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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-09-30 · Heft 33 (30.9.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 33 (30.9.1885)
Date
1885-09-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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— 5 — dcrzureißen. Das ist ihre Sorge. Sie haben in diesen von Salpetcr. überzogenen Höhten ibre Kindbeit verbracht; ihre Eltern sind darin gestorben; ihre eigene Brüt wälz! sich da im Schmutze herum. Diese Höhten sind die Zeugen ihrer Leiden und Freuden, die feste Burg ihres fanatischen Glaubens, das Spiegeln bitd ihrer setbst; denn wie sie trotz der körperlichen Verkommenbeit eine unglaubliche Lebenskraft en!wickeln, baden auch diele einander stutzenden und fast über einander sich thürmenden Bauten den Erdbeben und den nahezu alljährlich wiedcrkehrenden Ueberschwemmungen des Tiber widerstanden und widerstehen ibnen noch jetzt. Drinnen stirbt mau vor Schmutz; die Natten theilen das Bett mit uns; wir haben kaum Luft genug, um zu athmen, das Alles ist wahr, allein wohin sollen wir ziehen, wenn mau uns von hier verjagt? Wer zahlt uns den theueren Miethzins; wie versammeln wir uns zum gemeinschaftlichen Gebete, wenn der Wind uns verweht durch die Sradl? Wer unterstützt uns in unseren KrankbeilstagenV Diese Klage ertönt im Ghetto von allen Seiten, und mit der Klage hört man auch manch kräftigen Fluch gegen die Neuerer, die dem Volke Zsrael's ihr Los nicht gönnen! Der israelitische Unterstützungsverein und die Stadtverwaltung werden aber darum nicht irre. Sie antworten: ״Wir zahle» euch einen dreimonatlichen Zins und werden euch helfen, so lange die neuen Vechältniße euch bedrücken. Das wird, wir wissen es wohl, nicht lange dauern, denn ihr seid arbeitsam und werdet auch den erhöhten Bedürfuißen Rechnung tragen können." Die Sache ist beschlossen; die armen Trödler müssen sich fügen; ihr Schmerz aber ist groß, und'wehmuths-. voller als je gellt durch die Straßen ihr Ruf: ,,Robivecchi! Robivecchi l“ Und so wird denn über Jahr und Tag das Ghetto unter, dem zerstörenden Walten des Brecheisens und der Haue verschwinden, und über diesem Schandflecke des initlelatterlichen Rom werden säulengetragene' Häuser sich erheben und den in einem.breiteren Bette meerwärrs . fließenden Tiber eiusäumeNi. Die Archäologen werden diesmal nicht murren, denn ehe neues Leben aus dem alten Schutte erblübt, werden sie all ibre Sebnsucht befriedigen und Alles, wonach sie Verlangen tragen, durchwühlen können. Für die Künstler, von denen vorher die Rede war, wüßte ich keinen Trost, denjenigen aber, welche die laugen Winterabende bei ״Vater Abraham" zu verbringen gewohnt waren, kündige ich an, dass dies be.nhmte ^virthshaus nicht ganz hundert Schritte vom jetzigen Standorte verlegt werden wird. Den Fremden sei cs also gesagt: der ehrsame Stadlrath ist nicht so grausam, wie man gemeiniglich glaubt; er zerstört zwar das Ghetto, Vater Abraham wird aber auch, künftighin Jedermann aufwarten dürfen mit gerösteten Artischocken und feurigem Wein von Velletri. (N. Fr. Pr.) Kleine Chronik. Or.-Kamsza (Orig.-Corresp.) Was ist Neues in Gr.-Kanisza \ Eine Großgemeivde hat immer ihre erwähnenswerthen Ereizniße und besonders um die Zeit der hohen Feiertage. Der an deu Jahres- Wechsel uns ernstlich mahnende Posauneuton bringt uns mit dem neuen Jahre auch neues Leben in die Gemeinde und in die Synagoge, deren Beamten jeder in dem ihm zugewiesen Fache neue Thätigkeit, neuen Fleiß und neue Strebsamkeit entwickelt. — Die Synagoge ist es besonders, die unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht; schon der Aufzug ihrer Besucher und Besucherinnen am Vorabende des Festes, der sogenannte Schulgang, entrollt unserem Auge ein durch Worte nicht leicht zu wiedergebendes, imposantes Bitd wahrer Herrlichkeit und hoher Eleganz Die Schaar feingekteideter Männer, der Kran; weißgeschmückter Damen, der sich zum Hause der Andacht drängt, mahnt uns an das deu hohen Priester in den Tempel zu Jernsalem begleitende Bolksgewoge — ein bezaubernder Anblick, der zur Hebung der Feiertagsftimmung wesentlich beiträgt. Doch dies bildet keine Neuigkeit in Gr.