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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-08-29 · Heft 30 (29.8.1885) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 30 (29.8.1885)
Date
1885-08-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— — entkleiden wird. Zm Gegentbeile. Jeder Rückschritt in der Geschichte war nur ein Ausholen mit der Axt, deren Hieb umso kräftiger nach vorne fiel, je weiter sie nach rückwärts geschwungen ward. Nrber Iudenthum und Iudenheit. (Orig.-Corresp. vom Riesen gebirge). Nachdem ich, sehr geehrter Herr Redacteur, durch einige Arbeiten in Zbr geschätztes, in den zahlreichen Gemeinden Oesterreich-Ungarns verbreitetes Organ, bereits eingesührt bin, darf ich wohl hoffen, dass Ihnen mein Bericht über deutsches, -resp. preußisches Judentum und deutsche Zudenheit von diesem hohen Standpunkte aus — vom Niesengebirge — nicht unwillkommen sein dürfte. Zuvörderst gestatten Sie mir, Ihrem geschätzten Leserkreise einiges über mich selbst zu berichten. Leider kann ich nicht mehr mit Nabbi Elieser sagen: ,Ich bin, als wäre ich ein Sieben-- ziger* — nein! Ich habe bereits diesen Lebens?Rubicon überschritten... und bin nicht nur ein ziemlicher Kenner des Judenthums, sondern auch der Iudeuheit. Letztere kenne ich aus Deutsch- Land, Polen, Mähren und Ungarn. In Gemeinden erwähnter Länder habe ich gelebt, gelernt und gelehrt, habe aber vor Allem den Muth einer Meinung und glaube aber auch die Berechtigung zu besitzen, dieselbe wahrheitsgetreu im Sinne!חלחם של הק״בד אמת zum Ausdrucke zu bringen, selbst aus die Gefahr hin, mit Manchem mich nicht im Einklang zu stnden. Auf meinem hohen Standpunkte— dem Niesengebirge —. auf dem es mir diesmal vergönnt war, die Sommerfrische zu genießen, erinnere ich mich der Worte des Dichters, von dem unsere Lehrer behaupten, dass er die Dichrervegabung eines Moses besaß: .Denn vom Gipfel der Felsen sehe ich es und von Hügeln schaue ich cs.* — Rübezahl, jener böse, wetterwendische Geist des Niesengebirges, soll mich in der treuen Wiedergabe, meiner׳ Auffaffung der Gemeindezustände, wie sie hier zu Lande tbatsachlich sind — nicht beirren. Leider kann ich nicht in jene begeisterten Aussprüche des erwähnten Dichters: ,Man sieht kein Unheil in Jakob und kein Mühsal in Israel* — oder in sein: »Wie schön sind deine Zelte Jakob — deine Wohnungen Israel*, einstimmen. Im Gegentheil, Unheil und Trübsal, nicht an-; muthende.Zustände in den Niederlassungen und Gemeinden Jsra- ■ els — drängen sich meinem Auge auf, das aus der Vogel-Perspecrive die Niederlasiungen Israels, u. z. in religiöser Beziehung — überschaut. Unser großer Gottesmann Moses hat in seinem ewig mu'tergiltigen Schwanengesang den: Charakter unseres Volkes mir drei Worten : ,וישמן ישחן ויבעט und Jeschurnn wurde seist — und schlug aus?, klassisch und wahr gezeichnet. - Kein Volk ist bei nur einigermaßen erträglicher Besserung seines Zu׳ ftandes zum Uebermutbe geeigneter, als Israel. Ganz mit Recht bedauptet der Talmud: ,Kein Schmuck ziert Israel so als Elend*. .Nur in diesem Zustande wendet es sich zerknirscht zur Religion. Ein Bonmot, das ich einst las, bestätigt diesen Gedanken, und darum, gestalten Sic wohl dessen Miltheilung, wenn auch sie eine kleine Abschweifung von meinem Tberna bedingt. Ein verständiger, mit kritischem Blick begabter Thoraleser warf die Frage auf, warum baden die Punktatoren I. Buch Moses, Cap. 27. 