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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-09-06 · Heft 31 (6.9.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 31 (6.9.1885)
Date
1885-09-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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weinst Du?' Zwischen diesen drei Benennungen ist die zweite die fremdartigste. Wir wollen unser Augenmerk auf diese richten und sie dem Verständniße näher zu bringen jucken. Metaphern, wie ,Licht, Leuchte', finden sich im hebräischen Schriftthume häufig vor und wurden später von der heiligen Lehre ans deren Träger übertragen; dasselbe gilt auch von ,Hammer', und verweise ich diesbezüglich auf Tractat Sabbat 88, b. Etwas schwieriger hält es, den Beweis zu liefern, dass auch ,rechte Säule' denselben Sinn wiedergeben will- Salomo ließ vor dem Tempel zwei Säulen aufführen; er nannte die zur Rechten Jachin, und die zur Linken Boas. (I. Kön. 7, 21; II. Krön. 3, 17) Der Zweck der Säulen, sowie auch die Bedeutung ihrer Namen wird kaum fe ermittelt werden, um so weniger, als die Schrift selbst hier etwas unterdrückt hat. Ich sage unterdrück t, denn bei jeder Namensertheilung, sei eS bei lebendigen oder leblosen Dingen, wird stets der Umstand oder Grund angegeben, der Anlass zu dieser oder jener Benennung gab. Um nur eines Beispieles zu erwähnen: Nach erfochtenem Siege über die Philister errichtete Samuel einen Denkstein und nannte ihn .Stein der Hilfe'. Obwohl der Name selbst klar genug seine Bedeutung angibt, fügt die Schrift dennoch hinzu: denn er sagte: ,Bis hieher hat uns Gott ge- Holsen!' (I. Sam. 7, 12.) ' (Schluss folgt.) Die Juden in England. Aus der ״Bohemia". Die Thatsache, dass der Chef des Hauses Rothschild vom Ministerium Salisbury unter die ״R66r3 of the Realm“ auf. genommen ist, und als Lord Roth-tscheild — denn so sprechen die Engländer den Namen aus — seinen Sitz im Oberbause einnehmen wird, fordert zu einem Blick auf Lage und Stellung der Juden jenseits des Canals auf. In einer Zeit, in der man auf züglich den Doctor zu holen, eilte sie, so schnell sie ihre Füße zu tragen vermochten. Judit erwartete voll Ungeduld und bangen Herzens das Erscheinen des Arztes, der wohl erst kurze Zeit im Städtchen praetizirte, aber dennoch großes Vertrauen genoß, da es ihm bereits gelungen war, manchen schwer Erkrankten aus Lebensgefahr zu retten. Wenige Minuten waren verstrichen, und schon horte sie das Nahen eines männlichen Trittes. Ein leises Klopfen ,folgte, und vor ihr stand der junge Doctor Mendelssohn, dem Taube begegnet war, als er gerade von einem Pakienten kam. Mit vollem Vertrauen übertrug Judit diesem Arzte die Behänd» lung der so plötzlich Erkrankten und auf sein Befragen erzählte sie, dass sich die Großmutter gestern Abend gesund und wohlgemuth zur Ruhe begeben habe und ihr jetziger Zustand ganz plötzlich und unerwartet eingetreten sei. Das Flüstern erweckte Mirjam aus ihrem Schlummer und sie wendete ihr Gesicht den Sprechenden zu. Beide traten an's Bett, und der Doctor erkundigte sich nach ihrem Befinden.. Die Kranke klagte über Mattigkeit und Rückenschmerzen, als sie aber dem thränenfeuchten Blick Judit's begegnete, lächelte sie matt und sprach tröstend, dass sie sich recht bald zu erholen hoffe. Der Arzt prüfte Puls und Athem und seine ernste Miene verrieth nur zu deutlich, dass er die Krankheit für nicht unbedenklich hielt. Er gebot vor Allem die größte Ruhe und die aufmerksamste Pflege. Judit ordnete mit zitternden Händen die dem Festland in völlig entgegengesetzter Richtung Vorgehen möchte, in welcher man eine ganze Reihe unheilvoller Verbältniße