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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-09-30 · Heft 33 (30.9.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 33 (30.9.1885)
Date
1885-09-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Allein dem ist nicht mehr so; Neues zu schaffen, ist ihnen schwer, und da hängen sie am Alten mit allen Fasern des Herzens; die Stimmung muss die eigene Empfindung ersetzen, und der Schmutz, die Verkommenheit der Menschen, die zerbröckelnden Häunr. die vom Pcsthauche der Cloaken erfüllten, im trüben Halbdunkel sich dahinschlängelndeu Straßen sind ihnen zur nothwendigen Vorbedingung ihres Wirkens geworden. Dieser Schlag von Künstlern hat nichts vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergänge als ihren Oiiif: Robivecchi, Robivecchi! durch die Stadt in klagenden Tönen erschallen lassen. Auch diese armen Juden sind über den Gang der Dinge unzufrieden, wie ihre Väter cä waren, als Alesfandro Calandrelli und Cicernacchio im Namen der römischen Republik die Thore des Ghetto niederrifien und dem Volke Israel die Freibeit verkündeten. Das päpstliche Rom, das die Juden nicht verfolgte und nicht züchtigte, das päpstliche Rom erniedrigte sie, und nur wenigen unter ihnen gelang es, sich aus dem Sumpfe zu retten, in den sic die chrift׳ liche Gewalt versinken ließ. Die Juden in Rom waren daß Werkzeug für die Rache der Mächtigen; auf Geheiß des Fürsten Eolonna verbrannten sie Cvla Da Nienzi, den letzten Tribun. Die Juden in Nom mussten dem Volke die Gircenses besorgen und in Säcken vom zerstörten Bogen des Marc Aurel nach dem Palazzo Venezia um die Wette taufen, dis ein menschlich fühlender Papst ihnen diese Seelenpein unter der Bedingung erließ, dass sie die Kosten und die Preise für die Pferderennen der Faschingstage bezahlen würden. Sv entstand die Gorsa dei Barberi, eine andere Barberei, die vor drei Jahren abgeschafft wurde, weil, eigenthümliches Zusammentreffen, die Hufe eines dahinrasenden Pferdes zwei armen Judenkinderu die Köpfe zertreten hatten. Die Juden in Rom mussten noch unter Gregor XVI-, demselben, der einem jüdischen Geldmanne als Belohnung für ein glücklich zu Staude gebrachtes Darlehen den — CbristuS- Orden, verlieh, allwöchentlich einmal nach der Kirche Santa Trinitä dei Pellegrini ziehen, um sich von einem katholischen Priester über ihren Unglauben belehren zu lassen. Sie verhielten sich hiebei sehr anständig und ertrugen schweigend den tragikomischen Gewissenszwang, denn die Päpste, die sie in dieser Weise ihre Abstammung entgelten ließen, sicherten ihnen zu gleicher Zeit durch das sogenannte das zagazän billige Wobnhöhlen und legren ihren Glauben sonst so wenig Hinderniße in den Weg, dass in ihrer kleinen Gemeinde beispielsweise die sicilianische und die castrlianisch e Schule und mit ihnen die den spanischen und sicilianischeu Verfolgungen entflohenen Glaubens ^uden in Rom ihr Haupt hatten, und das geschah nach Paul VI. Tode; sie vereinigten sich da mit dem wücheuden Volke, stürmten das Haus der heiligen Inquisition und rissen die auf dem Capitol stehende Statue des Papstes vom Sockel herunter, und ein Jude wagte׳ <3 sogar, ihr die eigens gelbe Mütze auf den Kops zu stülpen. - Seil jenen Tagen sanken sie aber tiefer und tiefer, bis, sie sich , endlich mit ihrem Schicksale so sehr zufrieden gaben, dass das, Morgenrolh des freien Lebens den armen Verlassenen das Grauen, einfiößt, das man beim Anblicke des blutigen Widerscheins einer Feuersbrunst empfindet. ....... Diese armen jüdischen Trödler von Nom begreifen das neue Italien nicht. Sie sind ihm nickt dankbar, wiewohl es ihren Glaubensgenossen stets mit Wohlwollen