Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 28 (13.8.1885)
- Date
- 1885-08-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Spsgnolen und Aschkenasim. Von Dr. Rüben Vierer. Die südlichsten Länder Europas scheinen unfern Brüdern mit der spagnolischen Haussprache Vorbehalten zu sein. Ins. besondere grenzt der Unterlauf der Donau so recht natürlich die Ascheknasim-Gcmeinden vpii den spagnolischen ab, und dürften diese die schwer zugänglichen Gegenden auf der Balkanhalb- Lnsel wohl nicht freiwillig gewählt haben, sondern flüchteten sich dahin vor den Scheiterhaufen Toiquemadas und den Nachstellungen der Jünger Loyolas unter den Schutz der ihnen gewogenen Türken, welche über den Balkan schon im 15. Jahr- Hunderte regierten. Die Abgeschlossenheit, in welcher bie Ueberrefte der so unglücklich Vertriebenen bis voy wenigen Decennien lebten, hat wobl manches Unangenehme ^zn Tage gefördert. Vieles Gute haben sic beibehalten und sind noch heute ein Stück lebender Geschichte der Juden, welche des Studiums werth ist. Der spagnolische Jude hat einen eigenthümlichen Stolz bewahrt — eine Art Grandezza und liebt zu imponiren. Die Sprache mag döchst wahrscheinlich ocr spanische Jargon aus alter Zeit sein, an dem das eorrumpirte Latein, welches die Römer ans die bispanische Halbinsel gebracht haben, gut erkennbar ist. Das Spagnolische gilt dem Spagnolen als Schibolelb, wer sein nächster Stammesangehörige ist.' In diesem, den christlichen Spaniern selbst unbekannten Jargon fühlen sie sich heimisch, fühlen sie sich jüdisch, gerade so wie die Juden in Galizien, Rußland und Rumänien den deutschen Jargon als nicht unheilig zu Uebersetzungcn der heiligen Schriften 11. s. tu, geradezu als ihre nationale Sprache ansehen. Wir wollen gerne anerkennen, dass die spagnolische Sprache . Las Wahrzeichen abgibt allen Söhnen Jakobs, welche unter;euer, schrecklichen Verfolgung in Spanien gelebt und gelitten haben, und dass dieses blutige Land gemeinsamer Leide» wohl ein mächtiger Kitt ist, der alles unlöslich zusammenhält — aber dieses Kainszeichen hat den Wertb nicht, dass cs eine Scheidewand bilde zwischen Inden r on Trans- und Cisdannbicn. Ja noch mehr, diese Zucrgsprachc legt den spagnolischen Juden eine überflüssige Last aus, nämlich das Kennen eines so ganz überflüssigen Jargons, welcher zeitraubend ist und selbst die heilige Sprache verdrängt. Die spagnolischen Inden, die Einsichtigen, mit denen wir über Liesen Gegenstand gesprochen, denen wir vorgehalten: wie ihr Inden sprechet und verehret die Sprache eurer Kerkermeister und Henker? Laßt doch ab von ihr! Und sie erwiderten: wir fühlen die Unthaten der Spanier, jedoch hält uns die Gewöhnheit gerangen und wir dachten bis heute nicht darüber nach, aber mit der Zeit und bei gehöriger Anregung wollen wir diesen Ballast abwerfen, der uns bindert bei jeder jüdischen Angelegenheit wie beim Cnltus, bei der Wahl des Rabbiners u. s. w. Freilich haben die spagnolischen Juden viel Edles ünd Erhabenes in ihrem Thun und Lassen, in ihrer Fürsorge.für ihre Gemeindeanzchörigen. in ihrer Lithurgie, in jenen Gebetstücken, welche in etwas abweichender Form von denen der Aschkenasim sind, zittert die heißeste Sehnsucht nach dem Lande der Väter, glüht der jüdische Funke, glüht das jüdische Herz. Wer die hebräische Sprache versteht, wem ein Funke Judenthum im Herzen glimmt, kann das Gebetbuch der Spagnolen nicht aus der Hand legen, ohne erbaut und durchdrungen von jenem süßen Sehnen Heldenmüthiger Connationalen, welche mit Zion auf den Lippen auf dem Scheiterhaufen zu Asche verglimmten. Die Lithurgie scheint darauf binzuarbeiten. um