Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 31 (6.9.1885)
- Date
- 1885-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ernstliche Gefährdung des Unternehmens zu..wiederholten Malen.. erwuchs. Niemand gebe sich einer Täuschung hin: wenn dieser Zustand fortdauern sollte, wird die materielle Grundlage der Cantoren-Zeitung erschüttert und dadurch einer der stärksten Pfeiler des Cantorenthums frevelhaft zu Falle gebracht. Der Tag der Einkehr ist nahe. Die Lästigen und Säumimigen, die aus lieber Gewohnheit in den Tag hinein lebend, weder für sich noch für die Standesinteresten ein Glied rühren, mögen endlich zur Einsicht kommen und daran denken, dass wir nicht blos um unserer selbst willen existiren, sondern auch verpflichtet sind, für die Interessen unserer Mitmenschen, nameutlich unserer Berufsgenosten, mit Leib und. Seele thätig zu sein. Wir haben auch von Pflichten gegen uns selbst gesprochen. Nicht die Pflege und die Liebe zum eigenen ,Ich' sei damit gemeint. Nein, die erste und höchste aller Pflichten des Menschen ist die, dass er stets, im Glücke und auch im Unglücke, sich und seinen Principien treu bleibe, dass er niemals wanke und weiche, mag auch die Versuchung in noch so'verführerischer Gestalt an ihn herankommen. Wir Cantoren sind mit einer heiligen Mission betraut, heilig ist der Beruf, dem wir obliegen, rein müssen wir hintreten vor den Altar des Allmächtigen, rein und frei von allen Schlacken muss unser Stand vor aller Welt dastehen. Dieses ideale Ziel zu erreichen, wird stets unser Streben sein, doch sollen wir dahin gelangen, müssen wir auch von allen unseren College» energisch unterstützt werden. Und so möge denn das kommende Jahr unserem Vereine noch größere Erfolge bringen, möge es uns gelingen, das Ansehen und die Würde des Cantorenthums immer mehr und mehr zu heben, damit es unserem schwergeprüften Volke zur Zierde und zur Freude werde! Arber Iu-enthum und Indenheit. (Orig.Corresp. vom Riesen gcbirge). (Fortsetzung.) Veranschaulichen wir uns einmal die Functionen jüdischer Gemeindebeamten. So verschiedenartig sie sind —- fußen sie lammt und sonders auf der Thora. Umfangreiches Wissen im תלך u. zw. methodisch, grammatisch — Kenntnis der Erläuterung derselben, d. i. Mischnah und Gemara. Man wird zugeben dass dies nicht etwaige ideale, sondern nothwendige Erforderniße eines jüdischen Lehrers sind — und dass zur Aneignung dieser Kenntniße, nächst pädagogischem Wissen und Geschick, eine Reihe von Jahren gehören. Die zweite Function eines jüdischen Gemeindebeamten ist die Leüeoüitaü. Sie ist eine Institution der Thora, eine Säule des Fudenthums, die uns in der Völker-Wüste — in der wir lausende von Jahren herumirren, gleich jener Feuersäule, die unsere Vorfahren in der arabischen Wüste geführt — leitet und ist uns in mannigfachen Beziehungen wahrhaft heilsam und förderlich. Diese blutige, religiöse Function erheischt vor Allem einen frommen Sinn, strengste Moralität, außerordentliche Gewistenhaftigkeit, denn die mannigfachen, ritualen Schächter- Entscheidungen sind lediglich ihm unterstellt, mithin genaues Berufswisten und Tüchtigkeit verichiedener Art. Das dritte Amt, das Israel zu besetzen hat, ist das Canlorat. Was das vom betreffenden. Kunctionär erheischt, wollen wir versuchen, kurz und bündig zu fixiren. Der Cantor muss für seinen.Beruf,, d. h. wenn er hierin Hervorragendes leisten soll, Nätnrgaben besitzen. Lediglicher Fleiß und Arbeit genügen ohne sie nicht. Er muß vor Allem die nöthigen Stimmmittel, mnsikalisches