Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-08-13 · Heft 28 (13.8.1885) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 28 (13.8.1885)
Date
1885-08-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453027--1450-3455592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nehmen und die Chachamim auf ihren Feingehalt zu prüfen, Hamit nur tüchtige und .würdige Männer das Rabbiner- und Lebramt bekleiden. Freilich ohne Haupt ist der ganze Körper blos Rumpf, , welcher, wenn er lebt, eine ganz unbewusste Scheinexistenz führt. Was die Richtung der spagnolischen Juden in Serbien anbclangt, kann man dieselben als äußerst conservativ nennen, doch scheint schon in früheren Zeiten, etwa noch in der Blütezeit der spagnolischen Juden in Spanien, ein reformatorischer Geist gewrht zu haben, dass er in der Litburgie das Spagnolische als Uebersetzung der Gebetslücke einfübren, ja sogar diese recitiren ließ, wie z. B. die Uebersetzung der Hattorah am 9 Ab., ferner viele Piecen am Sederabende. Was die Aschkenasim anbelangt, so befinden sich dieselben in einer oerschrvindenden Anzahl. In Belgrad hat sich vor einigen Jahren eine kleine Gemeinde gegründet, welche ein kleines Beihaus besitzt, sonst steht es noch im Argen mit derselben, überhaupt mit der jüdischen Erziehung. Man muss es leider öffentlich ausiprechen, dass unsere Aschkenasim so sehr vom assi milalorischer Aetzlauge angesressen sind, dass wir nicht recht wissen,׳ was am solchen Juden mit der Zeit werden kann. Bei einem Zebntel siebt das Judenthum auf sehr schwachen Füßen. Religion, Ceremonialgesctz und Nationalität bilden nur noch einen wesenlosen Schalten und gibt es Familien, welche Alles, was jüdisch ist, böbnen. Der spagnolische Jude hat wenig, mitunter kein Wissen, dafür aber hängt er treu zur Tradition unseres Volkes, und gib! es icbv viele, welche das heilige Land unserer Abnen aufsuchen, theils um einem innern Drange zu entsprechen,!Heils aber um dorr einen guten Theil ibres Lebens zuzubringen. Unsere Aschkenasim baben nur eine Sorge: um ihre materielle Existenz. Wollen wir bei alldem nicht verzagen an Israels innerer Bolkskrafr, wollen wir der gegründeten Hoffnung uns hingeben dais nnier gvtlbegeisterles Volk endlich aus dem Scheintode er, wachen und sich seiner selbst bewußt werden und nickt lange mehr die Zeit müssig verstreichen lassen wird, auf dass die einen mit dem guten Willen auch nationales Wissen, die anderen mi! ihrem nationalen Wissen auch den energischen Willen vereinen, um ein würdiges, erleuchtetes und überzeugnngstrenes Jndentbnm zu begründen. Kleine Chronik. Wien. Auf Anregung des Präses der türkischen Israeliten- G eineinde, des Herrn Marcus M- Nusso, wird der alte Tempel dieser Gemeinde, d!r wohl erst vor siebenzehu Jahren in der Zirkusgasse ‘22 erbaut wurde, demoiirt und an dessen Stelle ein neuer Tempel in streng maurischem Style erbaut. Die Pläne hiezu wurden von dem zur Bauleitung berufenen Architecten Hugo P. v. Wiedenseld ausgeführt. Obzwar die Coufiguration der Baustelle eine höchst ungleichsöimige ist, wurde von dem Architecten doch eine glückliche Lösung getroffen. Gegen die Zirkusgasse wird der Tempel durch eine Abschlußmauer vou der Straße getrennt. Durch Gitterthore gelangt man in einen Vorhof, der durch seitliche Halb-Arkaden es ermöglicht, dass die Fußgeher trockenen Fußes den Vorbau des Tempels betreten. Im Souterrain des Vorbaues befinden sich die Heiz- und Ventilationsanläge und die Hausbesorgerwohnung im Parterre, welches sich zwei Meier über das Straßenniveau erhebt, liegen Trauungszimmer, Sitzungssaal, Stiegenanlage zu den Galerien und Frauen Emporen Cvorzimmer, Garderoben und Vorhalle. Im ersten Stocke befinden sich Frauen׳ Empore und ein großer Winter-Betsaal, im zweiten Stocke Kanzlei und Secretärwohnung. Der Temvelraum selbst repräsentirt sich als ein großer Kupvelbau, welcher durch Zäiilenstellungen