entgegcnkam. Die . römische Republik ernannte einen Juden zunt Commandanten 'des freiwilligen Bataillons des Stadttbeils Regvla; das geeinte,. Italien hat den Unterschied zwischen Semiten und Ariern ansgelöscht, es kennt nur Staatsbürger und Fremde, cs fragt Niemanden nach seinem Bckcnntniße, und Beamte mosaische^, Glaubens dienen selbst in den höchsten VerwallungSstellcn .Den.: Interessen des Staates. Doch was sicht nur die verwahrlosesten,: Geschöpfe im römischen Ghetto dies au? WaS wissen sie .in ihrer traurigen Lage von der Freiheit der Gewissen, von ..der Nothwendigkeil eines menschenwürdigen Daseins? Die. Stadt- Verwaltung beschloß, ihre Schlupfwinkel, in welche nie ein. er- - freuender Lichtstrahl, nie ein reinigender Lusthauch dringt, nie¬ I n - i t. Eine Erzählung von C ä c 1 l i e L ö w y. (Nachdruck verboten.) (Schluss.) Gefasst und mit vollem Vertrauen aus die Hilfe des Allmächtigen und die Kunst des Arzt?», der ein so warmes Interesse an die Genesung Mirjams an den Tag legte, da er viele Stunden ununterbrochen die Krankheit beobachtete und auf Mittel sann, dieselbe zu heben, saß Judit an dem Krankenlager, mit Spannung die Zeit der Krisis erwartend. Die Stunden erschienen ihr eine Ewigkeit und fragend richteten sich ihre Augen aus den Doctor, wenn er kam und ging. Sein tröstender Zuspruch träufelte Balsam in ihr betrübtes Herz, aber ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, als er am Morgen des neunten Tages erschien und die Worte sprach: .Seien Sie gefasst, mein schwergeprüftes Fräulein, denn die nächste Stunde wird über das Sein oder Nichtsein ihrer werthen Großmutter entscheiden. * Der Arzt nabm nun neben dem Bette Platz, während Judit bleich und mit verhaltenem Athem sein Thun beobachtete, und Taube still weinend in einer Ecke des Gemaches saß. Nur das Ticken der Taschenuhr, die Judit auf den Tisch gelegt hatte, um die Medicamente zur bestimmten Zeit verabreichen zu können, war vernehmbar. Der Arzt beugte sich über die Kranke, sein Ohr ihren Athemzügen zunei'gend, und verweilte lange Zeit in dieser Stellung, — endlich wendete er sein Gesicht Judil zu und sagte leise: ,Sic ist gerettet'. Ein Gefühl innerster Freude .verklärte ihr schönes Gesicht, ein leichtes Roth überzog ihre bleichen Wangen, in ihren vom Wachen matten Augen erglänzte ein Thränenschimmer und mir unsagbar rührend weicher Stimme sprach sie, ihre Rechte in die des Arztes legend: .Dank, tausend Dank!' Dann eilte sie an die Seite Mirjam'S, die, wie aus einem schweren Traume erwachend, um sich blickte, bis ihr Blick voll Zärtlichkeit an dein An litze Judil's haften blieb. ,Warum weinst du denn, mein theueres Kind', sagte sie, »suhle ich mich doch wie neu geboren, ich muss wohl sehr krank gewesen sein, denn die Mattigkeit in meinen Gliedern verräth mir, dass ich viele Tage zu Bette gewesen sein mujö.* Dr. Mendelssohn näherte sich ihr und antwortete an Stelle Judlt's, deren Stimme die Thränen der Freude, die nun uüaufhaltsam flössen, erstickte, nachdem sie die des Schmerzes während der Krankheit so standhaft zurückzuhalten vermochte. »Nun aber bitte ich im Interesse der fortschreitenden Besserung sich zu fassen, liebes Fräulein', sagte er,, »und Ihnen, geehrte Frau, kann ich nur vollkommene Ruhe empfehlen. Verabreichen Sie, Fräulein Judit, wie bisher die vorgeschriebenen Speisen und machen Sie von der Medicin keinen Gebrauch mehr. Ein ruhiger Schlaf wird der Kranken besonders wohl thun, daher muss vor Allem für ungestörte Ruhe gesorgt werden.' Mit 1 diesen Worten verließ der Doctor das Haus, indem er versprach, r in wenigen Stunden wiederzukehren. pa

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