23. הקל קול יעקב והידים ידי עשו das erste קל defektiv ">ON das zweite מלא punktirt? Bei zwei nebeneinanderstehenden Worten ist die Frage entschieden eine begründete. . Er löst dieselbe in rabbinischcr Weise wie folgt: Es heißt II. B. W. 17, 11 : .Als Moses seine Hand erhob, so siegte Israel und als ׳er sie sinken ließ, so siegte Amalek* und IV. B. M- 21. 9 : ,Und es geschah, wenn die Schlange Jemand gebissen, io schaute er auf die eberne Schlange -— und blieb am Leben*. Nun wirft der Talmud die Frage auf: Haben etwa die erhobenen Hände Moses den Sieg Israels entschieden, oder der vom Verwundeten gerichtete Blick auf den an der I u d »t. Eine Erzäblung von C ä c i! i e L ö w y. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die Ordnung im Gotteshause, sowie der gefüh lvolle Vortrag der Gebete durch den Cantor trugen nur dazu bei, Jndit's andächtige Stimmung zu erhöhen. Mit Aufmerksamkeit verfolgte sie auch die Predigt des Rabbiners, der ' eine Parallele zog zwischen der grauen Vergangenheit, in welcher die Israeliten so empsindlich den Druck der Völker fühlten, unter deren politischer Herrschaft sie lebten, mit der Gegenwart, in der, der Kampf gegen das Judenthum wobl anders geartet, aber nichts desto weniger geeignet ist, den Boden unter seinen Füßen wankend zu machen. Während der Feiertage war das Haus Mirjams von Gästen reich besucht. Verwandte und Freunde kamen, Judit zu begrüßen, und nur das eine Urtheil herrschte in aller Munde, dass gediegene Bildung und ungeheuchelte Liebenswürdigkeit selten so innig harmonirten, wie bei diesem schönen jungen Mädchen. Die Großmutter war glücklich, ihr Haus durch das Walten ihrer Enkelin belebt zu sehen und halte ihre Freude daran, wenn Judit einen großen Theil ihrer Zeit benutzte, Wissenschaften und Musik zu pstegen. Wie oft ertönte ihre lieb- . liche Stimme in den sonst so stillen Räumen, und Frohsinn und Heiterkeit zogen auch wieder in das Gemüth der Großmutter, die in ihrer sie zärtlich liebenden Enkelin nun Ersatz für ihren herben Verlust fand. ,Eines Tages sprach Judit zu ihrer Großmutter: Ich .möchte eine Bitte an Dich richten, wünsche aber im Voraus, dass Du sie mir nicht abschlagen mögest.* ,Daran zweisie nicht, wenn es meinen. Ansichten nicht widerspricht, so soll Dein Wunsch erfüllt werden.' »Als ich vorgestern spazieren ging, begegnete ich zwei kleinen Mädchen, deren kindliches Geplauder ich zufällig belauschte. Beide sprachen einander den innigen Wunsch aus, recht viel lernen zu können. O, sagte die kleine Emma Jakobsohn — ich erkundigte mich nämlich nach ihren Namen — wenn meine Eltern nur Geld hätten, mir Clavierstnnde ertheilen zu lassen! Und wie gern, antwortete daun die in demselben Alter stehende Deborah Friedländer, wollte ich französisch lernen und Literatur und Weltgeschichte und alle anderen Gegenstände, um recht gebildet zu werden. Plötzlich wendeten sie die Köpfchen und sahen mich an, eine Purpurröthe übergoß die kleinen Gesichter, und höflich grüßend wollten sie eilig an mir vorübergehen. Ich hielt sie aber zurück und fragte, in ihre kleinen klugen Augen schauend, ob es ihnen auch Ernst sei mit ihrer Sehnsucht nach vielem Wissen, was sie schüchtern und treuherzig bejahten. Wie heißt ihr denn? fragte ich, und als sie ihre Namen genannt hatten, sagte ich: kennt ihr denn auch mich?-,O ja, -jL

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