und Zustände auf Emancipation und Ausbreitung der Inden zurückzuführen beliebt; eine Zeit, welcher man von einer Seite als das zu erreichende Ideal den von Juden verlassenen ,christlich-germanischen Staat' aufftellt, ist diese Standeserhöhung eines Israeliten doppelt intereffant, und regt dazu an. zu untersuchen, wie sich diese Verbältniße in Großbritannien so ganz anders alS bei uns haben entwickeln können. ,Mangel an christlicher Gesinnung' das heißt Gleichgiltigkeit, oder auch nur Toleranz in Glaubenssuchen, welche von Stöcker und seiner Partei dem modernen Staat vorgeworfen wird, möchte den Engländern schwerlich nachzuweisen sein. Hat doch ihr ,.christlicher' oder ,kirchlicher Sinn' — das Wort nach der Meinung Stöcker's angewendet — oft genug bis zur Engherzigkeit^ sich dargethan, und bestand doch neben der vollen, gewährleisteten Religionsfreiheit lange genug eine schroffe Trennung zwischen den verschiedenen Dissenteurs und der anglikanischen Kirche, von der sie ausgingen. Es wäre somit kein Grund vorhanden, gegen Nichtchristen anders zu verfahren als gegen solche, die einer anderen christlichen Secte angehören, und doch wird es jedem, der Großbritannien genauer kennt, auffallen, wie völlig die Gleichstellung durchgeführt ist. In der Gesellschaft der großen Handels- und Industriestädte verkehren jüdische Familien in Menge, und oft ohne dass der Schotte oder Engländer nur weiß, welcher Religion sie angeboren. Die deutschen Namen — meist Städtenamen auf ,heim' und ,bürg', welche die Endsilbe ,er' verloren haben, die uns Deut« schen die Abstammung von vorneherein bezeichnen, geben dem Enggländer eben nur den Begriff des Ausländischen, speciett des Deutschen. Diese Familien haben sich aber auch so völlig in die Sitten, die Gebräuche, die Art zu sprechen, zu leben und zu handeln hineingefnnden, ja es ist sogar der nationale Typus nicht mehr so unverkennbar vorhanden, so dass sie dem, was streng und unerbittlich in der englischen Gesellschaft gefordert wird, völlig Nachkommen. Ob sie, d. h. die gebildeten Judenfamilien, sich die Polster unter dem Haupte der tbenern Kranken, dann holte sie das Schreibzeug. Der Doctor verschrieb Medikamente und machte Judit genau mit der Verabreichung derselben vertraut. Nachdem er noch schließlich strenge Diät vorgeschrieben, verließ er tröstend das Haus, seinen zweiten Besuch auf Nachmittag versprechend. Taube ging aus und ein, um die Anordnungen Judit's entgegenzunchmen, und Letztere reichte nach Vorschrift des Doctors abwechselnd Erfrischungen und Medicin. Sie wich nicht vom Krankenbette und beobachtere genau den Verlauf der Krankheil. Zuweilen schien ihr der Schlaf, der häufig eintrat, ruhig, doch schnell änderte sich wieder der Zustand, und die Kranke wurde vom Fieber ergriffen und lag im Delirium; die erhitzte Phantasie rief nnzusammenhängende Worte hervor, dann legte Judit besänftigend eine Hand auf die Stirne der Kranken und mit der anderen streichelte sie liebkosend ihre Hände. Die Nachricht von dem plötzlichen Erkranken Mirjams verbreitete sich schnell im Orte, Verwandte und Freunde kamen, über das Befinden Nachfrage zu halten, doch Taube hatte den Auftrag, Jedem höflichen Bescheid zu geben, aber Niemanden vorzulassen. Nachmittags erschien der Arzt und eonstatirte wohl eine kleine Besserung, ermahnte aber zur strengen Vorsicht, da die Krankheit einen sehr ernsten Charakter anznnehmen verspreche. So hatte denn Judit die schwere Aufgabe, bange Stunden am Krankenlager der ihr theueren Person durchzuleben. Mit festem Muthe und ergeben in den Willen Gottes, widmete sie

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