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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-08-05 · Heft 27 (5.8.1885) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 27 (5.8.1885)
Date
1885-08-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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—2 — Arber ״Entwickelung des Synagoge»- Gesanges". Von Obercantor A. Singer in Wien. XXXIX. Angesichts der bedauerlichen Thatsache, dass ein jüdischer Komponist in den letzten Wochen einen קריש und ברוך אתה fiir טל und גשם oder ר*ה—י׳ב in vollkommen freier melodischer Bearbeitung veröffentlichte, sollte es vielleicht nicht auffallend erscheinen, wenn Faißt, der Nichtjude, die traditionelle Melodie abseits liegen lässt und die Synagoge statt der ge¬ Wohnten Weisen, mit seinen willkührlichen Tongebilden beschenken Wollte, allein der Historiker kann ein solches Vorgehen unmöglich gut heißen, und muss dasselbe entschieden als Mißgriff bezeichnen. ״Es wundert uns vielmehr, dass Faißt bei seinen Experimenten Wenigstens mit der traditionellen Melodie rechnete, wie es bei , seinem עלינו לשבה für מוסף ר״ה zu sehen ist. Sicherlich muß jemand für die Beibehaltung der alten Melodie plaidirt haben; denn wir stnden in der ersten Nummer wenn auch verunglimpfte, doch einige Fragmente derselben- Dis Drgel beginnt mit der Octave in O-dur, schreitet zur Unterquarte und Untersexte fremdartig abwärts und verwischt demnach die vom Vorbeter zu intonirende allbekannte Melodie GL E. C.; ebenso gewaltsam erscheint die weitere Arbeit der Piece, der man! cs allenthalben ablauscht, dass sie nicht ans eigener Machtvoll- I kommenheit, sondern unter dem Drucke irgend einer Notywendigkeit entstand. Gleich nach Schluss dieser Nummer sindet sich jedoch eine zweite Bearbeitung des עינינו, welche allerdings musikalisch streng gegliedert, ebenfalls diese Freiheit der Auffassung des zu bearbeitenden Stoffes bekundet, dass wir zur Ueberzeugung gelangen, Faißt habe den jüdisch-traditlonelleu Gesängen gegenüber nicht die mindeste Pietät beobachtet. Somit ständen wir keineswegs einer zufälligen Erscheinung sondern einer musikhistorischen Anschauung gegenüber, welch' letztere uuter allen Umständen gewürdigt zu werden verdient. Es wird fcstzustellen sein, ob bei der musikalischen Bearbeitung jüdischer Gebete oder jüdisch-historischer Vorwände die etwa vorhandeneu althergebrachten Melodien zu berücksichtigen oder ganz außer Acht zu lassen seien, wie es der anerkannte Kirchcucompouist Faißt mit Vorliebe gethan. Die erschöpfende Beantwortung dieser hochwichtigen Frage ist selbstverständlich eine schwierige, weil einerseits eine Geschichte des Syuagogengesanges noch nicht : geschrieben, aus welcher die Anhaltspunkte für oder gegen die zu behandelnde Angelegenheit hervorgcholt werden könnten, und anderseits weder jüdische noch christliche Componisten sich über den Gegenstand äußerten; deshalb ist es unsere Aufgabe, au der Hand, wenn auch nur weniger, aber dafür hervorragend-maßgebendcr Lhatsachen den Beweis zu liefern, dass in dem angeführten Falle die traditionelle Melodie keineswegs bcfertigt, sondern voll und ganz berücksichtigt werden müßte. Wir sind in der Lage, für unsere Behauptung den Namen eines Mannes zu nennen, der als hellstrahlende Sonne in das Gebiet der Musik hincingeleuchtet und dcffen Strahlenglanz für ewige Zeiten uugeschwächt bleiben, daher auch hoffentlich als Autorität im angeregten Falle gelten dürfte, u. zw. G. F. Händel. Bei Durchsicht seines Oratoriums ,,Israel in Egypten" muß es namentlich uns jüdische Cantoren außerordentlich interessiren, in welcher Weise Händel Israel den Siegesgesang, שירה am rothen Meere anstimmen läßt, und