Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 32 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Dauer gelöst, denn es liegt im Charakter der englischen Nation, das einmal gesetzlich Festgestellte auch voll und ganz zu respectiren. Es war im Zahre 1847, als Sir Lionel Notbschild und ein Mr. Salomon als die ersten Juden ins Parlament gewählt wurden. Ich hielt mich eben damals in England auf und entsinne mich sehr wohl der Bewegung, welche die Sache hervorrief. Ich habe dieselbe seitdem nie aus den Augen verloren und mich viel mit der Vorgeschichte beschäftigt, aus der ich nur in kurzen Zügen das Wichtigste mittheilen will. So viel weiß, zog Wilhelm der Eroberer die ersten Juden aus der Normandie herüber; sie waren zn jener Zeit Aerzte, Lehrer und Bewahrer der Wissenschaft. Wilhelm und ebenso seine ersten Nachfolger aus dem Hause Plantagenet waren ihnen gewogen, aber 1yit der Thronbesteigung Richard Löwen- Herz' begann ihr Unglück. Die schwärmerische Begeisterung, der die Kreuzzüge entsprangen, wirkte ungünstig auf die Stimmung des Volkes zurück, das seinen Hass nicht nur auf die Ungläubigen, sondern bald auch auf die Juden übertrug. Es bedurfte nur eines zündenden Wortes, um den Hass in Flammen ausbrechen zu machen. Dieses Wort, sprach der Erzbischof von Canterbury, indem er König Richard rieth, die Geschenke zurückzuweisen, welche die Juden des Reiches nach altherkömmlichem Gebrauch dem Könige anlässlich seiner Krönung darbrachten. Der König befolgte den Rath und verweigerte nicht nur die Annahme der Geschenke, sondern verbot den Abgesandten seiner jüdischen Unterthanen sogar den Eintritt in den Schlosßhof von Westminster. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht und mit ihr entstanden allenthalben die schrecklichsten Lerfolguugeu der Juden. Vor wenigen Jahren noch würden die so plötzlich sich verbreitenden Anklagen in Bezug auf Christenblut, welches die jüdischen Ceremonien in der Osternacht verlangten, uns nnglaublich geschienen haben; wir hätten uns gesträubt, die Gräuel, welche nun folgten, in vollem Masse als wahr zu betrachten. Aber wir haben ja leider selbst Ansbrüche eines schrecklichen Fanatismus erlebt; wir haben es selbst erfahren, wie rasch die Völker durch die geringste Kleinigkeit Ideen ausnehmen und verbreiten, die im höchsten Grade verhängnisvoll werden können. Recht hohe Geldansprüche und sehen auf eine reiche Miscbpoche, große Socbrim, und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Meine Tochter ist ein bescheidenes, gebildetes Mädchen und wird Reb Chajim's Sohn, der jetzt aus der Jescbiwa gekommen ist, und sich ein Ledergeschäst einrichtet, zum Manne nehmen, mög' ihr Hascbem jisborach, masol und oracb joinim mit ihrem zukünftigen Mann geben. Amen. Und darum Herr Cantor — Sie haben ja keine bösen Absichten — fetzen Sie meiner Ruth nicht, ohne es zu wollen, Raupen in den Kopf." ״Ncb Beitel, kein Wort weiter! Ich verstehe Sie und weiß, was ich als Sebeliach Zibbur zu thun habe. Ich werde meine Besuche bei Ihnen nicht abbrechen, aber auch Sie sollen fernerhin keinen Kummer haben, nur müssen Sie mir Ihre Nutb zur Frau geben." ״Wie mich armen Lamdon wollen Sie zum Schwiegervater?" ״Einen Braveren kann ick niemals bekommen. Ncichthnm mackt mich nicht glücklich, wohl aber die Liebe ihrer Tochter. Sie sprach zu mirr ״Wohin Du gehst, dahin will auch ich ziehen." Hier mein Wort." Mit herzlichem Händedruck gab der Dajin seine Einwilligung und führte den wackeren jungen Mann seiner Tochter zn. Kurz daraus trat Cantor H. sckou als glücklicher Gatte der lieblichen Ruth seinen neuen Posten in N. an. Untersuchungen, Verurtheilungen und