-Kanisza- Es ist ein wahrhaft ergötzender Da man die Anordnungen des Arztes streng beobachtete, rrholte sich' Mirsam schneller, als vorauszusehen war. Nach acht Tagen war es ihr möglich, auf einige Stunden das Bett zu verlassen, und eine Woche daraus gestattete der Dvctor schon, auf kurze Zeit in's Freie zu geben. Großmutter und Enkelin benutzten dann die schönen Oktoberlage, um die milde frische Luft.zu athmen, und nicht selten schloss sich ihr Hausfreund, Dr. ^lendelssohn, an, dessen täglicher Besuch für Mirjam unentbehrlich geworden war. Nicht nur die aufopfernde, ärztliche Behandlung die Judit so beredt schilderte, hatte ihm in den Herzen dieser für alles Gute und Edle empfänglichen alten Dame Raum verschafft, sondern sein religiöser Lebenswandel, ter trotz seiner Stellung in der menschlichen Gesellschaft unwandelbar geblieben war, erfüllte Mirjam mit Hochachtung. Wenn sie ein lobendes Wort für ihn hatte, jo sprach Dr. Mendelssohn: »Ich danke die frommen Gefühle, die ick für die Religion meiner Väter hege, nur einzig und allein der guten Erziehung meiner theueren, verklärten Ellern, die cs verstanden, mein Herz für die jüdischen! Satzungen empfänglich zu machen, aber auch meine persönliche Ansicht ist es, dass Jedermann treu dem Glauben seiner Väter bleiben müsse, dass er dem Willen Gottes, der einem jeden seiner Geschöpfe den passenden Platz angewiesen, nicht entgegenhandeln dürfe. Wer könnte den Lebensstürnlen widerstehen, wenn er den Halt an der Religion verloren, denn nur diese ist es, die uns aufrechterhält und verbüket, uns den Armen der Verzweiflung preiszugeben. Wie kann der Mensch aber Trost und Beruhigung im Glauben seiner Väter finden, wenn er sich bewusst ist, immer und immer wieder in seinem Thnn und Lassen den Vorschriften zuwider gehandelt zu haben? Darum kann nur der an seinem Glauben.festhaltende Mensch die wahre Glückseligkeit erlangen.'* Kopfnickend stimmte Mirjam diesen Aeußerungen bei, auch Judit'S Mienen verriethen. dass sie seine Ansicht theile. Doch auch erheiternd wirkte die Gesellschaft des Doctors auf die beiden Damen, denn manche lustige Geschichte wusste er aus der Studenlenzeit, die er in Berlin verlerke, zu erzählen, und für Judit7 die Orts- und Personenkenntnis in der Residenz hatte, boten diese Erzählungen ganz besonderes Interesse. Lebhaft und gemüthlich war eö nun im Hanse; Judit crtheilte ihren kleinen ׳ Schülerinnen wieder Unterricht und erfreute sich an den Fortschritten, die dieselben durch ihren Fleiß und ihr sittsames Benehmen machten. Sie verfolgte mit Eifer dis Absicht, die Kleinen für ein Lehrerinnenseminar vorzubereiten, damit sie einst im Stande seien, ihre Existenz zu gründen, da ihnen ihre mittellosen Eltern dieselbe nicht zu schaffen vermochten. So verging die Zeit gleichmäßig, der junge Dr. Mendelssobn blieb Freund des Hauses und wurde durch sein achtbares Benehmen sowohl von Mirjam als von Judit hoch geehrt war und sein Besuch, gerne gesehen. Eines Tages, es war im Hochsommer, und Großmutter, Enkelin und die kleinen Mädchen befanden sich, mit Handarbeiten beschäftigt, in dem Garten, als Dr. Mendelssohn erschien und sich aemüthlich zur Gruppe gesellte. Judit schickte die Kinder nun nach Hause und der Doctor erzählte, dass er heute durch ein Schreiben eines Berliner Collegen überrascht wurde, beson-

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