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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-10-08 · Heft 34 (8.10.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 34 (8.10.1885)
Date
1885-10-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jedoch auch au unsere College« und Vereinsgenossen müssen wir ein ernstes und mahnendes Worr richten. Zeder setze, sobald er den Sammelbogen in Händen bat, seine ganze Kraft und seinen ganzen Einfluß bei dem Gemeindevorflande sowohl, der von Seiten des Gemeindevorstandes^ durch Circulare von der Vornahme der Sammlungen verständigt und um wolwollende Unterstützung derselben angegangen wird, sowie auch bei den einzelnen Gemeindemitgliedern ein, um unser Unternehmen zu fordern. Die Geringfügigkeit einer Spende, oder das Abschlagen einer solchen möge Niemanden entmutigen, sondern nur immer j mehr und mehr aneisern, für das gemeinsame Wol zu wirken und zu schaffen. Es ist eine Lebensfrage für uns Cautoren. an deren Lösung wir jetzt herantreten, und wer leichten Sinnes darüber binwcggeht, wer noch immer vom Ernste der Zeit unberührt bleibt, wer weiter in süßem Nicbtsrhun verharrt, der kennt nicht die Pflichten, die. er seinem Stande, sich und den Seinigen gegenüber zu erfüllen hat, und wird dies später gewiss tief bedauern müssen. Darum lasset uns!reu.und. brüderlich zusammen- Hallen, Einer für Alle, Alle für Einen, sei unser Losungswort, und unserem Werke kann der Erfolg nicht ausbleiben. Urtier ״Entwickelung des Synagogen Gesanges". Von Obercamor I. Singer in Wien. XL. H. Weintraub *), Cantor der Synagogen-Gemeinde in Königsberg in Preußen, veröffentlichte im Zuni 1859 ein Synagogengesangswcrk unter *cm Titel: שירי בית׳ה, dessen erster und zweiter Tbeil viele Gesänge Rccitative (חזנות) und Chöre für alle Vorkommniße des Synagogenjahres entballen und in dessen drittem Lheile שירי שלמה zumeist altpolnische Recitanve und kurze, begleitende Cborsätze nach der Singweise des weltberühmten Xaseirtaus, des Vaters des Herausgebers, verzeichnet sind. Das vorliegende, höchst interessante Buch ist die allererste, von einem jüdischen Cantor selbstständig, d. h. ohne Mitarbei- ' terschaft, veröffentlichte Schöpfung aus dem Gebiete dev Synagogengcsauges, die Tbärigkei! eines echten Künstlerlebcns, das Ergebnis einer bis zur Vollkommenheit gereisten Fachbestredüng. Zu gedrängter Kürze (die 3 Bände enthalten 254 Druckseiten in Großoclav) findet sich im bezeichneten Werke Alles vor, was ein jüdischer Cantor auf musikalischem Gebiete für seine Amtsthätigkcil braucht, und die Anordnung des Materials wie! die musiktechnische Verarbeitung desselben verratheu den gereift | ten Forscher sowohl wie den gediegenen Mitsiker. Doch bevor wir zur eigentlichen Besprechung des Weintraub'schen Werkes schreiten, fühlen wir uns veranlasst, einige vorbereitende Worte vorauszuschicken, deren Inhalt zur wirksamen Beleuchtung des zu behandelnden Gegenstandes zweckdienlich erscheint. Kaschtan Schlomo, der einstige weltberühmte Chasen, betete als fahrender Künstler mit seinen Meschorerim in den größten jüdischen Gemeinden unseres ContinenteS und riss allenthalben die Zuhörer zur Bewunderung hin; diese Bewunderung galt allerdings zunächst dem Kunstgesange, d. b. der Zungen- und Kehlenfertigkeit Kaschtan's, aber nicht minder auch dem für die damaligen Verhältniße ziemlich bemerkenswerthen *) Weintraub starb vor mehreren Jahren, nachdem er längere Zeit in Pension lebte. Zusammensingen seiner U68chor6r!m, unter denen der in allcantoialen Kreisen rühmlichst