Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 33 (30.9.1885)
- Date
- 1885-09-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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■י׳ ■■ _}' — e Auszug, der sich nach altem Brauche jedes Jahr wiederholt. Auch die würdevolle Ruhe im Tempel, der ernste fromme Sinn, der jedem Einzelnen innewohut, die in ununterbrochener stiller Andacht versammelte Betermenge; ferner die vorzüglichen Leistungen der Synagogenbeamteu, der schwungvolle religiöse Vortrag, der weihevolle Orgelton, die Herrlich klingenden Gesänge, Alles dies ist schon dagewesen und wiederholt sich in seiner Pracht ein Jahr um's andere und wir konnten uns füglich einen Feiertagsbericht früherer Jahre zur Hand nehmen, es wäre derselbe Ton, derselbe Inhalt wie heute, wenn nicht die Unpäßlichkeit unseres, seit Jahren in seinem Fache bewährten Regenschori, des Herrn Moriz Knopfler, uns eine Neuic!- keit zugeführt hätte. Durch das Unwohlsein dieses, seit mehr als einem halben Jahrhundert hier im Amte stehenden Herrn, sah sich der Vorstand genölhigt, die Leitung des Chores für die hohen Feiertage dem seit einer Reihe von Jahren hier angestellten Bassisten, Herrn Moritz Eckstein, zu übertragen. Und hat Herr Moritz Eckstein durch seinen sonoren Bässton im Vollklange der Harmonie des gemischten Tempelchores bis heute seine Zuhörer ergötzt, so hat er nicht minder diesmal durch die präcise Leitung des Gesammtchvres, durch sein taktvolles Dirigiren und die Aufrechthaltung einer strengen Disziplin unter dem Personale die Beweise seiner bedeutenden Kenntniße in der Musik zu Tage gefordert und sich der wohlverdienten Anerkennung seiner Fachgenossen und der Gemeindemitglieder würdig gezeigt. — So bewährt sich im Großen wie im Kleinen der talmudische Spruch: ,Noch war die.Sonne Eliß nicht erloschen, stieg schon die Sonne Samuels am Firmamente hervor. Austerlitz. (Orig.-Corresp.) An den verflossenen hohen Feiertagen, am Neujahrs- und am Versöhnungstage, erfreuten wir uns eines seltenen, schätzenswerthen Gastes, welcher, aus weiter Ferne kommend, seine Vaterstadt besuchte, um nach mehr als zwanzigjähriger Abwesenheit einige Tage in unserer Mitte zu weilen. Es war dies Se. Ehrwürden Herr Dr. Moritz Tintner, Rabbiner zu New -Port : in Amerika, der über Einladung des Vorstandes mehrere Kanzelvor-! träge hielt, die die Zuhörer wahrhaft begeisterten und nicht wenig zur höheren Andacht und Erbauung in diesen heiligen, gottesgeweihten Tagen beitrugen. Schon am Sabbathe vor dem Neujahrsfeste, als der geschätzte Gast seinen ersten, homiletischen Vortrag hielt, lernten wir in demselben einen Kanzelredner par 6X66I16N66 kennen, der eS in seltener Weise versteht, auf Herz und Gemüth seiner Zuhörer einzuwirken, und diese Begeisterung steigerte sich bei jedem weiteren Vortrage. Der Redner verfügt über ein sonores Sprechorgan und wußte die alte Deraseha mit der modernen Vortragsweise trefflich in Einklang zu bringen, indem er die dunkelsten Midraschstellen höchst sinnig iuterpretirte und den Intentionen unserer alten Weisen, die in diesen | oft mysteriösen Stellen die tiefsten Lehren bargen, in meisterhafter j Weise gerecht wurde. Die Gemeinde ehrte aber auch den illnstren Gast in jeder Beziehung. So wurde unter anderem beschlossen, die Namen der bereits dahingeschiedeneu Eltern des Herrn Rabbiners für ewige Zeiten in daß Maskirbuch einzutrageu, und hatte Herr Oberlehrer Diamant die Ehre, am Versöhnungstage nach der von demselben abgehaltenen Seelenfeier dem Herrn Rabbiner im Namen des Vorstandes und sämmtlicher Gemeindemitglieder den Dank für . die ausgezeichneten homiletischen Verträge auszusprechen, welche Anspräche nicht verfehlte, den tiefsten Eindruck hervorzubringen. So hatten wir einen schönen, erbaulichen Gottesdienst, wobei nicht unerwähnt bleiben kann, dass unser Cantor, Herr Brandweiner, durch seine gediegene Vortragsweise und schönen Stimmmittel den gesanglichen Theil des Gottesdienstes excellent versah. Hims. (Orig.