die Liebe der einzelnen Mitglieder zu einander zu wecken. So das Aufrufen zur Tbora, wo dem Aufgerufenen das Wort allen Kehlen entgegentönt. Die Gemeindemitglieder schämen sich des Handwerkers nicht, und dieses also ist die echte uralte Sitte. Der Handwerker wird zu allen Ebrenstellen zugelassen, nicht wie es leider bei unzähligen aschkenasischen Gemeinden der Fall ist. Dagegen vermissen wir hier das herrliche Missinai und der Singsang äbnelt dem in der serbischen Kirche. Hier nennen die Juden ihr Gotteshaus Cerkwa (Kirche). Sonst sind sie in Sitten und Lebensweise den Serben ähnlich, eigentlich den Türken, sie sitzen mit gespreitzten Beinen auf dem Boden des Zimmers over auf einer um die Wände herumlaufenden Bretterbank, ganz niedrig, und essen aufeben so niedrigen schemmelartigen Tischen. Im Uebrigen besitzen sie dieselben Stammeslugenden wie ibre aschkenasischen Brüder, leben sparsam, der Arbeit ergeben und sind nüchtern. Die Keusckbeit der Frauen ist hie: in hohem Maße zu Hause. Europäische Kleiderschnitte sind ihnen noch unbekannt. Doch wollen wir nun diese minderwichtigen Dinge bei Seite lassen und wenden wir uns ihrem geistigen Leben zu. Dieses stellt sich leider in sehr ungünstigem Lichte dar. Das hebräische Wissen lebt nur noch ein Synqgvgenleben. Der Chacham unterrichtet die Kinder, oft fehlt demselben noch gar Vieles, um in unseren polnisch-rui fischen Gemeinden den Schames abzugeben. Die junge Generation wird somit in jihrcr Er< ziehung vernachlässigt, daher kommt es auch, dass ihnen der Zusaminenhang mir dem Judenihume nicht als Natnrnolhwendigkeit erscbeinl. Jndesien fühlen die Eltern das Bedürsnisz nach jüdischen Lehrern, man fühlt dasselbe in Belgrad ebenso gut wie in Nyich und Leskowatz. Und da märe es die Sache beider Alliancen, die jüdische Sache in ihre Hand zu nehmen., ihnen tüchtige Lehrer hinzustellen, damit nicht die Generation aus Mangel an Kennen des Judenthnms früber oder später der Cerkwa zufalle. Ordentliche jüdische Schulen würden das Neltungswerk gewiss vollbringen. Ob man das wohl erwägt? Die spagnolischen Juden bcgen wohl eine große Ehrfurcht vor ihrer Religion, aber damit allein ist nicht genug getban. Wissen muß man besitzen, nickt blos den Willen zu demselben. Die jüdischen Frauen in den meisten Gemeinden, selbst die reichern, entbehren jedes jüdischen Wissens, manche haben Lesen und Schreiben des Serbischen gelernt. Die meisten kommen aus den vier Wänden ihres Zimmers nicht heraus, wo dieselben ihre Zeit mit der Wirtschaft und der Küche zubringen. Der Typus der spagnolischen Juden und Jüdinnen ist auch hier echt jüdisch, wodurch sie jedem Stammesgenossen anssallen, der als Fremder die Seinigen anfzusnchen gedenkt. Im Allgemeinen zeichnen sich die Inden Serbiens durch ihren biedern Charakter aus, treiben Handel mit den einheimischen Produkten und geben keinen Anlass znm Einschreiten der Gerichte. König Milan I. scheint den Juden wohl geneigt zu sein, er beehrt die sephardische Synagoge mit seinem Besuche ein- oder zweimal alljährlich und hält die Antisemiten den Juden vom Leibe. Was am empsindlichsten mangelt, ist ein geistliches jüdisches Oberhaupt, welches, wenn es mit Gaben eines gelehrten Rabbiners Beredsamkeit verbände, großes Ansehen der jüdischen Sache verleihen würde und selbst auf christliche Kreise günstig wirken könnte. Ein solches^Oberhaupt würde, von der Regierung mit der nöthigen Autorität bekleidet, die so dringende Neugestaltung der Gemeinden in Serbien durchführen können. Nur ein solcher Mann wäre die geeignetste Persönlichkeit, von der serbischen Judenschaft die Schmach der Unwissenheit zu