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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-08-13 · Heft 28 (13.8.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 28 (13.8.1885)
Date
1885-08-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Petition zu Gunsten der Ausgewiescnen an das Ministerium' zu wenden und um Zurücknahme oder Milderung der harten Ausweisungs-Maßregel zu bitten. Möge dieses gottgefällige Unternehmen vom beiten Erfolge gekrönt sein! Ä. Z. i. C. Cantor-Fragk. Vom Bezirksrabbiner A. N o t h in Sziklos. X. Das Neiumö dieses Artikelcyklus, in welchem ich die Geschichte des Gesanges im jüdischen Beihause skizzirt'e, ist, dass der Gesang: ,Mein Saitenspiel ist Gott*, stets der Grundton in unseren Gebeten war, ist und sein wird. Der Gesang ist die Seele des Gebetes, er allein vermag uns zur feierlichen Andacht, zur Erhebung und Belebung zu entstammen, er hat ' bie göttliche Macht, die Tiefen unseres Herzens aufzuwühlen, dass wir gerührt und ergriffen werden. — Ein Gebet ohne Gesang ist, wie unsere Rabbiner sich ausdrücken, ein Körper ohne Seele, weil die Andacht nicht geweckt wird. Nebst Echo und Kohelet wurde Schir Haschirim am am meisten im Gotteshause in Anwendung gebracht und als קדש הקדשים betrachtet, weil erj heiligend auf die Gefühle und Gesinnung wirkt, wenn die Allgewalt Gottes׳ durch das schallende Lied gepriesen und verherrlicht wird. Wie wir auß der Geschickte des Gesanges ersehen haben war der Gesang im h. Tempel wie später in den Belhäusern' nickt nur. ein iutegrirender Theil des Gottesdienstes, sondern eine oonäitio sine qua uon. Diese schöne und herrliche Gnadengabe des Gesanges bat, wie Dr. Jellinek sagt'), Gott seinem Volke in reichem Maße verliehen. Seit Moses und Israel das erste Lied angestimmt haben, ist es in Jakobs Wohnungen heimisch geworden, schmückt unser Volk ein herrlicher Kranz von Dichtern und Sängern. Als es auf väterlichem Boden frei lebte und als es fern von Zion in der Fremde herumirrte, am Hellen Tage, wie in den dunklen Nächten, immer tönte das Lied in seiner Mitte, bald in lauten und fröhlichen Weisen, bald in gedämpften, düstern Accorden. Wenn also der Gesang in den früheren Jahren, wo doch der fromme Sinn ein allgemeiner war und den Besucher des Gotteshauses Schauer der Andacht schon ergriffen׳ in den Vor׳ Höfen des Heiligrhumes, ein Erweckungsmittel der Andacht war, um so nothwendiger ist der erhebende und belebende Gesang in unserer Hab- und genußsüchtigen Zeit, wo man mit einem sorgenvollen und leichtsinnigen Herzen das Gotteshaus betritt. Da bedürfen wir dieser Himmelstochter, damit Geist und Herz nicht ganz verdüstere und hinwelke; der Gesang bestügelt unsere Seele׳ erweicht Felsennatnren und stählt die bang Verzagten. Soll das Gebet in unfern Tagen durch den Gesang eine Weihestunde des höheren Lebens werden, so kann es nur durch einen Gesang, welcher das Ohr trifft und durch das Ohr den Weg zum Herzen sich babnt und dort die weichsten und sanftesten Gefühle weckt. Der Gesang in Chören ist, wie Dr. Jellinek richtig bemerkt, dem Geiste des Judenihums angemessen. Denn nicht au den Einzelnen, sondern zumeist an eine Gesammtheit, an eine Gemeinschaft, an ein Volk wendet es sich; nichts kann uns daher so lebendig vor die Seele führen, dass wir zusammengehören, uns eng