Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 25 (20.7.1885)
- Date
- 1885-07-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Littersrisches. Wer kennt nicht Baer's ״Baal T’fillali“, jenes unentbehrliche Nachschlagebuch für die Cantoren? Selbst Diejenigen, welche sonst ganz fest beim Vortragen - der üblichen Synagogengesänge sind, werden cs als eine Fundgrube des alten חזנות nicht vermissen wollen. Den jüngeren Eollegen hingegen ist es ein Wegweiser in ihrem Berufe. Es ist z. B. von hervorragenden Meistern darüber geschrieben, und ich kann mich deshalb über dasselbe jedes Wortes enthalten. Aber ich wende mich nur darnm an die Cantoren, um dieselben ans die Fortsetzung dieses bedeutenden Werkes aufmerksam und dem verdienten Herausgeber diese möglich zu machen. Wer den Baal T’fillah hat, muss auch diese besitzen. Die Fortsetzung besteht ans 2 Tbeilen, und zwar soll der erste Thetl unter der Bezeichnung Baal. T’fillah II. bringen: 1. den harmonischen Satz zum Baal D'üIInk 1., 2. neue Chorgesänge, Reeitative und Präludien (mit und ohne Orgel- resp. Orchesterbegleitung) bei außergewöhnlichen Beranlassungcu, 3. Synagogen- und Schullieder, 4. den vollständigen Gemeindegcsang. 5. die deutsche Uebersetznng zum hebräischen Text, 6. liturgische Anmerkungen (die Verfasser der Gebete rc.) und 7. die Fundamente der Musik- und Harmonielehre. — Der zweite Theil soll enthalten: 1. eine Anzahl traditioneller, alter und moderner einstimmiger Gesänge nach polnischen und aschkenasischen Weisen, 2. rituelle Vorschriften und Gebräuche und 3. Ergänzungen und Verbesserungen zum Baal T'fillali I. Es haben sich Bach-Gesellschaften, Händel-Gesellschaften rc. gebildet zur Herausgabe der unsterblichen Werke dieser Meister, und wir Juden sollten nicht ein paar Mark übrig haben für die Fixirung unserer Weisen, die uns Jahrhunderte lang Trost in Trübsal. Erquickung und Erhebung des Herzens in schweren Zeiten gebracht haben? Darnm auf, ihr Synagogenchöre, die ihr so oft Gesänge suchet! Auf, ihr Vorbeter, die ihr Rathes bedürfet! Auf, ihr Vorsteher, denen noch an einem würdigen und schönen Gottesdienste etwas gelegen ist und abonnirt auf Baer's neues Werk! Der Name des Herausgebers spricht für sich selbst. Den minder begüterten Eollegen diene nur noch der Hinweis, dass das Werk auch in.Monatsheften, a 1 Mark, vom Herausgeber dircct oder durch die Kauffmann'sche Buchhandlung in Frankfurt a. Ni. zu beziehen ist. Siegfried Graf in Essen. Wir müssen wahrhaftig unsere höchste Verwunderung darüber aussprechen, dass es eines besonderen Anfrufes bedarf, um die Cantoren zur Subscription auf ein so allseitig anerkanntes, gediegenes und erschöpfendes Werk, wie der Baal 1'üllalr es ist, auzueifern. Die Vorzüge und die Billigkeit desselben ließen einen bedeutenden Absatz erwarten, und es wäre die größte Undankbarkeit von Seiten der Cantoren, die Bemühungen eines Mannes, der fast sein ganzes Leben der heiligen Sache gewidmet hat, mit Theilnahmslosigkeit zu erwiedern. Zm Interesse einer gedeihlichen Entwickelung unserrs Synazogengesauges wünschen wir diesem Werke die möglichst größte Verbreitung. Die Redaction. Kleine Chronik Wien. (Orig.-Corresp.). Sonntag den 12. Juli fand in der ״Talmud-Thora-Schule" der türkischen Jsraeliien-Gemeinde die -Schluss׳ seier des abgelaufenen Schuljahres in Anwesenheit des um diese Anstalt höchst verdienten Gemeinde׳ und Schulvorftehers. Herrn Marcus M. Russo, und vieter Gemeindemitglieder jtait. Die vorzüglichen Leistungen der Schüler und Schülerinnen in allen Disciplinen sichern dem Director der Schule, Herrn Emanuel Groag, sowie dem Religionslehrer, Chacham M. Alkal y, die wohlverdiente Anerkennung der maßgebenden Kreise. Wünschenswerth wäre es jedoch, dass die Bestrebungen der Lehrer durch zahlreicheren Besuch von Seite der Heranwachsenden Jugend dieser schönen Gemeinde unterstützt würden. Nach der Prüfung aus den einzelnen Lehrfächern hielt Director Gioag eine Ansvrache an die Schülerschaar, woraus die schöne Feier mit Absiugung der Volkshymne geschlossen wurde. Wie«. (Orig.