Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 31 (6.9.1885)
- Date
- 1885-09-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Und ahnend nicht gewährt der Feind: Des Volkes ewige Verklärung. Das eh'rne Rom wird untergehn, Der Völker viel der Sturm verwehn, Doch Juda's Geist wird auserstehn . . י **), sei es, dass die Erhaltung der heiligen Stadt das Ziel seiner Wünsche hätte bilden sollen, genug, der Talmud will nicht in Folge dieser Errungenschaft der Weisheit Jochanans rühmlich gedacht haben. Wir müssen etwas früher in die Lebensgeschichte den Sakai's zurückgreifen, um auf die Lösung des Räthsels zu kommen, um so eher, als er sein Werk nur wenige Jahre überlebt bat ***), mithin die Tragweite seiner Schöpfung noch nicht zur gehörigen Würdigung kommen konnte. Es bedarf keiner weiteren Erörterung, dass הכמה im talmudischen sowohl, als im biblischen Idiom mehr erlerntes Wissen, als Einsickt aus Erfahrung geschöpft, bezeichnet. (S. Wessely: 6au naul I. 24, b. und Naschi zu Exodus 31, 3.) Dieses angenommen, find wir dem Verständnis unserer Stelle um ein Bedeutendes näher gerückt. Zn der That besaß Jochanan eine umfassende Gelehrsamkeit, die ihres Gleichen suchte. Es gab kein Gebiet der Wissenschaft, das er nicht gepflegt, in dem er sich nicht Vollkommen heimisch gefühlt hätte, so dass es in einer alten Quelle von ihm heißt: Wenn alle Meere Tinte, die Himmel zu Pergamcntbogen würden, sie reichten nicht hin, Jochanans Gelehrsamkeit zu schildern, so viel hatte er von seinen Lehrern gehört und übernommen, ihm standen seine Kenntniße so zu Gebote, wie das Meer einem Thiere, das daraus seinen Durst löschen will. (Ver. V. 15.) Ein solches Genie musste sich frühzeitig entwickelt haben, und wirklich hielt schon sein Lehrer Hillei große Stücke auf ihn. Im Talmud jer. (V. Hal. VII. Nedarim) wird erzählt: »Als einst der greise Hillel erkrankte und seine Schüler ihn besuchten, blieb Jochanan b. Sakai im Hofe zurück. **) Frankl, Ahnenbilder S. 48. ***) Rosch Haschanah, Rasch! 31 b.! Wo ist — fragte der Meister — ׳ der jüngste unter euch, der Vater (Hervorragender) in der Gelehrsamkeit ist? 38 לחכמה*. Ein solches Zeugnis von Hillel ausgestellt, konnte nicht verfehlen, den Jüngling aufzumuntern, der dann seine Zeit so gut benützte, dass er von den Zeitgenosten als Prototyp der Gelehrsamkeit betrachtet wurde. Aber auch die Nachwelt zollte ihm ihre Anerkennung; so heißt es im Tractat Succah 25, a. אמרו עליל על ריב״ז שלא הניח מקרא משנה גמרא הלכות ואגדות דקדוקי תורה ודקדוקי סופרים קלים וחמורים וגזרות שוות וכד. Man sieht, dass es nicht leicht Einen gab. der sich mit Jochanan messen konnte. Angenommen nun, dass ׳הכמה wenigstens in unserem Falle, Gelehrsamkeit bedeute, konnte dem Jochanan mit Recht nachgerühmt werden: Bei seinem Hinscheiden schwand der Glanz der Gelehrsamkeit 1* Was so viel sagen will: Der durch Jochanans Tod entstandene leere Raum blieb unausgefüllt, denn keiner seiner Nachfolger glänzte durch solch' weitverzweigtes, allumfassendes Wissen. Ich glaube, dass die im Eingänge angezozene Stelle ihre gehörige Erklärung gefunden, und kann nun zu einem andern, ebenfalls auf Jochanan Bezug habenden, aber auch unerklärt gebliebenen Pastus im Talmud übergehen. Wenn das Verdienst Jochanan's, als Gründer des Asyls für jüdische Lehre, von seinen Zeitgenossen nicht hoch genug angeschlagen wurde, so fand seine Gelehrsamkeit um so größere Anerkennung. Dies beweist