Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 32 (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Edward Hyne die Behauptung aufgestellt, die Bewohner Englands stammten von den »verlorenen zehn Stämmen Israels' ab, welche aus der assyrischen Gefangenschaft nach Palästina nicht heimkehrtcn. Die gewagten Schlüsse so wenig, wie mehr oder weniger gelehrte Widerlegungen haben es verhindern können, dass Tausende und aber Tausende sich mit dieser Hypothese beschästigen und die meisten von denen, die es lhuu, glauben steif und fest an ibre semitische Abstammung und sind stolz daraus! Bor mir liegt ein Blatt, ״The Banner of Israel“, das ich mir in einer der belebtesten Straßen Glasgows vor ein paar Jahren verschaffte. Eine Buchhandlung war förmlich belagert von Abonnenlen, die sich die neueste Nummer des wöchentlich erscheinenden Blattes abholten. Eine ganze Reihe Equipagen und Hunderte von Fußgängern warteten geduldig, bis das ersehnte Blatt zu bekommen war. Man hätte glauben sollen, es handle sich um die größten Dinge, wenn man den Andrang sab, und um der Merkwürdigkeit willen suchte auch ich ein Exemplar zu erhalten. Aus acht Seiten enthält es Aussätze und Nachrichten, die alle dazu dienen sollen, die semitische Abstammung der Engländer zu beweisen. Sogar die unvermeidlichen Annoncen der letzten Seite betreffen fast nur Bücher und.Broschüren, die demselben Zwecke dienen. Schon die Titel sagen genug; da heißt cs: »Historische, ethnologische und philologische Beweise für unsere Identität mit den zehn Stämmen Israel.' ,Die Zukunft Israels Md Judas.' »Die Geschichte deS Hauses Israel, oder wie sie verloren und gefunden wurden. Für die Jugend erzählt.' Dann Wieder: ״Ist nicht die Königin Victoria aus dem königlichen Hause Davids entsprossen und sind nicht ihre Unterthanen die verlorenen zehn Stämme Israels?" In der ersten Schrift von .Hyne, von d r ein Exemplar des hundertcinundachtzigsten Tausends mir vorliegt, will der Verfasser durch 47 Bibelstellen den Beweis führen, dass der Stamm Dan sich in Irland niederließ, dass die Bewohner von Wales ein zweiter jüdischer Stamm, die Bewohner von Süd-Irland die Kanaaniter, die Amerikaner der Stamm Manasse sind! Wie bereits aus jenem Buchtitel zu ersehen, führen diese Leute allen Ernstes den Stammbaum der Das schwarzäugige Töchterlein rückte einen vierten Stuhl an den Tisch und unser Cantor musste sicb unter die Familie hinsetzen. Bald wurden Erfrischungen herumgereicht, auch ein Gläschen Wein kreiste um die kleine Tafelrunde, die sich in fröhlichster Stimmung befand. »Aber solche Umstände Reb Veite!'! — »Wenn der Herr Cantor uns nur öfter die Ehre geben wollte, auf ein Gläschen Wein wird's immer reichen. BsebHirn Herr Cantor'! Hammerstein schlürfte den köstlichen Wein und trank auch der schönen Haustochter zu, deren lebhafte und geistreiche Conversation ihn besonders entzückte. Aber so mächtig auch die schwarzen Augen der holden Ruth auf ihn einwirkten und ihn Ln süße Seligkeit zu versetzen geeignet waren, so fühlte er sich dennoch beengt und gedrückt, da ihn ein sehr ernüchtender Umstand zu dem heutigen Besuche bei Neb Beitel veranlasst hatte. Frau Beitel, eine kluge Frau, mochte so etwas merken und meinte, die Herren wollen gewiss jetzt ein Bischen »Thora schmusen', worauf, sich die Damen znrückzogen. Als nun die beiden Männer allein waren, machte H. feinem Herzen Luft und ließ sich also vernehmen: ,Lieber Reb Beitel, weshalb ich eigentlich zu Ihnen gekommen bin' — ,Nun, nun mein verehrter Herr Cantor, womit kann ich dienen'? — »Ich brauche ganz nothwendig 50 Thaler'. — ,Ei, bin ich auch nur ein bekoweter Mann — dem Schmerz lässt sich