aneinanderschließen, als der Gesang in *) Reden zu verschiedenen Gelegenheiten. S. 53. Chören, der die verschiedenen Stimmen eint und zum volltönenden Liede verbindet. Harmonie, Wohllaut, Einheit, Einfachheit, Regel, Einklang müssen wieder die Grundgesetze sein, welche in unseren Gesängen walten müssen, der wilde Gesanguniversalismus der polnischen Chasanim muss in unserer Zeit der allgemeinen Musik aufhören, unser Gottesdienst sei durch die neueren Synagogengesänze, die von wahrhaft künstlerifcheu Compositioneu Zeugnis ablegen, ein ästhetischer. Seien wir würdige Nachfolger der Geonim, in welcher Zeit die Responsorien des Chores üblich waren, wir sind berufen den religiösen Gesang zu pflegen, auszubilden und zu entwickeln und die Männer auszuzeichnen, welcheuns den alten jüdischen Gesang in neuen ,entsprechenden Formen wiederge^ geben haben. Soll das Judenthum in unserer Zeit gehoben werden, so kann es am meisten durch die Erhebung des Gottesdienstes geschehen; jede Gemeinde, die Anspruch erhebt eine Cultus- und Cullurgemeinde zu sein, sei eitrigst bestrebt, einen geschulten, kunstsinnigen Cantor, welcher sich seinem Heiligen Amte mit Leib und Seele widmet, anzustellen, ihn anständig zu honoriren, damit er seinem Gotte mit Freuden diene. Wir lösen dikCantorfrage. wenn wir die berufseisrigen Cantoren als die אנשי בית הכנסת שהחזירו עטרה ליושנה betrachten, welche das religiöse Leben in Israel erwecken, fromme Gefühle anfachen, Herz und Geist veredeln; sie sind im Hanse Gottes unentbebrlich, weil sie nur allein mit unwiderstehlichem Zauber ihrer Stimme das Herz ergreifen und es gen Himmel tragen, sie sind unsere Sendboten zu Gott, anf^ sie können wir das Wort der Schrift anwenden: .Ich sende einen Boten, dich zu bringen an den Ort, den ich bestimmt habe. Dieser Boden ist die Andachtsstätte, wo Gott wohnt und thront." Von diesem Boten sagt aber auch die heilige Schrift: Sei nicht widerspänstig, denn jedes Widerstreben ist Widerstreben gegen Gott, mein Name ist in ihm, er verherrlicht und preiset oft meinen Namen. ErlänterumM -es jfift. Gottesdienstes nach Mekore Hatephilla mitgetheill von Simon Diamant. Oberlehrer in Austerlitz. (Schluss.) Wann sollen wir beten? Der freien Andacht aus eigenem Herzeusdrange ist keine Schranke gesetzt, und es steht Jedem frei, zu jeder Zei! Geist und Gemüth zu Gott zu erheben und die Gedanken und Gefühle, die sein Herz bewegen, in Worten als Gebet vor Gott ansznsprechen. Aber Pstickkgebete gibt es nur drei täglich. So betete Daniel dreimal des Tages (Daniel 6, 11): »des Abends, des Morgens und des Mittags schütte ich vor Gott mein Gebet aus und klage, und er erhört meine Stimme". (Ps. 55,18.) Nücksichtlich der Zeit, wann jedes dieser Pflichtgebete beginnen muss, und wie lange es dauern darf, ist Folgendes zu merken: Das Morgen-Lehma soll nach (O. CH. § 58) beim Tagesanbruch beginnen, aber noch wünsckenswerther ist es, wenn es mit dem Sonnenaufgänge beginne und auch . mit Ablauf der drei Stunden ende, d. i. ein Viertel-Tag, da 'bei den Talmudisten sowie bei andern alten Völkern der natürliche Tag in zwölf Stunden eingetheilt wurde. Bei der Bestimmung dieser drirten Stunde muß man auf die verschiedene Tageslänge Rücksicht nehmen. Bricht z. B. der Tag um drei Uhr an, und die

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