteren Studium und eingehenden Forschung aneifert. Das ist die Luft, die jeder Cantorats-Eleve einathmen sollte, anstatt seine Zeit mit italienischen Opernarien zu vergeuden; eine Piece dieses Kaschtan'schen Vermächtnißes — nicht nachgesungen, sondern eingehend studirt und in seinen Schönheiten erfasst — muss unserer heilig-ernsten Gesangsrichtung größeren Nutzen gewähren, als ganze Bände honigsüßer Opern. Bezüg« lich der einzelnen Nummern des Werkes beigegebenen Bezeich« nungen, wie phrygisck, mixolidisch, äolisch rc., mit denen wir fei״ neswegs einverstanden sind, erscheint seinerzeit eine eingehende Besprechung. (Fortsetzung folgt.) Nach den Feiertagen. Von S. Diamant, Oberlehrer in Austerlitz. Vorüber ist der Monat, 'dessen Tage beinahe gänzlich dem religiösen Leben, der inbrünstigen Andacht, der Selbstanschauung und der Buße gewidmet sind; vorüber der Chodesch haschwii, der siebente Monat, von welchem unsere Alten mit vollem Rechte bemerken: ,Dieser Monat, der heiligste des Jahres, ist durchtränkt und durchgeistigt, gleichsam gesättigt von einer Fülle religioser Gebote und Satzungen.* Der ernste Ton des Schofar mahnte uns an die Rückkehr zu Gott, an unsere irdische Nichtigkeit und Hinfälligkeit, aber auch an unsere göttliche- Abstammung, an unsere Verbindung und Ebenbürtigkeit mit dem höchsten Wesen, das wir den Vater der Menschheit nennen. Neujahrs- und Versöhnungstag, und als deren Vorläufer, die Selichottage, führten unS aus dem erschlasfenden Alltagsleben, aus der ertödtenden Einförmigkeit, in welche uns die Tage und Wochen des Jahres einlullten, zu geistigem Erwachen אני לדודי ודודי לי war das Motto und Losungswort der verflossenen heiligen Tage; versöhnt mit Gott, mit uns selbst und unseren Mitmenschen verließen wir das Gottes- Haus und betraten die schlichte, einfache Hütte, das Symbol der Bescheidenheit und Demuth, der innigsten, selbstlosen Hingabe an Gott und dessen allweiser Milde und Fürsorge, in welchen wir so gerne unsere enragirteften Feinde, die Herren Antisemiten, zu Gaste gesehen hätten, damit sie Zeugen wären von Israels Weltbedeutendcn, auf ewigen Frieden und harmonisches Zusammenleben hinweisenden C^remonien; — da uns dies leider nicht vergönnt war und warscheinlicb noch lange nicht vergönnt sein dürfte, so verlassen wie die Hütte, weiden uns in der Erinnerung an dem Anblicke des Feststraußes, dessen vierfache Verbindung, Ethrog, Palmenzweig. Myrte und Bachweide auf die Gleichheit aller Stände der menschlichen Gesellschaft hinweist. während daS ,Palmenseft', als würdiger Nachfolger des großen Versöhnungs« tages, durch seine Melodien und Gebräuche an die Zionsaudacht erinnert. Würdig und weihevoll beschließt diese gottgeweihten Tage das herrliche Gebet um Regen mit seinen uralten, bald hell ausjauchzend, bald tief wehmüthig erklingenden Melodien, — der Umzug mit den Thorarollen findet statt — Israels Söhne freuen sich anr Schlussfefte mit ihrer Thora, ihrem heiligen, unver-- äußerlichen Schatze, der sie geleitet als treuer Wächter, als unerfchütterlicher, unentwegter Führer und Leiter in guten und bösen Tagen, in Freud und Leid. Endlich stehen wir am Schlüsse unserer Feste, wir schlagen abermals das Buch der Bücher auf, und aufgerollt liegen sie wieder vor unserem geistigem Auge die ewigen Wahrheiten der Geschichte, die herrlichen Lehren der Allmenschheit, die heiligen Buchstaben, die unverfälschten V rkünder des göttlichen Wortes; — und es beginnt der Monat Marcheschwan, der Ruhepunkt nach stattgesundener geistiger Bewegung. Wer war nun der Mittel- und Angelpunkt des stattgehabten Gottesdienstes, wer vermittelte unsere Herzenswünsche, unsere Herzensgefühle für uns und unsere Familien, unsere innigste Sehnsucht mit unserem göttlichem Allvater durch die herrlichste Sprache, die dem Menschen zu Gebote steht, durch den Gesang? Ja, wer trug auf den Flügeln des Gesanges, auf den Schwingen gesanglicher Begeisterung unsere Wünsche und Hoffnungen, unser Bitten und Flehen vor den Thron des himm- | lischen Vaters? Es ist ein gar oft vielverkannter, mehrfach anl gefeindeter Mann, der mit den erschütternden Tönen des ״Wehurachum“ am Vorabende des ersten Selichottages beginnend und mit der Hawdalah des verflossenen Sabbath Bereschith schließend, die Hauptmomente des Gottesdienstes während dieses Monates leitete und denselben Ausdruck verlieh. ES ist mit einem Worte: Der Cantor, der eigentliche Träger des modernen Gottesdienstes. Wir nannten den Cantor einen viel verkannten, mehrfach angeseindeten Mann. Und es ist in der That so. Es würde den Raum dieser Blätter weit überschreiten, wollten wir alle Kactoren auszählen, die dem Cantor, namentlich dem aus dem flachen Lande, feindlich entgegen treten, aber eines wollen wir hervorheben, das dem ehrenwerthen Cantorenftande so oft, ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahin gestellt, zum Vorwürfe gemacht wird, nämlich eine gewisse Bequemlichkeit, ein dolce far mente, eine behagliche Nonchalance, welcher sich der Cantor nun während der beginnenden ,Wintersaison' hingebe. Es ruhe der Cantor auf seinen Lorbeeren, die er sich im Monate TIschri errungen, aus, hie und da erwache er gleich gewiffen, den Winterschlaf haltenden Vierfüßlern, einmal in der Woche, um uns im besten Falle einen ״Lecho dodi“ zu präsentiren. ,Was leistet er,' so rufen die pessimistischen Steuerzahler, ,für unser Geld, für unsere Cultussteuer?' So rufen jene Herren, die längst der erhebenden und mühevollen Leistungen vergessen, für welche die Cantoren an den ,furchtbaren Tagen'

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