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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-09-06 · Heft 31 (6.9.1885) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 31 (6.9.1885)
Date
1885-09-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — Stellung in der Gesellschaft errungen, weil sie sich ihr gänzlich couformirten, oder ob sie nur dadurch sich ihr überhaupt so ganz nachbilden konnten, weil sie in derselben längst als völlig gleichstehendvbetrachtet werden — das zu entscheiden möchte sehr schwer werden, Ursache und Wirkung lassen sich nicht mehr unterscheiden. Genug, die Thatsache steht fest, dass Israeliten, sobald sie das sind, was der Brite gentleman und lady nennt, genau so viel Geltung haben in den Kreisen, in welchen sie verkehren, wie die Christen. Sieht man nun von den gebildeten Elasten ab und betrachtet jenen Theil der Israeliten, wie er beispielsweise in London in Houndßditch und Pettycoat Laue in größter Armuth seine Geschäfte betreibt, so können wir selbst hier nicht stnden, dass ans die Leute eben als Juden herabgesehen wird. Sie stehen allerdings ans sehr niederer Stuse in Bezug!-aus Armuth und Schmutz, aber doch nicht so lies wie die Znsasten der von Irländern bewohnten Quartiere großer englischer Städte, auf den der Wohlhabende jedensalls eben so herabsieht. Selbst in diesen untersten Kreisen hat der Jude nicht zu leiden, weil er Jude, sondern weil er arm ist. Uebrigens ist cs allgemein anerkannt, dass die reichen Israeliten sür diese verkommenen Glaubensgenosten sehr viel thun. Schulen und Stistungen, Kranken- und Pfründner- Häuser bestehen in Menge, unterhalten von jenen Israeliten, die mit Glücksgütern gesegnet sind. Vor Allem strebt man dahin, die Heranwachsenden dem Arbeiter- und Handwerkerstande zuzusühren, die eher ein Emporkommen gestatten, als der Schacher mit den oft elendesten und verbrauchtesten Dingen. Unter den Handwerkern stndet man übrigens ebenfalls Israeliten, und zwar unter den Schmieden,:Schlossern, Glasern, Uhrmachern, Goldschmieden u. A. Kurz, der Jude steht im ganzen Lande auf derselben Stufe wie der Christ, der ihm an Erziehung, Lebenssphäre, Beschäftigung gleich ist. Nirgends ist eine Animosität bemerkbar, die dem Juden als solchem gälte. Eine Probe vom Zusammenleben gab mir einst eine Versammlung, welche die Juden einer großen schottischen Handelssich der Erfüllung dieser Pflichten. Vergessen war das Herzleid, das noch vor wenigen Stunden sie übermannt batte, und all ihr Sinnen und Thun richtete sich auf die Sorge für die Erhaltung dieses theuern Lebens. — Während der Nacht übernahm die zuverlässige Taube den Platz Iudits, damit sie ein wenig : der Nuhe pflege, um am Morgen wieder gekrästigt der Patientin zur Seite steben zu können. Die Krankheit währte in demselben Stadium 7 volle Tage; Dr. Mendelssohn wendete der Kranken seine volle Aufmerksamkeit zu und leistete, so viel in seinen Kräften stand. Er bereitete Zudit auf die Krisiv vor, die bis zum neunten Tage eintreten müsse. »Stehen Sie mir wacker zur Seite, liebes Fräulein", ׳ sprach er, »und mit der Hilfe des Allmächtigen wollen wir die höchste Gefahr zu bannen suchen. Nehmen Sie aber oft die Hilfe der treuen Dienerin in Anspruch, damit Ihre Kräfte Sie nicht verlasten. die aufmerksamste Pflege Ihrer theuern Großmutter zu Theil werden zu lasten. Dies ist der wohlgemeinte Nach des Arztes, der auch die Pflicht hat, der edlen Pflegerin ein warnendes Wort zur Erhaltung ihrer eigenen Gesundheit zu sagen." Ein Blick der innigsten Theilnahme begleitete didse Worte und auf Zudit machten dieselben in ihrer Erregtheit einen sonderbar beruhigenden Eindruck. (Schluss folgt.) stadt alljährig