Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 30 (29.8.1885)
- Date
- 1885-08-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — wurden besondere .Schulmeister' angettellt, denen das Reckt zustand, ,Gesellen' zu kalten. Schulmeister. Gesellen und Scküler führten ein echtes Vagabundenleben, Zustände, die im 16. Iahrbunderte ihren Culminationspunkt erreichten. Man fuhr als ,Vaganten, Bacckanlcu. fahrende Schüler" non Orr zu Ort, um das ,Handwerk' ansüben zu können, Es gab weder stabile Lehrer noch permanente Schruhäuscr. Die Zugendbildner dieser Epoche werden als ungeschickte Pädanten geschildert, Leute, die von Pädagogik nichts verstanden und auf dem Gebiete der speciellen Methodik unkundig herumtappten. Der Auswurf der Mentckh-it trieb Lehrerei; abgesetzte Pfarrer, entlassene Beamte, ausgestoßene Mönche und verdorbene Studenten. Zn dem protestantischen Deutschland fing's an, zu dämmern. Einzelne Fürsten wollten das Volk aus seiner bisherigen Versumpfung ziehen und von dem Banne mittelalterlicher Geistesnacht befreien. So erließ Herzog Christoph v. W ü r t e mb erg eine Kirchen- und Schulordnung, wonach auch in Flecken und Dörfern Schulen zu gründen seien, eine Verordnung, die 1565 zum Landesgejetze erhoben wurde. Einen einzigen Elemeuiarmethodiker bat das 16. Jahrhundert anfzuweisen: Valentin Zkelsamer, 1530 Schulmeister zu Rothenburg an der Tauber im Franken. In den katholischen Ländern bewahrte das Schulwesen hübick lange einen kirchlichen Charakter, das Lehramt war Anhävgul der Küsterstelie. der Lehrer Adlatus des geistlichen Hei1 .׳ . Zu der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde zum ersten Mate der Schulzwang eingesührt u. zw. von Herzog Ernst turn Fromme n in Gotha, Schulpflicht von 5—14 Jahren. Unter den Wirren des 30jährigen. Krieges konnten die reformalorischen Gedanken eines Comenius nicht zum Durchbruch gelangen, zumal er der Brüdergemeinde augehürte und ein unstätes Leben führen musste. Eine günstigere Aera brach .im 18. Jahrhunderte ein und während Salzmann, Eberhard Rochov, der große Menschenfreund Pestalozzi und andere Philantrouhisten den Boden der Erziehung bearbeiteten, ging der Anstoß zur wahren Schulreform von erlauchten Regenten aus;, in Preußen von Friedrich dem Großen, in Oesterreick von der hochherzigen Maria Theresia. Fried/ich ließ nur solche Lehrer anstellen, die von Hecker in Berlin für gut befunden worden waren. Mit dem erlassenen ,Schulreglement' sollte die Schnlpflichtigkcit von 8—13 Jahren andanern. Friedrich's Bestrebungen stießen aber auf Widerstand und 1779 bestimmte er, da!s ,Invaliden, die lesen, rechnen und schreiben könnten, und sich zu Schulmeistern auf dem Lande schickten, employirt werden sollten. * Zu v. Sedlitz sagte er, dass es gut wäre, Schulmeister vom Auslands zu berufen, die nickt so theuer wären; sonsten sei cs auf dem platten Lande genug, wenn man ein bischen lesen und schreiben lernte. Unter Friedrich Wilhelm III. wurde cs besser, die reformatorische Bewegung hatte die Geister erfasst und das Volksschulwesen nahm einen nie geahnten Aufschwung. 1803 wurde zu Leipzig die erste Öffentliche Bürgerschule eröffnet. Die Leistungen der großen Maria Theresia für das Schulwesen sind nickt hoch genug anzuscklagen, deren diesfällige Ideen nicht nur iuitiär, sondern auch fruchtbringend und uachwirkeud. Ihr Diktum: ,Die Erziehung beiderlei Geschlechtes ist die Grundläge der Sittlichkeit und Glückseligkeit jeder Nation' fand allgemeine Bewunderung. Die Volksbildung, die harmonische Ent- Wickelung der menschlichen Kräfte, den geistigen Aufschwung der Völker hatte sie als Staatssache angesehen und als man der Schule au den Leib wollte, sagte sie: ,Hand fort, das Schulwesen ist und bleibt allezeit ein Politikum.' 