bekannte Bassist Mordche Perez Weintraub als ,E i n st u d i r e x* ein gewisses Anfeben genoß. Beim Einstudiren der Sachen war Kaschtan selbst niemals anwesend, das war die Obliegenheit des Bassisten Mordche Perez, und erst dann, wenn die ,Sache" cinstudirt war, also gleichsam zur Generalprobe, erschien auch Kaschtan, um sein freies Recitativ der einstudirten Nummer anzupassen. Wir bemerken also bei diesem Vorgehen eine zweckdienliche Theilnng der Arbeit, welche zum Gelingen der Gesammtbestrebung viel beitrug — also ein, wenn auch eigenartiges, dennoch künstlerisches System, den! wir unsere Anerkennung nicht versagen können. Außer dieser artistischen Thätigkeit hatte aber Mordche Perez auch den gestvästlichen Thcil, d. h. den Verkehr mit den Gemeindevorsteb in, das Präcisiren der Honorare rc., also die Thätigkeit ein - Impresario zu versehen, und es ist ihm gelungen, inner- Halo mehrerer Decennien das Unternehmen Kaschtan's zu fördern und sich die Zufriedenheit aller betheiligten Parteien zu erwerben. Unter den Nc8chorcrim Schlomo Kaschtan's wirkte auch sein Söbnchen, der nachmalige Königsberger Cantor und Herausgcber des zu besprechenden Werkes, als ,Koll-Singerl* mit. Mit dem Heimgänge Kaschtan's löste sich selbstverständlich nach und nach die Sanzeögenossenschast aus; der Knabe H. Weintraub reiste noch eine Zeit lang in der Begleitung seines Verwandten Mordche Perez, mußte jedoch bald zur Uebsr.engung gelangen, dass cr, wenn auch sonst musikalisch reich beanlagl, in stimmlicher Beziehung beiweitem jenen Anforderungen nicht entsprach, die an seinen berühmten Vater gestellt werden durften, und da auch mittlerweile seine Anschauung bezüglich der fahrenden Chasanim eine günstigere wurde, so seben wir ihn ba d als wohlbestellten Cantor der großen Gemeinde zu Königsberg ״in Preußen, während Mordche Perez Weintraub die Cantorstelle in Beuchen, Oberschlesien, üb-, rnahm, die er auch bis kurz vor seinem Abstcrben (1868) eine lauge Reihe von Jahren in Mustergiltiger Weise verwaltete. Mordche Pcrez erzählte im Freundeskreise mit Vorliebe seine Reiseerlebniße, unter denen manches Vorkommnis ein bemerkenswerthes Streiflicht aus die eiüstigen Synagogengesangs, verhältniße warf und durch die Bedeutung des Selbsteriebten einen interessanten Beitrag zur Entwickelung des Synagogengesangcs bot. Unter diesen von Mordche Perez erzählten Erinnerungen erscheint uns die Schilderung einer Begegnung der Kaschtan'schen Sängergesellschaft mit der des Dowidel Brod in Pest deshalb an dieser Stelle als der Veröffentlichung würdig, weil das Product dieser Begegnung und eine aus derselben resulti ende Aenßerung Dowidel Brod's in knapper Form die Bedeutung kennzeichnet, die jeder dieser Cantorberoen einnahm, und welche ihm von der Gegenpartei auch rückhaltslos zuerkannt wurde. Es war im Hause Dowidel Brod's in Pest, als Kaschtan mit seinen Sängern zu Besuche erschien; nach guter alter Chasanim-Sitte mußte selbstverständlich auch gesungen werden, und es gebührte Kaschtan, als dem Gaste, Der Vorrang. Nachdem Schlomo Kaschtan mit seiner Production zu Ende war, umarmte ihn Dowidel Brod und sprach: Es ist wahr שיר השירים אשר לשלמה, eine geistreiche Anspielung auf die Sangesmeisterschaft Kaschtan's. Nun mußte auch Dowidel mit seinen משודרים singen *). Als Dowidels Vortrag verklungen war, trat Kaschtan ') Die Meschorerim Dowidel's waren zur Zeit der jetzt noch lebenden Ketten in Paris — Israel Linek, der Vater des Schreibers dieser Zeiten, Esriel Neutra u. A.

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