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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-08-21 · Heft 29 (21.8.1885) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 29 (21.8.1885)
Date
1885-08-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 — חיה ,Der Mensch ward ein beseeltes Thier (1. M. 2, 7 ) übersetzt der Targum: לרוח ממללא, zu einem geistig begabten Wesen, das sprechen konnte, zu einem redenden Geist. Wir können uns bei dieser Gelegenbeit der Erinnerung dessen nicht entschlagen, was Herder zum Lobe der Sprache geschrieben: ,Nur die Sprache,' sagt der berühmte Verfasser der Ideen zu einer Geschichte der.Menschbeit, ,nur die Sprache hat den Menschen menschlich gemacht, indem sie die ungeheure Fluth seiner Affecle in Dämme einschloss und ihr durch Worte vernünftige Denkmale setzte. Nicht die Leier Ampbions hat Städte errichtet, keine Zauberruthe hat Wüsten in Gärten verwandelt, die Sprache hat es gethan, die große Gesellerm der Menschen, durch sie vereinig׳en sie sich bewillkommend einander und fchloßen den Bund der Liebe. Gesetze stiftete sie und verband Geschlechter, nur durch sie ward eine Geschichte der Menschheit in herabgeerbten Formen des Herzens in der Seele möglich. Noch jetzt seh' ich die Helden Homers und fühle Ossians Klagen, obgleich die Schatten der Sänger und ihrer Helden schon lange der Erinnerung entflohen sind. Ein bewegter Hauch des Mundes hat sie unsterblich gemacht und bringt ihre Gestalten vor mich. . Die Stimme der Verstorbenen ist in meinem Ohre, ich höre ihre längst verstummten Gedanken. Was jeder Geist des Menschen aussanu, was die Weisen der Vorzeit dachten, kommt, wenn es nur die Vorsehung vergönnt hat, allein durch , die Sprache zu mir. Durch sie ist meine denkende Seele an die Seele des ersten und vielleicht letzten denkenden Menschen geknüpsl. Kurz, Sprache ist der Charakter unserer Vernunft, durch welche sie allein Gestalt gewinnt und sich fortpflanzt.' Wir theilen Anderen unsere Gedanken durch articulirte Laute mit, wir sprechen; wir theilen Andern unsere Gedanken durch sichtbare Zeichen mit, wir schreiben. Schönheit der Sprache ׳ in Wort und Schrift ist ein wesentlicher Factor in der ästhetischeu Bildung des Menschen. Doch auch hier kommt das Schöne nur in seinem Einklänge mit dem Wahren und Guten zur Geltung. Eine schöne Rede im Munde des Gerechten bildet den Verstand, belebt die Einbildungskraft, erregt die edelsten Gefühle, weckt die besten und größten Entschlüsse in der Seele des Andern; sie fördert und nährt die Tugend, bringt lindernden Trost im Unglücke, erhöht den Genuss des Glückes, führt die Verirrten auf die rechte'Bahn und schafft tausendfaches Gute. Eine schöne Sprache hingegen im Munde des Bösewichtes blendet und verwirrt den Verstand, dass er das Wahre nicht erkennt, erhitzt die Phantasie, dass sie zur verderbenden Flamme auffordert, bethört den Willen, dass ec zum Bösen sich wendet. Beredtsamkeit hat, wie schon Cicero ganz richtig bemerkt, wohl viel Gutes, aber auch viel Böses unter den Menschen gestiftet und jener alte griechische Weise hatte Recht, wenn er auf die Frage, was das Beste und zugleich das Schlechteste am Menschen sei, zur Antwort gab: Die Zunge. Wir finden übrigens Idee auch im Midrasch vertreten. (Zalk. Psalm, Kap. 52.) ,R. Gamliel trug eines Tages seinem Diener Tobi auf, er möge ihm etwas Gutes vom Markte bringen. Der Diener ging und brachte eine Zunge. Der Herr befahl ihm hierauf etwas Schlimmes vom Markte zu bringen; der Diener ging und brachte wieder eine Zunge. Und als der Diener über das sonderbare Verfahren um Aufschluss befragt wurde, antwortete er: .Von ihr kommt alles Gute, von ihr