Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1885-07-28 · Heft 26 (28.7.1885) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
5 (1885)
Issue
Heft 26 (28.7.1885)
Date
1885-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/1304829-3452999-3453025--1429-3455569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 2 — rakters, ohne sich an die traditionellen Gesänge heranzüwagen, Vielleicht aus Pietät für die Tradition, vielleicht auch im Bc- Nichtsein ihrer Schwäche diesen 1־et11 jüdischen Gebilden gegenüber, und strebten nicht nach dem Rubine als Reformatoren des Synagogengesanges glänzen zu wollen; die Synagoge acceptirte dankbar diese Musikschöpsungen, indem dieselben seit Jabrzebnlen in den Gotteshäusern Israels zum Preise Gottes eikiingen und die Gemüther zur Andacht stimmen. Diele Errungenschaft dünkte Faißt zu gering; er wollte nicht blos ein gediegener Kirchencomponist, sondern auch ein Reformator auf synagogalgesanglichem Gebiete werden, daber das willkürliche, dictaiorische Vorgehen bei Schaffung der vorliegenden Arbeiten. Zuvörderst -erscheint uns Dominiren der Orgel, deren Begleitung selbst bei den winzigsten Cantorrecitativen als obligat hinzestellt wird, als eine Zwangsmaßregel, die wir entschieden oou uns weilen müsien. Die Orgel, dieses spccisisch christliche Musikinstrument, -begleitet ja selbst in der Kirche niemals die Nccitativc des fnn- Hirenden Geistlichen und tritt nur bei den Responsorien zwischen Geistlichen und Gemeinde, u. z. als Unterstützung der Gemeinderesponsorien, hinzu — wie kommt es nun, fragen wir, daß Faißt, Der bedeutende Musiker und anerkannte Musikhistoriker, die Orgel in der Synagoge noch uneingeschränkrer auftreten lässt, als es selbst in der Kirche der Fall ist? Wäre der Gegenstand nicht zu ernst, wir würden es geradezu possirlich nennen, wenn wir beispielsweise beim Äbendgottesdienste der hohen Feiertage die im einfachen Sprechgesange vorzurragenden Stellen uwaa^vir gom — wenismacb bediwre sorosecho — hamaawir bonow 2c. Durch schwerfällige Orgelharmonien in ihrem naturgemäßen freien Ftusie beirrt und beeinträchtigt sinden. Dieses unglückliche System, der Orgelbegleitung für Cantorrecitative erscheint auch beim weiteren Gottesdienste für Koscb haschonob und dom Kippur mit einer Zäbigkeit durchgeführt, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, und das müssen wir allen Ernstes als einen bedauerlichen Mißgriff bezeichnen Noch bedauerlicher erscheint uns daS Vorgehen Faißt's bezüzlich der Aufstellung ueuerfundeuer, willkührlicher Melodien als Ersatzmittel der in der jüdischen Lilburgie sattsam bekannten, Die hohen Feiertage so mächtig charakterisirenden Anklänge. Wie ein Traumbild zieht das Mo!iv von Maariw el’roseh haschonoh bei der Stelle Borecbu es adonoj vorüber, um dann bei sämmt- Lichen Vorbeterrecitaliven zu verschwinden und fremdartigen, kalten Longebilden Platz zu machen. Welches Knnstgesetz und und welch' fachmännischer Geleitsbries berechtigte den Meister mit kalter Hand die Heitigthümer des Zudenthums anzutasten und an die Stelle althergtbrachrer, erhebender Gesänge, düstere und frostige Anklävge zu setzen? Es müssen ganz absonderliche Beweggründe gewesen sein, die den Meister verleiteten, für die historisch gewordene Leberna-disroel-Melodie beim AuSheben am ר״וז einen Choral hinzustellcn, der nichts weniger als heilig klingt; diese Willkür fand auch insofern den verdienten Lohn, als im Manuscripte bei der betreffenden Piece die mit Bleistift geschriebene Notiz sich vorsindet: ,Bei uns hier das alte Chasonus' — Ebenso unberechtigt erscheint die Aufstellung eines selbstgemodelten Chasonus für die Kedusoba-Stellen Kewodo, Mimkomo, Adir adirenü 2c. Am auffälligsten jedoch zeigt