Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 5 (1885)
- Issue
- Heft 25 (20.7.1885)
- Date
- 1885-07-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Begonnen mußte aber mil einer solchen Neorganisation im Herzen des Landes, in Lemberg, werden, von wo aus sie sich leicht Zutritt zu den meisten, bislang einer besseren Einsicht unzugänglich gewesenen Landgemeinden verschaffen wird, wenn diese erst die Ueberzeugung gewinnen, dass durch diese Neorganisation weder die Frömmigkeit, noch der hebräische Unterricht eine Einbüße erleidet. | Die von uns in dieser Richtung gegebene Anregung fiel in Lemberg aus fruchtbaren Boden. Ein unermüdlicher und energischer Mitarbeiter unserer Allianz, Herr I. Mor. Diamand, hat sich dieser Zdee mit aller Liebe und Wärme bemächtigt und mit anerkennenswerthem Eifer an deren Nealisirnng gearbeitet. Eine große Anzahl von Cheder-Melamdim erklärte sich bereit, in ein von uns zu miethendcs, geräumiges und gesundes Haus mit ihren Zöglingen zu übersiedeln und acceptirten die in der angedeuteten Weise geplante Einführung des profanen Unterrichtes. AlS nun die Dinge in Lemberg so weit gediehen waren und ein passendes, aus zwanzig und einigen geräumigen Zimmern bestehendes Gebäude gerade zur Verfügung stand, deleginen wir behufs eventueller Finalisirung der Angelegenheit ein Mitglied unseres Vorstandes und den Vereinssecretär nach Lemberg. Unsere Delegation arbeitete während ihrer zehntägigen Anwesenheit in Lemberg rüstig an der Lösung der ihr gewordenen Aufgabe und fand schließlich, wie groß auch anfangs die der Sache feindliche Strömung gewesen, wohlwollendes Entgegenkommen besonders von Seite der gemäßigten Mittelpartei. Nachdem nun unter eifriger Mitwirkung des Schuldirectors Herrn Landes in Lemberg der Lehrplan für die zu creirende Anstalt,- sowie die Instructionen für den einzusetzenden Aufsichtsrath und die Schul- und Hausordnung (welche im Anhang als Beilage I, II, III und IV abgedruckt ist) ausgearbeitet waren, wurde ein aus sieben Mitgliedern bestehendes Durchführungs-Comitö eingesetzt, in welchem Herr Director Landes als Schulreferent fungiren sollte. * 1 Dieses Comite *) schritt unverzüglich mit anerkenuenswertbem Eifer an seine Aufgabe. In wenigen Wochen war das für unsere Zwecke gemiethete Haus, an welchem bedeutende Reparaturen und Adaptirungen vorgenommen werden mussten, in ein Schul- Haus umgewandelt, wurden sämmtliche Schuleinrichtungen hergestellt, so dass die Anstalt schon am 22. März eröffnet werden konnte. Die Zahl der Zöglinge — eö sind ihrer 381 — welche in die neueröffnete Anstalt einzogen, kann für den Anfang als eine ganz bedeutende bezeichnet werden. Zn der vorerst für zwei Classen eingerichteten Schule leiten 16 Lehrer (Melamdim) den hebräischen Unterricht; der Unterricht in den Volksschulgegenständen wird von. 5 geschulten Classeulehrern und von 3 Hilfslehrern besorgt. Es braucht nicht erst Hervorgeboben zu werden, dass wir nöthigen Schritte zur Erlangung der behördlichen Commission eingeleitet haben. Dass diese baldigst erfolgen werde, dafür bürgt uns das wohlwollende Entgegenkommen, welches uns sowohl von Seite der Landes׳ als auch der Schulbehörde entgegengebracht wurde. Selbstverständlich werden wir mit großer Sorgfalt über die gedeihliche Entwicklung dieser unter so großen Schwierigfeiten in's Leben gerufenen Anstalt, welche berufen scheint, die weitesten Kreise des galizischen Judenthums