Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 27 (5.8.1885)
- Date
- 1885-08-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— -L — tausende und aber tausende jüdische Familien auf das Allerdartette betroffen wurden, hatte eine unbeschreibliche Panique unter denselben hervorgerufen und sie fingen an, in Hellen Haufen auszuwandern um sich das in der Heimat verlorene Brod auf fremdem Boden zu suchen. Wir batten dier mit ähnlichen trostlosen Verhältnißen zu tbuu, wie seinerzeit beim russischen Exodus. Auf der einen Seite wurden wir mit verzweifelten Hilferufen aus Rumänien bestürmt, ausgiebige Unterstützungen zur Linderung der dort entstandenen Noch zu gewähren; auf der anderen Seite verlangten die hereinfluthenden. rumänischen Flüchtlinge ungestüm Befreiung aus der sie schwer drückenden Nothlage durch Beförderung nach der neuen W?lt. Es war ein herzzerreißender Anblick, diese Zammergestaltcn mit ihren von Gram verzehrten Weibern und Kindern um Brod auflehen zu sehen. — Wir thaten. was wir nur immer zur Verbesserung der Lage dieser Unglücklichen zu thun vermochten. Wir sandten eine beträchliche Summe nach Rumänien selbst, und waren andererseits wieder auf das Elfrigste bemüht, die nach Oesterreich hereinströmenden Flüchtlinge mit möglichster Schnelle weiter zu befördern, indem wir die Tauglichen nach Amerika expedirtcn, die Untauglichen aber mit entsprechenden Beträgen in ihre Heimath beförderten, und den Eltern, wo dieses angezeigt - war, zur Erleichterung ihres Fortkommens Kinder abnahmeu, um dieselben dem Handwerke zuzuführen. Monate lang hatten wir ununterbrochen in dieser Richtung zu arbeiten, bis es uns schließlich gelungen, den Andrang allmählig zurückzudämmen, so dass wir es heute nur noch mit vereinzellen Fällen zu thun haben. Und wir dürfen mit Befriedigung eonstatiren, dass wir auch diesmal die schwierige Aufgabe — soweit sie vorläufig überhaupt zu lösen war — gelöst haben, ohne daß die österreichischen Gemeinden, welche ohne Eingreifen der Allianz notwendig von den herbeiströmenden nothleidenden Flüchtlingen hart bedrängt worden wären, von denselben in An« spruch genommen geworden wären. Bei ׳'dieser Gelegenheit mag auch erwähnt werden, dass wir dem Hilfs-Comite in Amsterdam, welches seit Jahren mit rühmenswerthem Eifer die Beförderung russischer und rumänischer Emigranten nach Amerika leitet, und dessen Mittel bereits erschöpft waren, neuerdings einen Betrag in der Höhe von 2500 Frs. votirt haben. Ferner haben wir dem Wiener isr. Handwerkerverein in Hinblick auf sein׳ segensreiches Wirken für die jüdische Jugend Galiziens vorerst auf drei Jahre eine jährliche Subvention von 300 fl. bewilligt. So sehr aber auch Galizien und Rumänien unsere Thätigkeit und Hilfsmittel im abgelaufenen Jahre in Anspruch nahmen, so wurden dadurch doch unsere sonstigen, besonders das Schul- und Erziebungswesen unserer Glaubensgenossen im Inlands betreffenden Agenden keineswegs vernachlässigt, oder auch nur ׳verkürzt. Und so haben wir auch denn im abgelaüfenen Jahre eine stattliche Anzahl hilfsbedürftiger Schulen, welche ohne unsere Hilfe der Auflösung anheim fallen׳ würden, unterstützt. An Subventionen zu Schnlzwecken haben wir Nachfolgen» den Gemeinden bewilligt: der Cultusgemeinde .G. JenikaU fl. 200.