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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-08-29 · Heft 30 (29.8.1885) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 30 (29.8.1885)
Date
1885-08-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Stange befestigten Seraph, dessen Genesung bewirkt? Nein! Das wäre unnatürlich, sondern so oft Israel seinen Blick auf Gott richtet— seine Hände zu ihm erbebt — betet — ist es seines Sieges sicher. Die Punktatoren wollten eben diesen moralischen Gedanken ändenten, indem sie das erste קל defsect punklirten, desien Ntadix קלל gering, leimt, und lesen קל קול יעקב Ol also Jnsinitiv Hisii, und fassen der Vers etwa: Verringert sich die Stimme, das Gebet Jakobs — so fühlt er die Hände Esaus — sagen wir heut zu Tage die Hände des Antisemitismus. So die Hände Esaus, der Antisemitismus, der äußere Druck einigermaßen nachläßt — mildere, politische Zustände für uns eintreteten — so trifft das הקל קול יעקב zu — und es bewähren sich leider die Seherworle: ,Es verläßt Gott, der es geschaffen — und schändet den Fels seines Heilst — In Europa gibt cs bekanntlich außer Israel noch andere bedrückte Consessionen, die theils durch ihre Minderheit, theils durch staatliche Hinderniß e — den Kampf um ihre Existenz zu führen haben. Ich erinnere nur an den Protestantismus in katholischen Ländern — mit seinen mannigfachen Secten, bis auf die Freigemeinden rc. Doch so schwer der Kampf um's Dasein ihnen wird, sind sie immer von religiösem Ernst beseelt, tragen Sorge für Institute zur Heranbildung ihrer nothwendigen Cultusbeamten, für Unterricht und Schulen, somit für den Fort, bestand ihrer religiösen Anschauung. Nicht so ist das Teil Jakobs; hier bewährt sich noch Heu!' buchstäblich jenes uralte Wort: ,Zn jenen Tagen gab cs keine Obrigkeit in Israel. Jedermann that, was ihm recht dünkte'. Wohl sind die trüben Ereigniße, welche unser Volk betroffen — zu berücksichtigen und in Erwägung zu ziehen. Selbstverständlich ist's, dass in Staaten wie Nussland. Polen, einschließlich Galizien rc., die selbst von der Cultur wenig berührt — die Juden theils durch Druck, theils durch ihre vermeintliche religiöse Anschauung — keine Institutionen, welche die Erhaltung und Uebermittelung der Religion an das künftige Geschlecht bezwecken — gründen können. Allein wie sieht es in dieser Beziehung in Deutschland, fpeciell in Preußen aus? Welche Institutionen haben die benschen Juden geschaffen, um den Fortbestand der kostbarsten der Güter — unserer heiligen Religion — zu sichern und zu verbürgern? Unser eigentliches Lebens-Element, die Torab, i die religiöse Erziehung, von der es V. B. M. 6., 7 heißt: ,Und Lu sollst sie einschärfen deinen Kindern n. s. w.' wie sieht es in dieser Beziehung mit Lehrern und Schule aus? Letztere im eigentlieben Sinne, d. h. jüdische Volks- und Elementarschule gibt es in Preußen überhaupt nicht. Eine solche, wie das Schulgesetz sie heischt, können und .wollen die Gemeinden ihrer Geringfügigkeit, wie der vorgeftrebten Verbrüderung wegen weder gründen noch erhalten. Das Judengesetz von 1847 fordert von den Synagogengemeinden» dass jedem Kinde Gelegenheit zum Religionsunterricht geboten werde. Darunter aber versteht das Gesetz nur den sogenannten jüdisch-protestantischen Neligionsunterricht — bestehend in biblischer Geschichte und Religionslehre aus irgend einem der vielen erschienenen Neligionsbücher und zwar böckstens wöchentlich zwei Stunden. Die Wahl derselben ist natürlich dem Lehrer überlassen. Letzterer hat nur durch ein staatliches Examen zu bekunden, dass er die Kennt niße eines Volksschullehrers besitze. Um dessen religiöses Wissew kümmert sich das Gesetz ganz und gar nicht. Wie dasselbe beschaffen, das weiß der Himmel. Die wenigen noch vorhandenen Lehrer haben zwar pädagogische Bildung, sind aber größtentheils