-Corresp.) Am 1. September l. I. feierte der s hiesige II. Cantor und Religionslehrer, Herr Ignatz Bruck, einstiger Schüler unseres Altmeisters, Nestor Sulzer, im Kreise seiner Familie sein 25jähriges Dienst-Jubiläum in der hiesigen Gemeinde. Wer die Schwierigkeiten, mit denen das Amt eines Cantors in einer Provinzgemeinde verbunden ist, . kennt, wird zu erwägen wissen, welch' ein -Verdienst es ist, ein Viertel-Jahrhundert in Achtung und zur größten Zufriedenheit zu wirken. Dieser Umstand fand allseitige Würdigung. Von vielen Bekannten und einstigen Schülern des Jubilars liefen ders, da es einen Gruß an Fräulein Judit enthält. Wenn es nicht langweilt, so will ich's vorlesen. Die Damen waren bereit zu hören, und er las: New-Aork, den 5. Oktober 18 . . ,Lieber College! Dass Du Dich noch meiner erinnerst, be^ zweifle ich nicht^_urein Geschick führte mich aber in die neue Welt und trennte unsere Wege. Ich bin hier Spitalarzt und fühle mich in meiner anhaltenden und anstrengenden Beschäftigung sehr wohl. Die Zeitung wird Dir auch vou der schwierigen Operationen, die ich glücklich aussührte, berichtet haben, aber auch ich las gestern Leinen fett gedruckten Namen in einer englischen Zeitung, in welcher Du wegen deiner neuen Behandlung Typhuskranker belobigend genannt wirst. Mehr aber zog mich der Name des Städtchens, indem׳ Du praktisch thätig bist, an. ■ Dort lebt nämlich ein Fräulein Judit K., die ich in Berlin kennen und hochschätzen lernte. Gewiss führt Dich Dein Weg auch in ihr Haus. Sage ihr, dass ich ihr einen.Gruß sende, und dass ich vou Herzen wünsche, die Nachricht durch Dich zu vernehmeu, dass sie glücklich, sehr glücklich ist. Dieser Gedanke wird nur dazu beitragen, mich froh und zufrieden zu machen. Schreibe bald deinem Georg Wilms." Kaum hatte er den Brief beendet, so stand er aus und verabschiedete sich, da er eilig zu einem Patienten gehen musste. Mirjam schaute neugierig in das Gesicht Judil's, fand aber kein Zeichen der Unruhe in demselben, sondern heiter blickte fle ihr in die Augen. Mit wenigen Worten erzählte nun Judit der Großmutter ihre Begegnung mit Dr. Wilms und verhehlte nichts. — ,Du bist mein gutes, starkes Kind', sagte sie, nachdem Judit geendet, ,und da ich das Alter fühle, und der liebe Gott mich von schwerer Krankheit geheilt, um. mich noch Freude an deinem Glücke genießen zu lassen, so höre denn heute, da die Gelegeuheit sich darbietet, meine Wünsche und die des Dr. Mendelßsohn. Ich wünsche dich unter der Obhut eines dich aufrichtig liebenden Gatten zurückzulassen, wenn Gott, der Herr über Leben und Tod, mich abruft, und Dr. Mendelssohn hat vor vielen Wochen bereits um deine Hand angehalten und wird überglücklich: sein, wenn du einwilligst. Ich versprach ihm, wenn du geneigt bist' seinen Antrag anzuuehmen, das Verlobungsfest an deinem 18. Geburtstage zu feiern. * Jndit neigte ihr Haupt und sprach: ,Der Antrag des Dr. Mendelssohn ehrt mich sehr, und -- ich füge mich deinen und seinen Wünschen.* Es war ei» schöner Tag, der Hochzeitstag, der nur wenige Monate nach dem Verlobungsfeste gefeiert wurde. Den Armen erfreute die fromme Mirjam, wie es Sitte in Israel ist, durch reiche Spenden das Herz, und fröhlich endete der Tag für das glückliche Ehepaar im Kreise heiterer Verwandten und Freunde. , Mirjam erreichte ein hohes Alter, Urenkel schaukelten au ihren Knieen, schüttelten die Lockenköpschen und schauten mit ihren tiefblauen Augen lachend zu ihr empor. Ende. -—- f