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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-09-30 · Heft 33 (30.9.1885) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 33 (30.9.1885)
Date
1885-09-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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mehreren Richtungen hin; — z. B. erlaubte er ihnen, ohne be- | sonderes Abzeichen, das sie alsbald kenntlich machte, zu erscheinen, was bis dahin noch nicht geduldet worden war. Als im Jahre 1695 die Bank von England durch den Schotten Paterson mit einem Capital von 1,200.000 Pfund Sterling gegründet worden war. der ein Jahr später die Entstehung der schottischen Bank folgte, gestalteten sich auch die ersten Anfänge dessen, was heute die Börse ist, und die Geschäfte begannen sich in der Weise zu machen, die heute, freilich in unendlich erweitertem Matze, noch ebenso besteht. Dies war das Gebiet, auf dem sich die zurückgekehrten Juden alsbald auszeichneten und indem sie die mitzebrachten Summen vervielfachten, nach und nach an Einfluss und Geltung gewannen. Der Minister Robert Walpole verwandte zuerst einen Israeliten zu den > Geldgeschäften des Staates, dessen Schuld damals zu wachsen begann. Er hieß Samson Gideon, und es gelang ihm, der Rothschild seiner Zeit zu werden. Er selbst blieb zwar Jude, ließ aber seine Kinder taufen und. erlangte für seinen ältesten Sohn den Baronetstitel von Walpole. Je mehr die Einzelnen Erfolge erzielten, umso stärker war der Zuzug, zumal aus Norddentschland, vom Rhein und aus Holland. Aus diesem Lande führten die Einwanderer u. A. die Diamantenschleiferei ein,! die heute noch in einem besonderen Theile Londons stark getrieben wird. Im Jahre 1753, also hundert Jahre, nachdem man die Einwanderung stillschweigend geschehen ließ, ward der erste Versucv gemacht, den nun schon ziemlich zahlreichen und jedenfalls einstmsreichen Inden eine gesetzliche Heimatsberechtigung zu geben. Eine Parlamentsacte zu diesem Zwecke paflirte beide Häuser, und zwar sogar mit einer ansehnlichen Majorität. Diesmal hatten auch selbst die Erzbischöfe ihr Votum zu Gunsten der Nichtchristen abgegeben! Aber es zeigte sich dort damals ebenso, wie viel später in anderen Ländern, dass man eine Anerkennnng, eine Gleichstellung auf dem Papiere wohl festsetzen, deren Gewährleistung und Ausführung aber der Menge nicht befehlen kann. Die untere Geistlichkeit murrte laut über die ,unchristliche Gesinnung" ihrer Erzbischöfe; vor Allem aber war es die City von London, mit ihrem Lord Mayor an der Spitze, die freilich durch die neuen Concurrenteu am meisten bedroht gewesen sein dürften, die sehr aufgebracht sich zeigten. Der Ton, den die Metropole ange!chlagen hatte, fand im ganzen Lande so lauten Widerhall, dass die Acte zurückgenommen werden musste! ' Der nächste ernstliche Schritt zur Anerkennung geschah erst im Jahre 1830, als ein Mr. Grant den Antrag stellte, die ,Civil disabilities of the Jews* aufzuheben. Der Antrag siel, um 1833 neu eingebracht dnrchzugehen. Viel hatten zu dieser Aenderung der Meinung im Parlament die Schriftsteller beigetragen, vor Allem der Historiker Macaulay, der 1831 einen seiner klassischen Essays dem Gegenstände gewidmet hatte. Auch bei der Berathung selbst warf er seine Beredtsamkeit für die Unterdrückten und die ihnen zu erweisende Humanität in die Wage und trug wesentlich zum Durchgehen der Bill bei. In der Theorie, stand nun die Berechtigung der Juden fest, das höchste Recht, das der Brite kennt, in Anspruch zu nehmen — sich ins Parlament wählen zu lassen. Aber wieder lag die Ausführung nicht bei der gesetzgebenden