auch die Anrede, die seine Schüler in seinem letzten Ständlein an ihn richteten. Die Ernsthaftigkeit der Situation enthebt uns des Zweifels, dass die Schüler sich einer gewöhnlichen Höflichkeitsformel, einer nichtssagenden Phrase bedient haben, vielmehr müssen wir annehmen, dass sie in ihrem Schmerzgefühle nur der allgemeinen Stimmung Ausdruck verliehen, dass ihre Anrede aus lauterer Quelle, aus ihrem Herzen floss. In Berachoth 28. b. lesen wir:וכשהלה ריכיז נכנסו תלמידיו לבקרו... אמרו לו נר ישראל עמוד הימיני פטיש החוק■ מפני מה אתה בוכה? »Als R. Jochanan Sohn Sakai's erkrankte, kamen seine Schüler, ihn zu besuchen. Sie redeten ihn an: ,O Leuchte Israels, rechte Säule, gewaltiger Hammer, warum. I u d i t. Eine Erzählung von CäcilieLöwy. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) VI. Dem Hause Mirjam's schloss sich ein schöner Garten an, besten Blumenbeete von kunstsinniger Hand den ganzen Sommer hindurch gepstegt wurden; es war Judit's Werk, die schon am frühen Morgen hinunterging, um an regenlosen Tagen die Erde zu befeuchten, oder das überwuchernde Unkraut zu entfernen. Auch heute war sie, nachdem ein ruhiger Schlaf ihre Glieder gestärkt hatte und bevor es noch im Hause rege wurde, in den Garten geeilt, um die milde Herbstluft einzuathmen. Wie ein Traum lag die gestrige Gemüthserregung vor ihrer Seele und ruhigen Herzens gedachte sie der Ereigniße, die so überwältigend auf sie cingewirkt. Gedankenvoll schaute sie zu dem wolkenlosen, hellblauen Firmament« empor, und lispelnd kamen die Worte über ihre Lippen: ,O, mein Schöpfer, wende mir dein Antlitz zu und gib meinem Herzen stets den ersehnten Frieden, auf dass ich den Lehren, welche die Religion meiner Väter vorschreibt, treu zu bleiben vermag*. Ein leiser Wind rauschte durch die dürren Blätter der Obstbäume und wehte das welke Laub zu ihren Füßen. Bei diesem Anblicke beschlich sie der Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Wie diese ihres Lebenssaftes beraubten Blätter der Verwesung anheimfallen, so wird auch die Kraft meiner Jugend schwinden, dachte sie, und die Bürde der Jabre wird mich einst mahnen, dass meine irdische Laufbahn ihr Ende erreicht. Doch nicht wie diese gedankenlosen Blätter beschließt der Mensch sein Leben, sondern der Glaube an das Fortleben seiner Seele im Jenseits, wo ein gerechter Richter nach Verdienst be^ lohnt und bestraft, erinnert uns vor dem Scheiden aus dieser Welt, einen Rückblick auf die Vergangenheit zu werfen. Und wohl dem, der ein makelloses Leben hinieden vollbracht und sein Herz vor sündigen Trieben bewahrte, er kennt nicht die verzehrende Macht der Reue und Angst, sondern scheidet mit dem beruhigenden Bewusstsein der Schuldlosigkeit. Versunken in diesen Gedanken, schreckte sie zusammen, als sie die Stimme Taube's vernahm» die ihr einen guten Morgen wünschte und sie ersuchte, in das Zimmer der Großmutter zu gehen, da dieselbe über ein Unwohlsein klage und nach ihr verlangt habe. Eilig erhob sie sich von ihrem Rasenbänkchen und schritt dem Hause zu. Mit besorgter Miene öffnete sie leise die Thür zum Schlafgemache Mirjam's und näherte sich ihrem Bette. Die Großmutter schien eben wieder eingeschlummert zu sein, jedoch ihr schneller Athem und die perlenden Schweißtropfen auf den vom Fieber gerötheten Wangen deuteten auf eine herannahende Krankheit. Taube, die in das Zimmer gefolgt war, harrte einer Weisung, und als Judit sie beauftragte, unver