abhalten, um ihre Angelegenheiten zu beratben, Berichte über das Vorjahr anzuhören u. s. w. Der Lord Provost, d. h. der Oberbürgermeister, präsidirte dem Meeting und alle Welt schien einen solchen Vorgang ganz natürlich zu finden! Dass man in einem Lande, wo bei allem kirchlichen Eifer im politischen Leben alle Neligionsnnterschiede gleich Null sind, der öfteren Gelegenheiten über Zwecke und Ziele einer Agitation, wie Stöcker, Henerici v. A. sic treiben, interpellirt wird, ist wohl begreiflich. Nicht minder aber, dass man mit den Erklärungen darüber in arge Verlegenheit gerätb, denn der christliche Stand- Punkt Stöcker's z. B. ist dem vorwiegend praktischen Engländer ganz unverständlich. ,Was wollen diese Herren?" fragt man׳ »Sie können die Juden doch nicht alle ausweisen; sie müssen mit ihnen leben, und wenn das der Fall, warum nicht in Frieden?* — Ein viel gereistes Parlamentsmitglied sagte mir einst: »Ich habe Israeliten in vielen Ländern beobachtet; sie sind nirgends etwas Anderes, als wozu ihre christlichen Mitbürger sie gemacht haben; das serbische Sprichwort hat Recht, indem es sagt: .Jedes Land hat die Inden, die es verdient.," (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. (Orig.-Corresp.) Am 30. August ist der Director der Talmud-Thora-Schule, Herr Wilhelm Löwit, gestorben. Der Verblichene, welcher die Anstalt durch viele Jahre leitete und sie durch rastlose Thätigkeit von der alten Chederschule auf das Niveau der modernen Volksschule brachte, erfreute sich in Folge seines umfangreichen Wissens, pädagogischer Kenntniße und seines makellosen, religiösen Lebenswandels, in allen Kreisen der Gesellschaft der größten Beliebtheit. Dies bewies auch die zahlreiche Theilnahme am Leichenbegängniße, das Dienstag den 1. September vom Tranerhause aus stattfand. Daselbst hatten sich die Vorsteher der CnltuSgemeinde, Gemeinderath Gustav Simon und Dr. Kohn, die Vorsteher der Talmud- Thora sowie viele Freunde und Schüler des Verblichenen eingesunden. Nachdem Rabbiner Schorr und Lehrer Buxbaum dem Verstorbenen einen tiefgefühlten Nachruf gewidmet hatten, intonkrte Obercantor Singer unter Begleitung der Cantoren Fischer und Schiller sowie des Tempelchores in wahrhaft erhebender Weise die Trauergesänge, worauf die Leiche auf den Centralfriedhof überführt wurde. Hier hielt Rabbiner Dr. Güdemann die Grabrede, in welcher er auf die Verdienstc des Verblichenen und die mannigfachen Schwierigkeiten und Mühsale des Lehrerstandes, dem der Verblichene angehörte, hinwies. Hierauf executirte Obercantor Singer die n'tuellen Grabgesänge mit solcher Wärme, dass kein Auge trocken blieb, und unter diesen, feierlichen Klängen wurde die Leiche in's Grab gesenkt. Wien. (Orig.-Corresp.) Antisemiten aus Ueberzeugung gibt eS wenige. Es mag wohl manchen Nichtjuden geben, den das . Schicksal mit einem schlechten Juden in Verbindung brachte und der dann kurzsichtig genug ist, alle Juden nach diesem einen Muster zu beurtheilen. Die meisten Antisemiten betreiben jedoch den Judenhass ans Eigennutz und zu bekannten Nebenzwecken. Der Eine hat sich aus so manchem Gebiete der Oeffentlichkeit blamirt und glaubt, seine verblasste Popularität als Antisemit auffrischen zu können; der Andere gibt sich als Beschützer und Wohlthäter der armen Christen gegen die ״überhandnehmende Verjudung" aus, um Dextranen zu erwecken und sich an den für arme Christen bestimmten Wohlthätigkeits- Spenden zu bereichern (Verhovay); ein Dritter ist Antisemit aus dem einzigen Grunde, weil er dabei — wie man sagt — ,ein Geschäft macht". Einen solchen Antisemiten wollen wir heute unseren Lesern vorführen.

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