Macht, sondern in den Händen der Menge, der Wähler. Verschiedene Versuche einzelner Israeliten, ein Mandat zu erhalten, mißlangen. Da war es eben die City von London, die .1753 die Acte zu Gunsten der Juden zu Fall gebracht hatte, welche 1847 Sir Lionel Rothschild zu ihrem Nevaber 01 Parliament wählte; gleichzeitig siegte ein jüdische Candidat, Mr. Salomon, in Greenwich. Aber noch konnte der Eintritt in die Räume des Parlaments nicht stattfinden; die Eidesformel der Abgeordneten enthält die Worte: ״upon the true faith of a Christians (auf den wahren Glauben eines Christen), und sie bildeten einstweilen ein unübersteiglicheS Hindernis. Alle Anträge, sie zu ändern, d. h. sie für Nichtcbristen ausfallen zu lassen, sielen durch, denn die Zähigkeit, mit welcher der Brite die Verfassung in allen Einzelheiten vertheidigt, sucht ihres Gleichen. Nach und nach wurde die Minorität bei dem alljährlich neu eingebrachten Anträge geringer, bis endlich elf Jahre nach der ersten Wahl, 1858. unter dem Ministerium Derby der Chaneelor of the Exchequer (Schatzkanzler) Benjamin D'Jsraeli. der spätere Premier und zum Lord! Beaconssield erhobene Staatsmann, die beiden gewählten Juden einführen konnte. Ihm, dem politischen Führer der Tories, war es gelungen, seine Partei für die Sache zu gewinnen. Seitdem sind wiederholt Israeliten in's Parlament gewählt worden und fast alle stimmen mit den Conservativen. Und wieder ist es ein Tory-Minister, der den einzigen Schritt, der noch zu tbun übrig blieb, gelhän hat; er führt den Chef des Welthauses in das Oberhaus ein, in diese ihre Exclusivität wegen von den Liberalen so bitter angefeindete höchste Corporation des Landes. Wahrlich, Vorurtheile, und hätten sie die Dauer von Jahrhunderten, schwinden und der Fortschritt geht seinen Gang, langsam, aber sicher. Das Princip: »Lasst uns versuchen, waschristliche Duldung vermag, da wir mit Feuer und Schwert nichts ausgerichtet haben", ist in England nun in vollem Umfange bethätigt worden. Möge es sich bewähren! Das Ghetto in Rom. Von Robert de Fiori. Das gegenwärtige Rom ist die schönste Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts; jeder freie Geist hat seinen Antherl daran und muss über den Triumph frohlocken, den hier die neuen Ideen gegen eine sinstere, mittelalterliche Gewaltherrschaft unzweifelhaft erringen werden. Der Kampf richtet sich gegen Alles, was der vollen Entfaltung der gesellschaftlichen Freiheit sich entgegenstellt; es ist nicht ein Kampf gegen die Religion, es ist nur ein Kampf für das menschliche Gewissen, gegen den Aberglauben, die Ungerechtigkeit, die Unwissenheit. Und ebenso wie er die Klöster der Bettel״ Orden und die Burgen des Lehenadels erfasst und zerschmettert, ebenso reißt er die Zeichen der gesellschaftlichen Unduldsamkeit zu Boden und schreitet sicher und segenspendend über sie hinweg.. Eine gewisse Classe unter den Gelehrten und Künstlern murrt und grollt zwar ob dieses erbarmungslosen Waltens, die Mensch» heit ist jedoch nicht eine Anima vilis und nicht zum Zwecke archäologischer Forschungen geschaffen, sie hat ihr Recht und ihren Zweck in sich, und ihre Bedürfniße sind das oberste Gesetz, dem Alle sich beugen müssen. Mit den Künstlern aber steht es herzlich schlecht, die ihre Zeit nicht begreifen und ihrem verhängnisvollen Gange sich entgegenstemmen möchten. Jeder von ihnen müsste mit dem Dichter sagen: Ich weiß, dass mir nichts augehört, Als der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen, Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein günstiges Geschick Von Grund aus lässt genießen . . .

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