Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 31 (6.9.1885)
- Date
- 1885-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — Vocabeln einiger profanen Sprachen rc. Tritt noch der Umstand Hinz«, was in vielen schlesischen Städten der Fall, dass Sonnabend Wochenmarkt ist, da ist die Synagoge vollends leer und nur mit Noch ist das gesetzliche Minjan zu beschaffen. Es kann und wird überhaupt nur durch einige Greise und bezahlte Arme, die eben mit dem Markte nichts zu. schaffen haben, ermöglicht. Unter diesen traurigen Zuständen drängt sich uns unwillkürlich die Frage aus: Kann unser Gottesdienst fürder in herkömmlicher Weise, d. h. hebräisch abgehalten werden? Was hat ein geschulter Cantor einer des Hebräischen unkundigen Gemeinde, deren es leider sehr viele gibt, überhaupt zu leisten? Kann und soll seine Thätigkeit, die factisch sich jährlich auf 5 bis 6 Feiertage beschränkt — derartig honorirt werden, wie ein Beamter mit oben angedeuteter Befähigung und langjähriger Vorbereitung es doch chatsächlich verdient? Können und sollen etwa die in vielen Gemeinden eingeführten sogenannten Reformen, wie Chorgesang, Orgel, Confirmalion, dreijähriger Thoracyklus der Synagoge in ihrem Verfall förderlich und nützlich sein? Soweit meine Erfahrung reicht, nie und nimmer! Überhaupt sei es mir gestattet, meine Ansicht über importirtc Reformen — namentlich über jene, die von der Kirche hergeholt sind — zu äußern. Der geneigte Leser würde mich falsch beurtheilen, wähnte derselbe, dass ich keine richtige Anschauung über die Macht des Gesanges und der Musik besitze. Wohl weiß ich, dass letztere ein Erbtkeil der Semiten überhaupt, insbesondere Israels ist; lehrt doch schon das Buch der Bücher Cap. 3, 2 a: ,Jubal war der erste Harfen- und Zitherspieler', ferner Numerus 10, 10: ,Und am Tage eurer Freude und an euren Festtagen und Neumonden u. s. w.'; erzählt es uns doch von den Dichterschulen Sam. 10, 5, aus denen unsere unsterblichen Propheten. Dichter und Sänger hervorgingen — wie Chronik I. 25, 6, dass Gesang und Musik Hauplbeftandtheile des Tempel-Gottesdienstes waren, wie cs unsere rhythmischen Psalmen auf's unzweideutigste bekunden. Doch die Synagoge heischt sie entschieden nicht. Sie will nicht auf die Sinne wirken — dieselbe durch Kunst-Andacht bestricken. רחמנא לבא בעי• Sie beansprucht nur Geist und Herz. לב מצבר ונדכא אלדדם לא תבזח Psalm 51, 20. ,Ein gebrochenes, demüthiges Herz verachtest du Herr nicht*. Die Synagoge ist im Gegentheil eine Schöpfung jener Zeit, wo der Psalmist 137, 5, klagend ausruft: ,Wie sollen wir den Gesang des Herrn auf fremdem Boden ertönen lassen? Kirchen-Concerte sind gewiss eine Kunst, ^aber entschieden keine Andacht, wie sie die Synagoge der Diaspora heischt, und können nicht in Folge der kümmerlichen Gemeinde- und Schul- Verhältniße, wo dem Cantor nicht einmal die Jugend zur Verfügung steht, erstrebt werden. Es erinnert mich an jenen schlesischen Cantor, der an seinen Vorstand, welcher durchaus von ihm einen würdigen Chorgesang in der Synagoge wünschte, die Frage richtete, ob er denn allein den gewünschten Cborgesang singen solle. Nun! Gesang und Musik ist und bleibt eine zum jüdischen Gottesdienst gehörige Institution, und da muss nun jeder Cantor sehen, wie er ihr gerecht wird. Aber was nun gar eine vollständig unjüdische Institution — ich meine die sogenannte Confirmation mit den obligaten weißgewaschenen Kleidern und Jungfrauen — der Synagoge frommen soll, ist mir ganz und gar