kommt alles Schlimme'. Das Wort kann verwerflich und sündlich sein; wenn es Geheiligtes verlästert und entweiht, wenn es von grober Sinnlichkeit eingebeben, das edle Schamgefühl verletzt. Es ist unschädlich, aber auch^ nutzlos, wenn es ein leeres Geschwätz, nur muffige Stunden ausfüllt. Es ist aber heilig, wenn es gilt der Förderung der Wahrheit, wenn es die Geißel schwingt zur Züchtigung der Lüge, wenn es schöne Vorbilder dem Leben zeichnet, um die Thatkraft zu wecken und die Begeisterung. »Wäre ich am Sinai gewesen, sagte ein Rabbi, so hätte ich mir einen doppelten Mund ausgebeten, einen zum heiligen Reden und einen zum Gewöhnlichen, zum Gemeinen. Doch nein! sagte er später, ich hätte es doch nicht gethan. Denn nun, wo ich einen Mund nur habe, kann ich vor leerem Geschwätz mich nicht wahren, wie erst dann, wenn ich einen doppelten Mund erhalten hätte.'—(Jeruschalmi.) Und doch gibt es viele Menschen, die einen doppelten Mund haben in der Bibelsprache:,שפת חלקות' getheilte Lippen, das ist hässlich. Den Brüdern Josefs wurde nachgerühmt: ,יולא יכלו דברו לשלום' »Sie vermochten nicht, freundlich mit ihm zu sprechen'. Des Neides und Haffes konnten sie sich nicht erwehren; aber bis zur Heuchelei, bis zur Ver-' ftellung hinab sanken sie doch nicht.' (S. Zalk. z. St.) Dr. W.r. (Schluss folgt.) Der alte jüdische Friedhof zu Prag. ,Ehre dem Alterthum! Achtung dem Eigenthum! Ruhe den Todten!' Es war im Jahre 1837, als es der zahlreichen Zudengemeinde zu Prag im Ghetto zu eng wurde. Sie kamen daher bei der Behörde um die Erlaubnis ein, den Inden zu gestatten, auch außerhalb der Zudenstadt wohnen zu dürfen Die Behörde gab den Bescheid, dass es der Judengemeinde unbenommen sei, den alten Friedhof, der damals schon länger als 40 Jahre unbenutzt war, als Bauplatz zur Erweiterung der Zudenstadt zu verwenden. Damit dies nicht geschehe, ließ der Rabbinatsverweser Rabbi Samuel Landau, wiewohl zum Tode erkrankt — er starb in demselben Jahre — die oben angeführte Inschrift über der. Fri edhofsthür anbringen. Dort finden wir daS Grab des großen, berühmten Oberrabbiners, Awigdor Kro, welcher vor ungefähr einem halben Jahrtausend an der Spitze der Prager Judengemeinde stand. Ehe er starb, ordnete er an, dass in aller Zukunft, bei etwaigen Gefahren zehn Leute an seinem Grabe zu Gott beten sollten. Das jüngste Mal ist das in den Junitagen des Jahres 1848 geschehen. Der revoltirende Pöbel bedrohte die Juden mit Mord und Plünderung. Fürst Schwarzenberg beschoss vom Hradczin aus die Stadt und bezwang die Revolution. Die Prager Juden» stadt liegt bekanntlich an der Moldau, von drei Seiten von der Altstadt umschloffen. Rechts und links fielen die Bomben und Granaten in die Altstadt und steckten mächtige Gebäude in Brand; aber keine Kugel traf die Judenstadt, kein Gebäude, kein Menschenleben wurde versehrt. Und nun, lieber Leser, folge mir zum Grabe des hohen Rabbi Löw, des gelehrten Verfassers vieler bedeutenden Werke. Mehr aber noch lebt er im Munde des Volkes durch die vielen Sagen, die ihm angedichtet worden sind.- Wer kennt nicht die Sage vom ,Golem', der leblosen Figur, die Rabbi Löw durch kabalistische Zeichen belebt haben soll? Als einst Rabbi Israel Landau, ein Bruder des oben erwähnten Rabbi Samuel Landau, gefragt wurde, ob es wahr sei, dass jener ,Golem' noch heute auf dem Bodenraum der Allneu-Synagoge in Augenschein genommen werden könne, antwortete der Gefragte, fein lächelnd: Sicherlich kann Jeder, der da hinauf steigt, um den ,Golem' zu sehen, einen solchen dort erblicken. Er braucht nur einem- Spiegel mitzunehmen und dort hineinzusehen. — Zur Erlau-

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