Gehör, angeborenen Tact, musikalische Theorie und Praxis haben׳; - dann erst darf er sich diesem Berufe überhaupt widmen. Er muss ferner eine bedeutende Kenntnis der hebräischen Spräche und Grammatik, überhaupt gründliches hebräisches Wissen besitzen, Kenner der umfangreichen Liturgie sein, was alles die Gemeinde von ihrem JHP zu fordern berechtigt ist. Es ist klar, dass jede einzelne, erwähnte Function einen ganzen Alaun mit nöthiger Befähigung erheischt. Wie es um diese Aemter bestellt, respective wie *re verwaltet werben, wenn Einer alle drei versieht — was leider in 71• der Gemeinden aus pecuniären Rücksichten thatsächlich geschieht — das zu schildern, würde uns zu weit führen pud wir überlassen es der Phantasie des geneigten Lesers. Was die Gemeinden dem Functionär dieser drei so wichtigen und schweren Berufe bieten — dies zeigen die stereotypen Annoncen der jüdischen Journalistik. Das Gehalt entspricht nicht im entferntesten den mühevollen Leistungen, der jahrelangen Vorbereitung, und ist in der Regel zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel — selbst für den Beamten, der Functionär sämmtlicher Gemeinde-Aemter ist. Zum Cantor gehört unstreitig unsere heilige Synagoge. Weilen wir ein wenig in derselben und halten darin kurze Umschau. Die Synagoge בית הכנסת. von den Männern der großen Versammlung Esra, Nehemja und den Propheten S'charja, Chagai und Malachi 2c. etwa im Jahre 430 vor der n. Z. (Jost II., S. 438—450) wieder hcrgestellt — und die Hauptzüge des Gottesdienstes — bestehend aus den ewigmustergiltigen Sidur-Gebeten ק״רה״ת und Erläuterung der betreffenden Perikopen Lurch den מתרגמץ — was ist aus derselben durch die traurigen Schicksale Israels geworden! Die erhabenen Sidur-Gebete, wie wir sie jetzt noch besitzen, waren selbst in jener Vorzeit für orientalische, gegenwärtig noch so einfach.» Lebensverhältniße und Bedürfuiße, für tägliche Andacht, so sie würdig, zweckentsprechend gehalten werden soll, zu viel und zu lang. Gegenwärtig, wo das Leben an uns ganz andere. Ansprüche stellt, können sie entschieden nicht in diesem Umfange gehalten werden — so sie nicht, wie es leider geschieht, ,g e bahn D1 abgeleitet von ויבא ישראל את רבתם הרעה וכר׳. Da ist keine Spur von correctem Lesen, Beachtung der Leseregeln, Lobwa-Naoü und Na, Dageseh, Metheg, Tonsilbe :c. Ihrer Fülle wegen werden sie eben sowohl vom Cantor als Gemeinde — in den wenigen Gemeinden, wo noch täglich Gottesdienst gehalten — geradezu abgeleiert, wie das leider sprichwörtlich geworden אשרי יושבי ביתך jener erhabene 145. Psalm. Jesaias Verheißung 56. 8, כי ביתי בית תפלה hat leider in unserer Diaspora eine kleine Vocalversetzung erhalten. Die in׳ Deutschland, namentlich in Preußen, gesetzlich nor» mirten Schulverhältniße von der elementaren Simultan- bis zur höheren Mittelschule machen unserer Jugend die Betheiligung am Gottesdienste vollständig unmöglich. Vergegenwärtigt Man sich diesen traurigen Zustand bezüglich unserer Jugend und Synagoge — den wir durchaus nicht geschaffen — so muß man leider mit Hiob 12, 2 ausrufen: ,Und mit Euch stirbt die Religion'. Sagt doch schon der Talmud אם אין גדיים תישיס בנין. In diesem Punkte sind wir nicht anzuklagen. Wir sind so zu sagen ^uu88im, wenn eine Generation heranwächst, von der es heißt: ,Sie sind Kinder ohne Religion' und leider bewährt sich an ihnen der Ausspruch unseres göttlichen Elegien- Dichters Jeremias 9. 9. ,Siehe das Wort Gottes mißachten sie', obgleich sie nur ein geringes Wissen sich angeeignet haben, diverse