—, der Cultusgemeinde Litten fl. 100, der Cultusgemeinde Radouin fl. 100, der Cultusgemeinde Bellovar fl. 100, der Cultulgemeinde Horn fl. 200, der Cultusgemeinde Luze fl. 100, der Cultusgemeinde Bruck a. d. L. fl. 100, der Cultusgemeinde Terejchau fl. 100, der Cultusgemeinde Pbbs fl. 100, dem Cultusverein Krems a. d. D. fl. 200, dem Bethausverein Liesing fl. 150, dem Minjanverein Kornenburg fl. 100, dem Schulcomitä Simmering fl. 200, dem Minjanverein Stockerau fl. 100. Die Zahl unserer beitragenden Mitglieder hat im abgelaufenen Jahre eine wesentliche Steigerung erfahren. Sie erreichte im Jabre 1884 die Höhe von 2720 u. zw: Stifter 8; Gründer 23; Ehrenmitglieder 2; Mitglieder auf Lebenszeit 86 und beitragende Mitglieder 2603 gegen 2256 im vorigen Jahre. Wir dürfen unsrren Bericht nicht schließen, ohne jener Kinder zu gedenken, welche;; ir vor drei Jahren, gelegentlich der russischen Emigration zur dauernden Versorgung übernommen. Die Zahl derselben ist inzwischen durch den bereits erwähnten Zuzug aus Rumänien stark angewachsen, sie beläuft sich dermaleu auf 51. I u d r t. Eine Erzählung von C ä c i l i e L ö w y. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ,Welch' glücklicher Zufall führte Sie denn in diesen Kreis? begann Georg, nachdem sich Frau Dr. Wilms zu den anderen Frauen gesellt hatte; hatte ich doch so wenig Hoffnung, Sie wiederzusehen und Ihre Unterhaltung genießen zu können, da Sie mir schon bei unserem ersten Zusammentreffen Ihr nabe bevorstehendes Scheiden aus der Pension in Aussicht stellten. Gar oft weilten meine Gedanken bei Ihnen, denn die Erinnerung an unser erstes Begegnen bleibt unauslöschbar in meinem Gedächtniße und wie eine süße Melodie klangen Ihre Worte in meinem Obre." .Auf Jbre erste Frage antworte ich Ihnen, dass ich mich im Hause meines Onkels befinde*, erwiederte Judit, ,ich wurde \ erst heute Nachmittag von meiner Cousine Bella zu diesem Abend eingeladen, und von ihrer Frau Mama vernahm ich, dass auch Sie in dem Lustspiele Mitwirken, und eben dieser letzteren Thatsache schreibe ich Ihre begeisterten Worte zu, die Sie aus der Gedankenwelt des Dichters in's reale Leben herübergebracht haben müssen.׳' »Sollte Ihre Bescheidenheit Sie dahin rühren, meine aus dem innersten Herzen kommenden Worte so zu deuten, so würde mich das sehr traurig machen", sprach Georg, ״doch würden Sie mich beglücken, wenn Sie meinen Worten Glauben schenken wollten, nur dies könnte mir einen Beweis liefern, dass Sie mich bereits so weit kennen gelernt haben, um zu wissen, dass Aufrichtigkeit ein Grundzug meines Wesens ist." ״O. glauben Sie nicht, dass ich die guten Eigenschaften eines edlen Charakters bei Ihnen vermisse", erwiderte Judit, ״ein Zweifel Ihrerseits müßte mich ja nur beunruhigen im Rückblick darauf, dass ich Jbuen meinen Einblick in meine Bergangenheit und meine Gesinnungen gestattete. Aber es gibt Worte, welche, vom Herzen kommend, man im Leben so gern kören möchte und doch müssen sie zurückgewiesen werden, weil — ein leiser Seufzer unterbrach ihre Rede — die Gesetze der Natur gebieten. Die Menschen stehen unter dem Einflüße höherer Mächte, welche Schranken setzen, die nicht überbrückt werden; können, ohne die Pietät, die wir unseren nächsten Angehörigen schulden, grausam zu verletzen. Wehe dem, der dem Drange des Herzens keinen Widerstand leistet und der Stimme der Vernunft Schweigen gebietet, er zerreißt die heiligsten Bande der Natur und zieht mit sich so viele in's Unglück. Wird dem Israeliten doch schon von frühester Jugend Entsagung auserlegt, seine Religion gebietet und verbietet so vieles, dass er bei strenger Be-