zur Nacheiferung anzuregen, wachen, und Ihnen hierüber von Zeit zu Zeit Mittheilungen machen. (Fortsetzung folgt.) *) Das (50mite besteht aus den Herren: M. Bach, Salomon Buber, I. Moritz Diamand, H. Zolles, I. Lilien, Moritz Nirenstein und David Rapaport. Als Schulreferent fungirt in dem Comite Herr Director Landes. Das Comite wählte bei der Constituirung: Herrn David Rapaport zum Obmann, Herrn M. Bach zum Obmanns-Stellvertreter und Herrn Z. Moritz Diamand znm Schriftführer. Z. obgleich der Sohn wohlhabender Eltern, batte sich um die Schuigegenstände wenig gekümmert, und daher kam es auch, dass seine Kenntniße nicht weil über die Votköschulwissenschaften hinausreichten. Er war in den Lebensmühen abgehärtet und rauhen Gemüthes. Sein Wahlspruch war: ,Ein Jude soll gar nicht geboren werden.' Des Dichterfürsten Wort: ,Wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten, da gibt es einen guten Klang' ist hier nicht cingetroffen. Die Gattin war in allem der Gegensatz des Gemals. Aufgezogen in einem Hause, in welchem noch die altehrwürdigen Sitten der Patriarchen thronten, zu allen Tugenden unserer göttlichen Religion geführt, setzte sie dem harten Benehmen ihres Gatten nur Sanflmnlh und Duldung entgegen und nur wenn er in Geschäften, was häusiz geschah, auswärts war, dann ließ sie bei Gebeten ihren Thränen freien Lauf, oder sie fand an dem Rabbiner, dessen Töchter sie sich zu Freundinnen erkoren, einen väterlichen Freund, der ihr immer wieder Trost brachte. Indes waren die Vorstellungen des greisen Rabbi bei dem Gatten resultaklos, ja die kinderlose Eoe bol letzterem eine Handbabe zur Ehescheidung, aus deren Vollzug derselbe dem Seelenhirteu auch kein Hehl machte. So vergingen vier Jahre. Jeder anbrechende Tag brachte der armen Unschuldigen neue Vorwürfe, frische, Strafpredigten, bis der gefühllose Gemal, durch die Lethargie, in der die Frau verfallen, gereizt, dieselbe ihrem Grame überlassend, gänzlich verließ. Zwei Monate darnach stattete. Z. dem Rabbi einen Besuch ab und theilte demselben mit, dass bei ihm die Scheidung eine be schlossene Sache sei, und dass er dieselbe bis zu seiner Rückkunft oon einer Freundin in N. verschiebe. Der Rabbi, fest überzeugt, dass der Mann von seinem Vorhaben nicht so leicht abzuwenden wäre, verabschiedete sich, den Entschluss billigend, von seinem Gaste und traf sodann seine Vorkehrungen. Die Sonne stand fast im Zenith als Z. in N. ankam. Der Empfang war ein überaus herzlicher. Seine Freundin, wie er sie nannte, ein munteres lebhaftes Wesen, welches eben siebzehn Lenze zählte, vertrieb ihm die Zeit äußerst angenehm, so dass die Stunden wie im Traume dahinflogen. Eben wollte er wieder seine Liebesanträge erneuern, als sich die Thür des Nebencabinets öffnete, und eine Dame, den Schleier zurückschlagend, in derselben erschien. Nun setzte sie sich ohne Umstände auf den eben von der Haustochter wie absichtslos verlassenen Sessel H. Z. vis-ü-vis, demselben mit der ganzen Gluth ihrer Liebe hell und klar in's Auge schauend. Der anfangs außer Coutact gebrachte Z. brach nun in ein heiteres Lachen aus. Bravo! Köstlich! rief er zu wiederholten Malen ans. Dabei stellte er in der fremden Dame seiner Freundin, fein liebes angetrautes Weibchen vor und empfahl sich mit derselben, für den freundlichen Empfang dankend. Als später der Doctor zur Frau Z. gerufen ward, deutele er lächelnd auf das in der Ecke stehende Kinderstühlchen. m.