sich die reformatorische Gesinnung Faißt's bei der Gebetsstelle עלינו לשבח für מוסף ר״ה. (Fortsetzung folgt.) Das HMgthum zu Jerusalem seine Geralhe und seine Hmttionäre. Eine Studie von Dr. Abr. Löwy, Rabbiner und Prediger in Butschowitz, Mähren. Alle Völker, welche auf dem Gebiete der Kunst Hervorragendes leisteten und sich einen unverwelklichen Lorbeerkranz durch bewunderungswürdige Schöpfungen erwarben, lebten zumeist unter solchen politischen Verhälmißen, dass dem sich regenden Schöpfertriebe kein Hemmschnb von außen entgegen gehalten wurde. Zn glücklichen politischen Zuständen vermag der Geist sich frei zu entfalten, erlangter die Frische und den Muth, den Gravitations- Punkt seiner Thätizkeit auf die Darstellung des Schönen zu richten. Bei den Hebräern war daher die für Kunstschöpfungen günstigste Zeit dis -Salomonische, denn unter dem Szepter dieses weisen Königs erfreuten sie sich inneren und äußeren Friedens; im Innern ließ er keinen Parteihader, keine Zerklüftung und Secession festen Boden gewinnen, und wenn sich zuweilen am politischen Horizonte ein kleines Wölkchen z״igte, vermochte er dasselbe durch seine eminente Klugheit baldigst zu zertheilen. In seiner Zeit, berichtet die Schrift, war der politische Himmel Israels klar und rein; ruhig und sicksr saß jeder jüdische Bürger unter seinem Weinslocke und Feigenbäume, die Sonne des Friedens verbreitete ihre milden und erquickend:!! Strahlen nach allen Richtungen im palästinensischen Staate. Was Wunder, wenn man in einer solchen glückt!chen Zeitepoche den Schwerpunkt der Thälig. keit auf die Entfaltung der Baukunst gelegt hat. Der religiöse Sinn, der sich schon in der David'schen Epoche dadurch mänisestirte, dass in Israel das Bedürfnis fühlbar wurde, einen Klystallisaiionspunkt für die gottesdienstliche׳ Verrichtung zu errichten, blieb nicht allein in seiner Frische und Kraft, sondern steigerte sich in dem Grade, dass man ernstlich an die Ausführung des längst gehegten Planes, ein Heiligthum zu erbauen, schritt. Dieses wurde auf dem Berge Mo!ya zu Jerusalem erbaut, und wurde bei diesem Baue die Grundform des tragbaren Tempelzeltes, Misckkan, der Wüste beibehalten. Vor dem Heiligthume stand eine 120 Ellen Hobe Halle, in welcher zwei eherne Hohljäulen ausgestellt waren, von denen eine Jachin, die andere Boas genannt wurde. Die Bedeutung dieser zwei Namen erläuterte der selige Prof. Herzseld in geistvoller Weise: ,Jachin— an keine irdische Säule, wenn sie noch so fest zu sein scheint, möge der- Erdensohn sich lehnen, denn nimmer wird diese ihm ein Asyl, und eine zuverlässige Schutzmauer zu bieten im Stande sein, sondern Gott allein stelle fest, beschütze und beschirme den schwachen Menschen. Boas — in ihm allein ist die ewig fr-sche, grüne und erschütterliche Kraft und Stärke zu finden.' Vor dem Heiligthume standen der Opseraltar und ein hohes Waschgesäß von Erz Im inneren des Heiligthnuus befanden sich ein Tisch für die Schaubrode, ein Altar zum Näucherwerke und eine goldene siebenarmige Lampe; im AUerheiligsten blos die Bundeslade mit den Tafeln der zehn Gebote. Herodes ließ in seinem achtzehnten Negierungsjahre den salomonischen Tempel erneuern, da selbst dieser Tyrann der Volksgunst nicht entrathen konnte; der Neubau des Tempels wurde in Angriff genommen und das Innere des Tempels wurde in anderthalb Jahren seiner Vollendung zugeführt. Während dieser Bauzeit, berichtet die Legende, wurden die Arbeiter am Tewpelbaue durch Regen nicht gehindert. Der Herodianische Tempel lief dem Salomonischen den Vorrang ab; denn er ward ein Prachtwerk, welches von Allen, die ihn sahen, nicht genug bewundert werden konnte. Sowohl daS gesteigerte Größen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.