unbesähigt, unsere heilige Religion, die Torab — nach uiiierrv 1 Begriffen — der Jugend zu übermitteln. Hierzu gebricht ihnen theils die Kenntnis, theils aber auch die Zeit,, namentlich aber! der gute Wille der Eltern und Kinder. Ungrammatisches mithin fehlerhaftes 8iäur-Leien. sogenanntes Oabrrsn dürftiges mechairisches Uebersetzen einiger Gebete, wie der bereits erwähnte, gesetzliche jüdisch protestantische Religionsunterricht — sist hierorts das Feld jüdischer Lebrthätigkeit. Noch trauriger aber ist es um die Neligionsschule bestellt, die von einem Beamten, der sämmtliche Aemter — Cantor, Schächter und Lebrer in sich vereint — besorgt wird. Da bewäbrt sich buchstäblich Ben-Sebs bekanntes Sie sind ja Fränsein Judit, kam es wie aus einem Munde. Und wie wäre eß, wenn ich euch unterrichten wollte, und ibr alles bei wir lernen könntet, was ihr so sehnlichst wünschet, fragte ich weiter. Da hättest Du, liebe Großmutter, die großen Augen, mit denen sie mich anschauten, sehen sollen, es war mir, als trauten sie ihren Ohren nicht. Ich scherze nicht, sagte ich, antwortet nur. Sie zupften verlegen an ihren Röckchen und sprachen endlich: Sebr, sehr gern wollten wir bei Jbnen lernen. So fraget eure Muteer um Erlaubnis und erwartet mich morgen an diesem Orte, mir Bescheid zu sagen. Gestern hatten wir denn unser Stelldichein und nicht nur die Kinder, sondern auch die Mütter erwarteten mich, um mir für mein Anerbieten freundlich zu danken.' — ,Erlaubst Du also, Groß- Mütterchen?' Mirjam hatte Mühe, ihre Rührung zu verbergen. Sie sagte nur: ,Gott segne Dein frommes Wirken, mein Kind.' So hatte denn Judit Gelegenheit, ib׳׳e Kenntniße praktisch zu verwerten, und sie widmete sich mit Elser der Erziehung dieser beiden lernbegierigen Kinder. In dieser Lebensweise verstrich die Zeit schnell. Woche reibte sich an Woche und Monat an Monat, obne dass Judit das Leben der Großstadt entbehrte. Sie correspondirte fleißig mit ihren Freundinnen ans der Pension, mit ihren Cousinen und zuweilen auch mit der Vorsteherin, Fräulein W. Aus diese Weise versetzte sie sich im Geiste in die ihr so lieb gewordenen Kreise. Heute, zu ihrem 17. Geburtstage, brachte ihr der Postbote eine große Änzabl mir dem Berliner Poststempel versebener Briese und auch kleine Packetchen folgten denselben bei, mit reckt geschmackvollen Handarbeiten, die von ihren Freundinnen verfertigt worden waren. Sie betrachtete und bewunderte alle diese Zeichen der innigsten Zuneigung. Doch nur flüchtig las sie die Briefe, deren Inhalt zu einer solchen Gsleaenbsit ja ziemlich gleichartig ist, indem nur die stylistischeu Ausdrücke der Wünsche variiren. Zuletzt griff sie zu dem Briese Sara's, der zwar kurz und kernig mar, aber ein langes Bostsoriptuva enthielt, das geeignet war. dem Geburtstagskinds die Festesfreude zu beeinträchtigen. Denn da hieß es: ,A propos meine liebe Judit, noch etwas von Dr. Wilms, den Du bei uns kennen lerntest, und dessen Wesen Dich gewiss ebenso sympathisch berührte wie uns alle, die wir oft Gelegenheit hatten, mit ihm gesellschaftlich zu verkehren. Denke dir nun, seit dem Abende, als er sich an unserer Aufführung betbeiligte, mied er consegnent nickt nur unsere Gesellschaften, sondern zog sich auch von allen I seinen Freunden vollständig zurück Er widmet sich mit einem | Feuereifer seinen medicinii'cken Studien, die ec nach der Meinung meines Bruders Max mit einem nnnatürlichen Fleiß betreibt. Neulich brachte die medieinische Zeitung eine lange Abhandlung von einer gelungenen Augenoperation, die Wilms in der Klinik mit bewunderungswerther Geschicklichkeit aussübrte. Er absolvirte bereits seine Studien an der Universität und beabsichtigt, obgleich es gegen den Wunsch seiner Eltern ist, in's Ausland;u gehen, wie man hört, nach Nordamerika, um dort praktisch thätig zu

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