Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 33 (30.9.1885)
- Date
- 1885-09-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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3 Jahre zahle», darf uns etwas geboten werden, umsomehr, als die Agende bei Constituirung des Vereines zugesichert wurde. Und sind denn sämmtliche Cantoren nicht im Stande, ein Recitativ, gewissermaßen eine einheitliche Basis herzustellen, damit ein einheitlicher Vortrag angebahnt werde und die Cantorenschule erspart bleibe? Seht, Ihr Herren, diesen Vorwurf macht man Euch. und Ihr widerleget ibn nicht, dieser Vorwurf wird Euch immer auhaften, und Ihr werdet finden, dass ich den wunden Punkt des Vereines berührt habe. In Form von monatlichen Gratis- Musikbeilagen muss die Agende erscheinen, und jeder Cantor sott eine Ehre darin erblicken, Mitarbeiten zu können. Selbst Arbeiten, die fehlerhaft sind, sollen angenommen und corrigirt werden, jedoch möge man sich nur auf Recitative beschränken, da es der Gesänge ohnehin genug gibt. Dies wäre -der erste Schritt zur Besserung, versuchet ihn, und es wird keines klagenden Leitartikels in Zukunft bedürfen.' E i n C a n t o r. Wir sind wahrhaftig im Zweifel, ob diese Aufforderung zur Beffernng an uns oder den VereinSvorstand gerichtet ist, da dem geehrten Herren College» Cantorenverein und Cantorenzeitung, Vereinsvorstand und Nedaelion ganz identische Begriffe zu sein scheinen, wir nehmen jedoch an, sie sei an unserer Adresse gerichtet und wollen darum die Antwort nicht schuldig bleiben. Die Idee eines Agendenbnches, in dem Sinne des Autors, ist gewiss eine sehr löbliche, aber sie wird auf dem Wege, den der geehrte Einsender vorgeschlagen hat, niemals realisirt werden. Diese Behauptung ist recht traurig, aber sie entspricht leider den Thatsachen. Die Nedaction dieses Blattes hat fast zwei Jahre hindurch allmonatlich Musikbeilägeu — zum größten Theile Gratisbeilagen — herausgegeben und aus diese Weise die geehrten College« zu gemeinsamer Thätigkeit, zu ersprießlichem Wirken anzuregeu versucht. — Was war der Erfolg? Die erste Zeit Begeisterung, kurz nachher die alte Todtenstarre. Forschen wir aber nach der Ursache dieser so oft dokumentirten Theilnahmslosigkeit der Cantoren an den gemeinsamen Interessen, so sinden wir sie darin gelegen, dass nur sehr wenige College» an sich die Frage stellen: Was bin ich meinem Stande schuldig? Sie fragen vielmehr, wie der geehrte Herr Einsender: Was wird mir vom Vereine, was von Der Zeitung geboten? Doch auch daraus finden wir eine Antwort. Die Cantoreu-Zeitung hat einen Verein gegründet, sie hat die Cantoren zu gemeinsamen Streben zusammengeführt, sie hat das Standesbewusstsein gehoben, hat die Rechte und Interessen der Cantoren jederzeit mannhaft ve'rtreteu, und vielleicht auch manchmal Belehrung und Aufklärung in die Kreise der Berufsgenossen getragen. Und dies Alles für fünf Gulden jährlich. Und der Cantorenverein? Der braucht für jetzt nichts zu bieten, dem muß geboten werden, damit er gedeihe und erstarke. Wem für jetzt nicht das Bewusstsein genügt, einem Vereine anzugehören, der jetzt schon den Cantoren zur Ehre gereicht, in Zukunft aber auch außerordentliche Erfolge bringen wird, und wen dieses Bewusssein nicht zu regster Theilnahme aneifert, der ist für die gemeinsame Sache längst verloren. Nun denn, in kürzester Zeit wird Jedermann documentiren können, wie viel ihm an derselben gelegen ist. Die von Vielen heiß ersehnten Sammelbögen sind bereits fertig gestellt und schon in der nächsten Woche wird jedes Mitglied im Besitze