abhelfen. Zahlen Sie die Summe in kleinen Raten ab. Hier, 50Thaler! — Königin Victoria bis David hinauf und erklären den uralten Krönungsstein in der Westminfter-Abtei für »Jacobs Stein' den die ausziehenden Israeliten als Heiligthum Mitnahmen. Sogar das englische Wappen muss herhalten, um die Wahrheit dieser Ansicht zu bekräftigen; bekanntlich wird es durch einen Löwen und ein Einhorn gehalten; das seien, so sagen diese Archäologen, der »Löwe von Judäa' und das »Einhorn Israels'. Natürlich wird auch die strenge Sonntagsfeier der Engländer als ein Erbtheil der Voreltern angeführt. Auch die Sprach- Wissenschaft ist herangezogen worden und behauptet man, mehr als fünfhnnderre hebräische Wurzeln in der englischen Sprache gefunden zu haben. Goldschmuck, in Irland ausgegraben, wird als genau der assyrischen Arbeit entsprechend ins Treffen geführt; ebenso Hunderte von biblischen Prophezeiungen, die, wie die Bersechter dieser Annahme behaupten, erst dadurch verständlich, d. b, ihres sich einander widersprechenden Charakters entkleidet würde», dass man die einen, die glückverheißenden Israel — also den Engländern und Amerikanern — die andern von Zerstörung und Zerstreuung weissagenden Juda — also den heutigen Juden geltend betrachte. Dies möge als Probe der Bestrebungen genügen. Jedenfalls ist eS charakteristisch für die Engländer und ihre Beziehungen zu den Juden, dass gerade in einer Zeitströmung, wie sie auf dem Festlande herrscht, diese Sache so große Verbreitung sinden konnte. So gut wie heute ist es aber den Juden nicht immer geworden, wo ihnen Antheil an allen verfassungsmäßigen Rechten gewährt ist, und wo ihnen die allgemeine Gesinnung der Bevölkerung zur Seite steht. Die Geschichte der Entwicklung der heutigen Zustände weist der dunkeln Blätter genug auf, aber sie ist, wie das in einem Lande mit seit Jahrhunderten scharf ausgeprägtem Verfassungsleben nicht anders sein kann, vorzugsweise auf polirischem Gebiete, auf dem Boden der Verfassung vor sich gegangen. Sie hat alle Stadien einer Verfassungsfrage durchgemacht, wie z. B. heute die Landfrage in England an der Tagesordnung ist; sie hat große Schwierigkeiten zu besiegen gehabt; da diese aber überwunden sind, ist sie auch auf die Sie sind ein strebsamer Mensch. Ihr Mühen wird Anerkennung sinden und auch Ihre äußere Lage wird sich bessern. Nehmen Sie das Geld! Kein Mensch erfährt etwas davon, nicht einmal meine Frau". — Erst kurz vor Mitternacht nahm der Cantor Ab-- -schied, gerührt von dem wackeren Sinne des Dajin und mit dem angenehmen Gefühle, hier aufrichtige Freundschaft gefunden zu haben. Der Cantor verkehrte nun oft und gern bei Reb Beitel, namentlich gern mit Ruth, mit welcher er Clavier spielte, Lieder sang, Clasiiker las, kurz einen recht herzlichen Verkehr anknüpfte.. DaL hatte etwa ein halbes Jahr gedauert, als eines Morgens, während unser H. über seinen Büchern saß, geklopft wurde und Neb Beitel mit sehr ernster, feierlicher Miene hereintrat. ״Mein lieber Herr Cantor/, begann er gemessen, ״es ihut mir leid, wenn ich störe, aber" — ״Um Gotteswillen"! dachte Hammerstein, ״der wird mir doch nicht schon den Pump aufkündigen"! — ״Womit kann ich Ihnen denn dienen, Reb Beitel"? fragte er dann mit angenommener Heiterkeit. ״Herr Cantor! Sie wissen, dass ich Sie gern in meinem Hause sehe und meine Frau und Ruth — ״Nun Ihre Frau und Fräulein Ruth"? fiel H. verwundert ein. ״Ja, Ruth — das ist es eben, die sieht Sie zu gern, die will von keinen Schidduch hören, sie denkt daran, Frau Obercantor Hammerstein zu werden. Da Sie aber mit 1000 Thaler Gehalt in N. angeftellt find, wird sich ihre Hoffnung niemals erfüllen, denn Sie machen jetzt gewiss mit