1774 berief sie Felbiger aus Preuß-Schlesien und übertrug ihm die Organisation des österreichischen Schulwesens. 3 Jahre vorher batte Meßmer aus Schwaben den Vorschlag gemacht, bei St. Sr-fan ein Seminar für Lehrer und Katechet׳n zu creiren. Er fil mit!einem Anträge durch, und erst Felbiger ward es vorbebaireu, den Präparaudeuknrs in. Wirk!amk״ir zu setze,׳. Die-: geschah 1775 bei St. Anna. Kaiser Josef II. setzte die von seiner hochherzigen Mutter angebahnte Schulreform fort und ließ die Biidungselemente auf breiterer Basis aufbauen. Das Schulpatronar wurde gegründet und der Schulzwang obligatorisch eingeführt. Um sein vorgcstecktes Ziel sicherer und schneller zu erreichen, umgab sich Josef mit Männern, von denen er die Ueberzeugung batte, dass sie die Einsicht und den Willen besitzen, ihn in seinem Streben zu unterstützen. G o l r s r i e d Freiherr van S w i e t e n, ein Mann-von gründlicher Bildung und energischer Thalkraft, wurde 1781 an die Spitze der Studien-Hoscommisfion gestellt, mit der Ausarbeitung eines neuen Unterrichrsplanes betraut, und nahm überdies auf das ganze Schulwesen einen unmittelbaren Einfluss. Ihm zur Seite stand der hochverdiente Josef von S o n n e n f e l s, der sich schon unter Maria Tberesia als Lehrer der politischen Wissenschaften und seiner literarischen Leistungen wegen hervorgethan hatte. Als dritter im Bunde wurde Jo sef Anton Galt, Weltpriester und Lehrer an der Wiener Normalschnle, zum Generaldireetor sämmtlicher Normalschnlen ernannt. Nack dem Abgänge Gasts als Bischof nach Linz wirkte in dessen Geiste Josef Spandau in der Eigenschaft eines Overaufsehers über sämmtliche Schulen fort. Schließlich i-.r noch eines Mannes erwähnt, der sich um das VolkSschulwesen in Mähren und Schlesien bleibende Verdienste gesichert: Ignaz Mebofer Normalfchnldirector in Brünn. So groß auch die Leistungen Felbigers waren, kann nichr in Abrede gestellt werden, dass er der Ausbildung des G ed ä ch r n i ß e s einen zu weilen Spielraum gab; dies machte seine Lehrweise zum Tbeile monoton und einseitig. Man denke nur au das sogenannte Tabestarisiren. Die Pflege des GedachtnißeS ist ein Postulat der Wissenschaft und des praktischen Lebens, doch darf sie nichr in Gedächtniskram ansarten und auf Kosten des Verstandes Orgien feiern. Bis ans die neuere Zeit kränkelte die Schule an der von Felbiger vorgezeichneten, mechairischen Richtung. Unter Franz II. trat durch die 1805 erschienene politische Schulverfassnng wieder ein Rückschritt ein. Der Präparandenkurs dauerte 3—6 Monate, seit 1848 ein Jahr, seit 1852 zwei Jahre, bis späterhin eine neue Ordnung der Dinge einlrat. Im Jahre 1854 ward eine der Stellung der Schule nachtheilige Uebereiukunft mit Nom geschlossen; Messnerdienst und andere kirchliche Geschäfte nahmen den Jünger Pestalozzis ganz in Anspruch, er fristete ein klägliches Dasein, bis die unglücklichen Kriege 1866 die Ueberzeugung nahelegten, bei Skalitz und Königgrätz hätte der preußische Schulmeister gesiegt. 1868 erschien eine Verordnung über das Verhältnis der Schule zur Kirche und 1869 unter dem Ministerium Hasuer ein neues Neicksvolksschulgesetz. Was die heutige Zeit betrifft, erblickt so Mancher düstere Wolken am pädagogischen Horizont und glaubt Canossa hervortreten zu sehen, täglich bester und in schärferen Umrissen aus den Nebeln, die es für kurze Zeit verschleiert hielten. Doch wir zagen nicht und finden in dem Wohlwollen, welches die hochlöblichen Behörden der Schule entgegenbringen — so die vollzogenen Erweiterungen der Klassen — einen Beleg dafür, dass man die Stätte der Volksbildung entsprechend zu würdigen versteht und selbe ihres staatlichen Charakters nach Dezennien nicht