-Corresp.) Die Mitarbeiterin unseres Blattes» Frau C ä e i l i e L 6 w y, Gattin des Butschowitzer Rabbiners, Dr. A. Löwy, ist von einem herben Schicksalsschlage betroffen worden. Vorige Woche ist nämlich ihre vielgeliebte Mutter, Frau D o r o th e a B r a n l, Rabbinersgattin in Schneidemühl (Provinz Posen), im Alter von 68 Jahren gestorben. Die Beerdigung fand, am 7. Juli unter außergewöhnlich großer Theilnahme der Juden und Christen statt. Im Tranerhause sprach der Gcmal der. Verewigten, am Friedhofe ihr einziger Sohn, Rabbiner Dr. Branl in Pleß, ihr Schwager Rabbiner Dr. Branl in Preuß. Stargardt und der Nachbarrabbiner von Philene, Rabbiner Dr. Ritter. Die Verewigte war eine sehr fromme und wohlthätige Frau, die ihrer hohen Tugenden wegen in der ganzen Stadt hochgeehrt und geachtet wurde. ית"נ"^"2"ח Wlldapest. Ein Begräbnis^seltener Art hat am 29. Juni in Jbrany (Szabolczer Comitat) stattgefunden. Die Leichenfeier, galt dem dortigen Grundbesitzer Leopold Breuer, welchen die ganze Umgegend als ih:en Wohlihäter geliebt und geschätzt hat. Da der Verblichene jüdischer Consession war, wurde die Trauer-Ceremonie von dem Rabbiner und dem Cantor der jüdischen Gemeinde vollzogen; nachher aber trat der reformirte Seelsorger von Berezel, Herr Blasius Gonda, au die Bahre, um dem Verstorbenen einen warmen, tief empfundenen Nachruf zu widmen Unter dem Glockengeläule der reformirten und der katholischen Kirche wurde alsdann der Sarg von den Mitgliedern der Gemeinde-Obrigkeit und den Leidtragenden in den Friedhof getragen, wo am Grabe abermals der reformirte Seelsorger Blasius Gonda in einer ergreifenden Ansprache von dem Verstorbenen Abschied nahm. Semzevo. Hier ereignete sich folgender merkwürdiger Fall.: ,Vor dem Tußlaer Gerichtshof wurde zwischen einem spaniolischen Juden und einem Christen ein Prozess verhandelt. Es ist gleichgiltig, um was es sich handelte; der Gerichtshof'sprach das Urtheil, dass der Jude schwören müsse. Der Gerichtspräsident, ein österreichischer Baron, ergänzte aber das Urtheil dahin, dass der Schwur wohl dem Juden gebühre, in Anbetracht der Pfiffigkeit aber, die den spanischen Juden eigen ist, wird der Schwur auf seinen Gegner, den Christen übertragen. Der Jude protestirte gegen diese Beleidigung und unverkennbare Außerachtlassung des Gesetzes und verließ den Gerichtssaal, ohne die Entscheidung abzuwarten. Noch an demselben Tage entsendete die Inden-Gemeinde in Tußla ihren Vorsteher an den Oberrabbiner von Serajevo, der sich auch sofort zum Statthalter von Bosnien, Feldmarschall-Lieutenant Freiherrn von Appel, begab, von dem er eine entsprechende Genugthuung forderte. Es vergingen jedoch einige Wochen, ohne dass in der Angelegenheit etwas geschehen war. Da begab sich der Chacham Baschi in vollem Ornat noch einmal zum Statthalter und sprach wie folgt: .Ich kann nicht glauben, dass die glorreiche Negierung Sr. Majestät, unseres allergnädigsten Kaisers Franz Joseph, die diesem׳ Laude so viel Segen und Heil gebracht, für die bosnischen Juden allein nur den Fluch, — den Antisemitismus gebracht hätte; diese Giftpflanze, die wir bisher nicht gekannt haben, sie muss in ihrem Keime erstickt werden, und darum bitte ich ebenso unterthäiiig als dringend, meinen Glaubensgenossen eine entschiedene Genugthuung zu verschaffen. Wenn dieses binnen vier Wochen nicht geschehen wird, so werde ich vor dem Throne Sr. Majestät um Gerechtigkeit an« flehen, und dort werde ich auch Gerechtigkeit finden." Der Statt- Halter war über diese entschlossene Sprache nicht wenig überrascht,