unbegreiflich. Nach meiner Anschauung fördert sie höchstens den Meineid. Geloben doch die angehenden בת מצות und בר vor Gott und versammelter Gemeinde, dass sie lebenslänglich die Pflichten der Thora üben, ihnen mit ganzer Seele treu bleiben werden, und bestätigen sie ihre feierlichen Gelöbniße etwa dadurch, dass sie dem Judenthume später valet sagen und wahrhafte semitische Antisemiten werden? Nein, eine Religionsprüfung — weiter ist und kann sie nach jüdischen Begriffen nicht sein — gehört in die Schule. Wird sie aber als rührendes Spektackelstück in die Synagoge verlegt, so ist sie weiter nichts als eine pure Nachäffung, wozu wir leider bekanntlich leicht geneigt sind. Die Reformen, deren die Synagoge bedarf, sind sehr einfach und müssen aus ihr selbst erfolgen. Tbeils durch Entfernung des im Verlaufe von Jahrtausenden angesammelken Ballast der Pijutim, über die schon Aben-Elra, Koh-let 5, sich äußert sowie der Kinot, wo über ein Thema ca. 100 meittentheils fehlerhafte, unverständliche Elegien-Variationen .andachislos — weil sie unnatürlich eine bereits längst vernarbte Wunde offen zu halten versuchen — hergesagt werden, und die doch ursprünglich eigenS zur Ausfüllung der Zeit von hebräifchschreibenden Chasanim geschaffen und so nach und nach in die Synagoge eingeführt wurden. Eifrige Beherzigung des .und du sollst sie einschärfen deinen Kindern', respective gründliche Kenntnis des Hebräischen, correctes Vorlesen der Thora und eben derartiges Voxtragen der erhabenen Sidur-Gebete, wo der Vorbeter durch den ParalleliS. mus, dieser Eigenheit hebräischer Poesie, die betende Gemeinde führt und hält — etwa wie das Hallet in fortgeschrittenen Gemeinden bereits vorgetragen wird — wäre nach meiner Anschauung eine würdige jüdische Synagogen - Reform. Freilich müßte dann eine Abkürzung der Psalmen stattfinden, wenn diese correct. d. h. mit Beachtung der Leseregeln vorgetragen würden, was nach jener talmudischen Lehre: 'טוב מעט במנה ובו seine vollständige Begründung hat. Und wem dies nickt genügt, der ist einfach auf Privat-Andacht zu verweisen. Das aber ist klar und entschieden, dass in Deutschland, namentlich in Preußen, ledigliche Cantoren, Tonkünstler höchstens in 10 Gemeinden einen Wirkungskreis finden. Das Gros der Gemeinden bedarf geschulter Cantoren und Lehrer in einer Person. (Fortsetzung folgt.) Notyen über R. Jochanan den Sakai. Von I. Steiner in Leva. Im Talmud Sotah 49, a. heißt es als Nachruf des Begründers des Lehrhauses zu Jabneh: ״Beim Ableben des Rabban Jochanan b. Sakai schwand der Strahl der Weisheit hin!" Raschi versucht nicht einmal Liesen Passus zu erklären, und bemerkt kurz: ,Wir wissen nicht, was dies zu bedeuten habe." Meines Wissens ist diese Stelle bis heute auch unerklärt geblieben. Durch Zusammentragung des spärlichen, geschichtlichen Materials soll hier ein Versuch geboten werden, unsern kurzen Nekrolog der Verständlichkeit näher zu bringen. Zuvörderst drängt sich uns die Frage auf: .Warum wird unter so vielen Anderen gerade dem Jochanan das Attribut der Weisheit zuerkannt?' Es kann nichr in Abrede gestellt werden, dass die Gründung gedachter Schule von klarem, hellfehendem Blicke zeugt, aber gerade hier wendet der Talmud gegen Jochanan den Satz an*): ,Er heißt die Weisen zurücktreten, und ihre Einsicht bethört er.' (Jesaias 44, 25.) Sei es, wie der Dichter sagt, dass der Tanai das Höchste errungen hatte: ,Der Feldherr, lächelnd, winkt Gewährung, Wie thöricht ihm die Bitte scheint! *) Gittirr 56 b.