derselben sein. Mögen nun die Herren Collegen beweisen, was sie zu leisten im Stande sind. Die Juden in . England. Aus der ״Bohemia". (Scbluss.s . Ein Jahrhundert der Qualen und Martern folgte; Alles war denen erlaubt, die Rache und Habgier an den Juden zu bethätigen Lust hatten. Mit hohen Steuern und Abgaben hatten sie sich das Dasein zu erkaufen, aber es ward auch dadurch kein gesichertes. Da gelang es im Jahre 1290 der Königin-Witwe Eleonore bei ihrem Sohne Edward I. ein Verbannungsdecret durchzusetzen, das Alle ohne Ausnahme trat, die sich zum mosaischen Glauben bekannten. David Hume sagt in seiner »Geschichte Englands', der König habe beschlossen, das Land von der verhassten Race zu reinigen, und sich als Lohn für diese Mühe das jüdische Eigentbum zug^legt. Nur das Reisegeld sei Jedem gelassen worden; aber auch dieses ward ihnen geraubt, so dass von den mehr als 16.000 Vertriebenen Hunderte im Angesicht der See umkamen, die zu überschreiten ihnen die un• bezahlt bleibenden Schiffseigenthümer verwehrten! Wenn 'die Engländer vor wenigen Jahren vertriebene russische Judenschaaren liebevoll aufnahmen, sie entweder im Lande selbst versorgten,, oder ihre weitere Reise nach Amerika ermöglichten, so sühnten sie damit nur eine gleiche Versündigung ihrer Vorfahren, wie jetzt die Russen sie begingen. Der sarkastische Hume meldet übrigens, der König Edward habe, ,um der einzig berechtigte Plünderer in seinen Staaten zu bleiben', diejenigen mit harten Strafen belegt, welche den Unglücklichen das Letzte nahmen und dadurch ihre Rettung unmöglich machten. Nun war das Ideal erreicht — es befand sich von 1291 bis 1650 kein einziger Israelit innerhalb der Grenzen Englands. Ihre Wiederzulassung fällt in die Zeit Miltons und Cronuvetts. Die Frömmigkeit des Protectors, obgleich mit Muth zum. Kampf gegen die Unterdrücker gepaart, hatte den Juden gegenüber, eben weil sie wie die Protestanden Unterdrückte waren, auch nicht die mindeste Znthat von christlichem Fanatismus. Sein strenges, ja starres puritanisches Christentbum hinderte ihn nicht, Verbandlungen mit dem berühmten Talmndlehrer Menasseh den Israel zu führen, und 1650 und drei Jahre später Petitionen in dieser Sache an das Parlament zu richten. Eine Zurückberufüng der Juden durch den Parlamentsbeschluss ward zwar nicht erreicht, dazu war der allseitige Widerstand noch zu gewaltig, aber man beschloss, der Wiedereinwanderung kein Hindernis entgegen zu stellen. Die portugiesischen Juden, die sich stets als über ihren Glaubensgenossen anderer Nationalität stehend betrachteten, gleichsam als den Ade! ihres Volkes, waren die Ersten, die sich in London niederließen. Ihnen folgten die deutschen; beide Gemeinden bauten sich Gotteshäuser und Schulen, und als die Stuarts ׳auf den Thron zurückkehrten, fanden sie die Juden fest angesiedelt. Es scheint sogar, dass Carl II. und sein lebenslustiger Hof diese Erbschaft aus der Zeit der Republik nicht ungern antraten; die geschäftlichen Beziehungen zwischen den permanent Geldsuchenden und denen, die es verliehen, stellten sich sehr rasch her. Nun nahm man zwar gern das, was jene hatten, aber die Stellung auch der Neichen unter den Juden blieb eine untergeordnete. — Als nach der zweiten Revolution Wilhelm von Orauien den Thron bestieg, fanden seine israelitischen Unterthanen einen milden Herrscher in ihm; er bewies dem ganzen Stamme die Dankbarkeit, die er einem aus demselben, Suasso mit Namen, schuldete, der ihm zwei Millionen Gulden zu seinem Zuge nach England vorgestreckt hatte. Wilhelm erleichterte ihre Lage nach