Seite 7\ des Clavierauszuges der Peter'schen Ausgabe stnden wir bei den Worten ,Ich will singen dem Herrn, denn er hat geholfen" nicht blos Anklänge, sondern die vollständige musikalische Wiedergabe der beim Thoravorlesen üblichen נגינה für diese Stelle; noch eindringlicher erscheint die Melodie bei dem Gesauge Mirjams: ,Ich will singen dem Herrn, denn er hat gesieget wunderbar", (Seite 165) wo der Doppelchor mit Macht die vollständige, wenn'auch rythmisirte, XeZmali zu singen hat. Händel, der Schöpfer unsterblicher Melodien, der gewiss auch bei dieser Gelegenheit etwas Gigantisches zu schaffen im Stande gewesen wäre, greift zu dieser einfachen, anspruchslosen, vom rauschenden Leben gar nicht gekannten Melodie und liefert somit den Beweis, dass man bei ähnlichen Vorkommnißen die Tradition beachten und dieselbe kunstgemäß verwerthen müsse 1). Das unverantwortliche Vorgehen Faißts, die alten Gesäuge verdrängen zu wollen, hat sich an dem Meister gerächt, indem von seinen Kompositionen nur einige zur Aufführung gelangten, die übrigen jedoch verklungen und vergessen blieben. Dass die« selben in musiktechnischer Beziehung bedeutend sind, braucht wohl nicht erst betont zu werden. Wir schließen unsere Anseinandersetzuug, dass wir auch, bei Durchsicht des ersten Heftes der Faißt'schen Gesänge derselben Willkühr in der Bearbeitung begegneten, wie dieselbe tm dritten Hefte anzutreffen war. Sind wir nun auch nicht in der Lage, uns zu der von Faißt vorgeschlagenen Nichtuug zu bekennen, war cs vielmehr unsere schwere Aufgabe, in Berücksichtigung der ernsten und heiligen Angelegenheit, unsere Anschauung unumwunden und scharf kund zu geben, so stehen wir trotzdem nicht an, dem verdienstvollen anerkannten Meister für die dem Synagogengesauge gewidmete mannigfache Arbeit und Bestrebung den wärmsten Dankeszoll abzustatten. (Fortsetzung folgt.) Der künstlerische Vortrag. Zum künstlerischen Vortrage gehört die genaue Kenntnis des Stylcs eines jeden Gesaugstück-.s, damit man l. die vorliegende Composition schulgececht singe und 2. die Freiheit des Sängers, nach seinem Ermessen Verzierungen anzubringen, weislich nütze. Dieses Letztere gehört zu dem Schwierigsten der ganzen Gesangkunst, weil die verschiedenen Gesangesarten zwar wissenschaftlich bestimmt sind, jede einzelne musikalische Aufgabe aber durch ihren individuellen Charactcr das Genie des Sängers auf besondere Weise wieder in Anspruch nimmt. Der Singemeister, der seinen Schülern eine allgemeine, für jeden einzelnen Fall giltige Norm geben wollte, würde sich sehr'in seinem Berufe irren, weil er auf diese Weise nur geistlose Manieristen bilden könnte. Es lassen sich auch nicht für alle Zeiten Verzierungen aufstellen, denn der Geschmack wechselt, wie überall, so auch im Gesänge, und was Gutes in . ihm ist, das wird der wahre Künstler stets auffassen und auf seine Art wiedergegeben. Eben so wenig kann man gewisse Stellen angeben, wo Manieren anzubringen wären, denn man kann in demselben Gesangstücke an verschiedenen Punkten Verzierungen mit großem Effecte einy Etwaig; E'mwnrfen gegenüber, dass Händel die dlsFlarrli^Melodie nicht kannte, sondern dass dieselbe eine Erfindung des Meisters sei und nur zu fällig einige Aehnlichkeit besitze, empfehlen wir cindringlichft das genaue Studium der von uns angeführten beiden Stellen, namentlich der zweiten,' und man wird bald anderer Anschauung werden. Auch der erst unlängst Heimgegangene Musiker Hiller äußerte dem Schreiber dieses Aufsatzes gegenüber den Wunsch, die altjüdischen, denkwürdigen Melodien unangetastet erhalten; ja nicht einnral durch eine etwaige Harmonisirung anders gefärbt zu sehen.

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