von den seitlichen Gängen getrennt ist. Das Materiale, welches hieu! verwendet werden soll, ist durchaus edles, sowie auch die Hauptfacade ganz in Stein ausgesührt wird. Der Bau soll im Herbst kommenden Jahres sertiggeitellt sein. Mit der Demotirung ist im Laufe dieser Woche begonnen worden. Der Gottesdienst wird von Freitag den 14. d. M. angesangen in den zu diesem Zwecke adaptirten großen Saallocalitäten des »Hotel Tauber' verrichtet werden Die Verdienste des Herrn Marcus M. R u s s o um die türkische Gemeinde sind außerordentliche, und seine Opferwilligkeit kennt dort wo es sich um ein Gemeindeinteresse handelt, keine Grenzen. Wie den Neubau, so hat die Gemeinde auch die Einsührnng des geregelten Chor-Gottesdienstes diesem Manne zu verdanken, denn er war es, der den jetzigen Oberkantor I. Bauer nach Wien berufen und demselben die Anteitungen gab, einen Mnstergottesdienst zu schaffen, der in allen sephardischen Gemeinden nicht seinesgleichen hat. Die Wirksamkeit des Herrn Rnsio wird beiouderS dadurch erhöht, dass nicht blinde Nenernugssucht, wie sie jetzt in München Köpfen ^Vuckt, die Triebfeder derselben ist, er vertritt vietmehr den Stand- Punkt, dass die schönen alten Gebräuche und die altehrwürdigen Melodien in der Synagoge als unverletzliche Heiligthümer gewabrt werden sollen. Diesem Standpunkte ist es auch zuzuschreiben, dass die Reformen, die durch ihn eingssnhrt wurden, wie z. Bder Chorgesang, dem er die größte persönliche Ansmerksamkeit widmet, selbst bei den eonservativsten Gemeindemitgliedern keine Opposition hervorriesen. Es ist gewiss zu wünschen, dass auch die neuesten Bestrebungen dieses.wackeren Gemeindepräses von Erfolg gekrönt werden und dass es ihm noch lange Zeit beschieden sei, zum Wohle seiner Gemeinde zu wirken. Wien. Vor Kurzem hat sich hier ein Verein gebildet, der die gewiss löbliche Tendenz verfolgt, dem Jndifferentismus unter der jüdischen Jugend zu steuern. Die Vereinsleituug veröffentlicht nun zur Anwerbung von Mitgliedern folgenden Ausruf: »Stammes- und Glaubensgenossen! Der neugeglündete Verein der jüdischen | jungen Männer ,Zutuns t* עתיד t)at bereits seine Thätigkeit j begonnen. Die Ziele, die derselbe sich gesteckt bat, sind so edel und 1 erhaben, dass sie nur Begeisterung in den Herzen der jüdischen ' Jugend, sowie Anerkennung und Unterstützung in den weitesten Kreisen der jüdischen Gesellschaft hervorzurnsen vermögen. Denn wen gibt es unter uns, in dem nicht die jetzige so ungünstige Lage unserer Glaubens- und Stammesgenossen ein Gefühl der tiefsten! Wehmuth Hervorrufen würde? Welch' jüdisches Herz dnrchbebt nicht seit den Ereignißeu der letzten Jahre und den Vorgängen der letzten > Tage eins schwere Besorgnis um die Zukunft unseres Stammes? > Während im Dunkeln schleichende Widersacher die Völker wider 11115 j auswiegeln, während Racenbass und Neligionsverhetznng gegen daß! Judenthum losziehen, um es der Schmach und völligen Auslösung j entgegenzufühten, hat in unserer Mitte der unverzeihlichste Jndisferentismus platzgegrisfen, hat die Alles vernachlässigende Gleichgiltigkeit die Gemüther umschlungen. Die Bekenner eines und desselben Glaubens, die Nachkommen einer und derselben großen Nation stehen sich gänzlich fremd gegenüber, die Sprößlinge jener edlen Männer, die ihr Gut und Blut dem Wohle ihres Volkes freudig zum Opfer brachten, werden zu geheimen Vertäumdern und ofsenen Verräthern ihres eigenen Stammes Gelockert und zerrissen sind die Bande, die uns einst zu einem mächtigen, allen Feinden trotzenden Volke machten. Soll aber das uralte Volk der Ebräer der liebermacht seiner Feinde nicht erliegen, so müssen wieder diese zerrissenen und gelockerten Bande geknüpft und gefestigt werden! Dieses erhabene Ziel hat sich der Verein »Indischer junger Männer »Zukunft* zur Ausgabe gemacht. Durch geselliges

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.