Blutgerichte folgten nun Schlag auf Schlag, aber nicht nur im Einzelnen, sondern im Großen betrieb man die Ausrottung. Wie man später in Frank» reich unter Carl dem Neunten mit den Hugenotten in einer einzigen Nackt anfräumen wollte, so geschah es auch hier. Bekannt ist der Vorgang in einer solchen Mordnacht in Port, wo sich die ganze Judengemeinde, ihren Rabbiner an der Spitze, heldenmnthig unter den Trümmern ׳des Castells begrub, da eins Netiung unmöglich geworden war. (Schluss folgt.) Kleine Chronik. Wien. Die Israelitische Allianz zn Wien entfaltet eine culturelle Thätigkeit in Galizien, sie hat sich die Errichtung von Schn׳ len, sowie die Förderung des Handwerkes und des Ackerbaues unter der galizischen Judenschaft zum Ziele gesetzt. Ueber den gegenwärtigen Stand dieser Thätigkeit liegt nun ein Bericht des Vereinssecretärs Dr. Friedländer vor, der vor Kurzem von einer mehrwöchentlichen, im Aufträge der Israelitischen Allianz unternommenen Studienreise nach Galizien znrückgekehrt ist. Der Bericht, über welchen demnächst der Vereinsvorstand berctthen wird, constatirt zunächst den günstigen Erfolg der neucrrichteten oder subveutionirten Schulen,, in welchen den jüdischen Kindern nebst der Unterweisung im Hebräischen der Unterricht in den übrigen Lehrgegenständen ertheilt wird. Es sind j dies die Schulen in Sablocic, Lemberg, Brody, Stry und Bolechow. Für die Errichtung einer solchen Schule in Stanislau sind die Einleitnngen bereits getroffen, und der Bericht befürwortet die Gewähruug einer Subvention von 4000 fl. jährlich auf drei. Jahre für die Zwecke dieser Schule. Was die Förderung des Handwerkes betrifft, so betont der Bericht die dringende Nothwendigkeit der Errichtung einer eigenen, mehrere Werkstätten umfassenden Handwerkerschule für jüdische Zöglinge, da die christlichen Meister jüdische Zög linge nicht aufnehmen wollen. Die Anstalt müsste nach dem Muster der Skarbek'schen, für christliche Lehrlinge gestifteten Handwerkerschule in Drohowice (bei Mikolajow) eingerichtet werden. Man brauchte vorerst nur mit den vier in Galizien wichtigsten,, von Zuden nur wenig oder schlecht gehandhabten Gewerben: dem Schmiede-, Wagner-, Schlosser- und Tischlerhandwerke, zu beginnen, ein Internat für 50 bis 100 Zöglinge einznrichten und externen, zahlungsfähigen Zöglingen die Aufnahme zu ge'tatten. Die jährlichen Kosten für 100 vollständig zu erhaltende Kinder würden sich aus 16- bis 16,000 Gulden belaufen. Der Bericht schließt mit dem Apell, es möge sich ein Wchlthäter finden, der eint» Stiftung zur Gründung einer solchen Handwerkerschnle machen würde. In Betreff der Zuführung der jüdischen Jugend zum Ackerbau, welchem Gegenstände der Vereinssecretär aus seiner diesjährigen Reise sein Hauptaugenmerk zuwendete, ist ein wesentlicher Schritt geschehen, indem eine größere Zahl jüdischer Grundbesitzer und Pächter für die Idee ge- Wonnen wurde, Knaben im Alter von 15 Jahren aufwärts in Gruppen von je 6 bis 10 auszunehmen, um sie zu tüchtigen Feldarbeitern heranzubilden. Eine Versprechung der auf dem Markte zu Ulaszkowce in Podolieu versammelten jüdischen Gutsbesitzer und Pächter hatte zur Folge, dass 30 derselben sich sofort bereit erklärten, zusammen 248 Kinder aufzunehmen, und führte zu einem schriftlicheu Uebereinkommen, wonach die Gutsbesitzer für die Erhaltung, sowie die Ueberwachung der von ihnen für den Ackerbyu aufgenommenen Knaben in moralischer und religiöser Beziehung, die Israelitische Allianz hingegen für die Bekleidung und den Unterricht der-׳ selben zu sorgen haben. Es werde nun Aufgabe der׳ Israelitischen Allianz sein, möglichst bald Circulare an die galizischen Gemeinden